Das alte Westberlin und kein Ende: Immer noch ein Erinnerungsort, der im unkritischen Nachhall der Zeitzeugenschaft fortlebt. Was es auch heißen mag, sich im Zurückbeugen auf das Gewesene zu verwirklichen, hiervon geht jedenfalls keine literarische Zukunft aus. Davor ist auch die altgediente Chronistin Ulrike Edschmid mit ihrem neuen Roman Ein Mann, der fällt nicht ganz gefeit.

Überwiegt in der ersten Hälfte des Buchs doch die grandios eingefangene Momentaufnahme einer Paarbeziehung im beschaulichen Charlottenburg der 1980er Jahre, driftet der Erzählstrang danach in Äußerliches ab. Was sich zunächst auf das Private, Heimliche zwischen Mir und Dir konzentriert und das in Sehnsucht gestellte Bei-sich-sein-im-Anderen wie kaum ein zweites verkörpern kann, gibt sich am Ende der aufgesessenen Illusion der Permanenz hin.

Aber der Reihe nach: Ein namenlos bleibendes Paar, er Architekt, sie Schriftstellerin, beide handwerklich begabt, gelangt an eine geräumige, preiswerte Altbauwohnung und macht sich an die behutsame Restaurierung der Bausubstanz, um die unter mehreren Schichten lagernde Aura des Originals wieder aufleben zu lassen.

In einem unachtsamen Moment stürzt der eifrige Geliebte von der Leiter, verletzt sich schwer und muss ins Krankenhaus. Im Kampf gegen die drohende Querschnittslähmung tauschen sie zusehends Aussichtslosigkeit gegen Hoffnung ein und bis die ersten Gehversuche starten, vergehen anstrengende Monate. Wenn die gemeinsam bestrittenen Wege so nicht wieder gegangen werden können, setzt das der Beziehung zu. Das Leben wird zum Überleben; melancholisch, doch niemals resignierend: „Die Hände irren auf der Wand umher, als suchten sie etwas. Einen Halt.“

Indes gehen die Renovierungsarbeiten weiter. Man hilft sich gegenseitig. Das Kolorit der Berliner Südwestbohème, glaubt man Ulrike Edschmid, versprüht vor der Wende weit mehr linksalternativen Charme als heute unter sogenannten „Rotgrünspießern“ aus dem Prenzlauer Berg überhaupt nur anzunehmen wäre.

Der damalige Mikrokosmos Mietshaus weiß um sein Zurückgeworfensein. Da sind sie noch, die im Tractatus lesenden Fliesenleger, die Künstler, die für ein paar Mark das in die Jahre gekommene Fischgrätparkett liebevoll abschleifen, verarmte Adlige, die in überbordender k.u.k-Manier den Hausdiener geben, und natürlich Griechen, Libanesen und Iraner, die sich im Politischen kaum einiger sein könnten. Die Lüsternheit des gegenseitigen Beobachtens durchmisst die unscharf gewordenen Perspektiven des Alltags neu. Das Randständige wird augenscheinlich: Anekdoten von Nachbarn und Passanten wechseln sich einander ab.

Inmitten des gelebten Miteinanders träumt die erzählende Stimme ihren Traum des Konservierens, des Erhaltens. Es ist dann nicht selten eine Ode an die Handwerkskunst, in der die heilenden Kräfte der Sattler, Glaser und Tischler etwas Gutes befördern, das über den rein ästhetischen Wert der Arbeit hinausgeht. Die Materialien um einem herum werden zum Leben erweckt, in sinnliche Dynamik versetzt. Jedes restaurierte Werkstück steht dann aufs Neue der Starre des Kranken entgegen und verspricht therapeutischen Fortschritt. Das Pathologische weicht allmählich dem Rekonvaleszierenden.

Dafür findet Ulrike Edschmid an den entscheidenden Stellen den richtigen Duktus: Präzise und zurückhaltend, aber nicht schmucklos. Die vielen kurzen Kapitel initiieren dann zwischen Ihm und Ihr eine besondere Kommunikation der Wortlosigkeit. Es ist das Sprechen ohne Laute, ein Reden nur mit Blicken und mit Gesten. Doch über das Idyll zieht ein Krisenherd nach dem nächsten ein. Als in der Nachwendezeit und im neuen Jahrtausend plötzlich von Spekulanten, mafiösen Strukturen und Terrorgefahr die Rede ist, geht das Liebgewonnene zu Bruch.

Die Beziehung verliert sich darüber aus dem Fokus der Erzählten. Daran leidet der Roman, der nicht recht einsehen will, dass die Welt in den letzten dreißig Jahren eine andere geworden ist. So ist man unweigerlich der Veränderung unterworfen; immer schon. Wie in allen Zeiten zuvor, hat ein weinerlich verkrampftes Festhalten am Alten noch niemals dessen Aufschub erwirkt. Besonders dann nicht, wenn mit latent wertkonservativen Seitenhieben versucht wird, das vermeintlich eigene Revier zu markieren. Es bleibt dann nur noch die Erinnerung, aus deren naivem Paradies wir nicht vertrieben werden wollen; uns daran aber keineswegs aufhängen sollten.

von Marcus Böhm

Ulrike Edschmid: Ein Mann, der fällt. Suhrkamp Verlag: Berlin 2017. 187 S., 20,00 Euro.

http://www.suhrkamp.de/buecher/ein_mann_der_faellt-ulrike_edschmid_42581.html

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