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Zu Beginn des Jahres startete ein Experiment: Ein scheibchenweise angelegter Fortsetzungsroman im Internet. Ziemlich innovativ von Autor und/oder Verlag eingefädelt, wenn man potentielle Leser schon in den Entstehungsvorgang eines Buches einbindet. Denn wir alle können im Rahmen einer verhältnismäßig klug initiierten Maschinerie selbst zu Teilen der Schreibwerkstatt werden. Das Ins-Werk-Setzen eines Romans ist jetzt immer schon durchdrungen von tagtäglichen Lobpreisungen, Gefühlsausbrüchen und Verrissen seitens der (un-)kritischen Kommentatoren am anderen Ende des Smartphones. Eines der letzten, noch nicht vollständig erforschten Refugien des Originalkünstlers wird also neu durchdacht. Das Private wird einmal mehr in den Bereich des Öffentlichen zwangsüberführt. Was davon als Exhibitionismus und was als Voyeurismus zu werten ist, bleibt offen. Wichtig ist jedenfalls, dass innerhalb dieser wechselseitig angelegten Darstellungsform die Grenzen von Textkonsum und Textproduktion weiter verrückt worden sind. Seit wenigen Tagen liegt nun die geschliffene Endfassung von Morgen mehr, dem vierten Roman des Bachmann-Preisträgers Tilman Rammstedt im Hanser-Verlag vor.

„»Ist Claudia ein Mensch?«, fragte der Junge plötzlich von der Rückbank. »Natürlich«, sagte mein Vater. »Dann wurde sie mal geboren, richtig?«, fragte der Junge. »Ich glaube schon«, sagte mein Vater. Der Junge notierte sich das. »Dann hat sie mit Sicherheit Eltern.«“

Worum geht es? Im Anflug freier Liebe verbringt die spätere Mutter des Erzählers den Sommer 1972 in Marseille und ist kurz davor von einem Franzosen verführt zu werden. Auf der anderen Seite im bundesrepublikanischen Frankfurt ist der unbeholfene Noch-nicht-Vater gerade im Begriff mit einbetonierten Füßen und einem auf ihn gerichteten Revolver in den Main geschmissen zu werden. Der Ausgangspunkt setzt im Bedürfnis ein, die sich bis dato unbekannt gebliebenen Elternteile zu ihrem gemeinsamen Glück zu verhelfen; sie zusammen zu führen. In fluchtartigen Umwegen nach München und Paris verläuft die Geschichte über den zwielichtig naiven Dimitri, der für einen Russen erstaunlich gut hessischen Dialekt spricht und eigentlich Uwe heißt. Da sind, neben vielen anderen, drei dubiose Männer im Pelz auf der Jagd nach einem verlorengegangenen Koffer mit geheimnisvollen Inhalt. Ein kopfschmerzgeplagter Grenzpolizist und der gehörnte Fridtjof. Claudia, die immer wieder in Erinnerung gerufene Ex-Freundin des Vaters und auch Eva, die bei der Geburt verstorbene Zwillingsschwester der Mutter. Zersprungene Windschutzscheiben, keuchende VW-Käfer-Motoren und nicht mehr funktionierende Uhren bestimmen das Bild. Doch schon früh liegt offen, dass es sich nur vordergründig um eine Melange aus Romanze und Roadmovie handelt.

Denn dem nicht mal einen ganzen Tag währenden Handlungsstrang gehen subtilere Reflexionen voraus. Um sich auf den gegenwärtigen Prozess des Schreibens überhaupt zu verständigen, versetzt sich der Autor in die pränatale Lage seiner selbst. Von heute aus gesehen weit über vierzig Jahre zurück in die Vergangenheit. Was bedeutet es überhaupt, vom eigenen Leben erzählen zu können? „Seine eigene Geschichte kann man ja gar nicht erzählen, jedenfalls nicht so, dass sie einem irgendjemand glaubt.“ Die Möglichkeit zur Autorschaft generiert sich hier in einer sehr kunstvoll ausgestalteten Weise. Indem die eigenen Eltern mit literarischen Mitteln dazu gebracht werden, im quasi-realen Leben des noch zu schreibenden Buches zueinander zu finden. Die biologische Erzeugung des schreibenden Ichs erfolgt somit erst durch eine sprachliche Legitimation des Autors selbst. Man nähert sich der eigenen Biografie an, um das Ganze noch einmal durchzuspielen, es nach Gutdünken zu formen. Erst dadurch verschafft man sich die notwendige Vergewisserung, um sich eines fremdbestimmten Kontrollverlusts der eigenen Persönlichkeit zu entziehen.

Welche Rolle spielen dabei Überzeugungen, Einstellungen und Zweifel? Es geht vielfach um Wissen und Nichtwissen, Irrtum und Lüge. „Dabei ist mir die Wahrheit eigentlich reichlich gleichgültig. Sie erscheint mir nur immer die unkompliziertere Wahl zu sein.“ Vieles weiß man aus der eigenen Perspektive zu berichten, doch über geradezu nichts, was vor der Geburt lag oder nach dem Tod kommen wird. Man muss also erst einmal geboren worden sein, sozusagen Eltern gehabt haben, um überhaupt Worte finden zu können. Ohne diese grundlegende Einsicht bliebe es stets bei einem Riss zwischen theoretischer Erzählmöglichkeit und praktischem Vollzug des Lebens. Sollte es ein Apriori des Schreibens geben, wären uns dann auch die Techniken des Denkens schon vor der Geburt zugänglich? Der Autor ringt in diesem Sinne mit der potentiellen Angst, möglicherweise niemals Teil dieser Welt geworden zu sein. „Ich darf nicht darüber nachdenken, dass man ja vielleicht nicht unbedingt geboren werden muss.“

Der Schreibende stürzt sich in die wagemutige Beeinflussung einer vermeintlich so stattgefundenen Realität, für die es aber keine Verifizierungsmöglichkeiten mehr gibt (Möglichkeitssinn). Zudem überschlagen sich die Zeitformen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Was einmal wahr war, wird bald nicht mehr wahr gewesen sein. Alles bleibt im Fortgang der Geschichte auf den Versuch hin angelegt. Der Erzähler – und mit ihm auch der Leser – ist dabei nicht nur der Kopf des Geschehens auf dem Papier, sondern immer auch anwesender Akteur im Handlungsspielraum der Protagonisten selbst. Im Anordnen einzelner Versatzstücke aus Erinnerungen, dem wichtigen Notizheft des kleinen Jungen von der Rückbank und Mutters To-Do-Listen (Punkt 77: „Die Zeit anhalten.“) eröffnet der Schreibende eine Mitleidsethik gegenüber seinen selbst geschaffenen Figuren.

Es ist vielleicht die kolportierende Anordnung, die Tilman Rammstedts neuem Roman etwas Sogartiges verleiht. In weit über sechzig Kapitel schälen sich unterschiedliche Erzählmomente heraus. Die Perspektive verflüchtigt sich, tritt einstweilen wieder verstärkt in den Vordergrund oder reflektiert sich selbst auf einer gedankenprotokollarischen Metaebene. Ungewöhnlich auch die eingeschobenen Zusammenfassungen des derzeitigen Status quo und den andeutenden Vorausgriffen auf das, was einmal kommen soll. Ironischerweise bedient sich der Roman an diesen Stellen den Mitteln und Techniken der allseits beliebten TV-Serien, auf deren Spannungsbögen und Wiedereinstiegsmöglichkeiten er gleichsam setzt. Kaum verwunderlich also, dass der Text in Buchform auch noch die Züge des täglich erscheinenden Internetblogs trägt. Er will immer wieder neu begeistern, einen großen Kreis an Lesern bedienen und vor allem eines: Nie langweilig sein, auch wenn mal ein Kapitel verpasst wurde.

Zugegebenermaßen könnte darin die Stärke und Schwäche zugleich liegen. Tilman Rammstedt hat ein Buch für Alle und Keinen geschrieben. Diejenigen, die sich für eine mitreißende Story begeistern, fühlen sich von den metaphysischen Zwischentönen belästigt. Umgekehrt könnte die reichlich aufgerüstete Szenerie etwas bescheidener daherkommen, um den pointierten Auslassungen über die Bedingungen der Möglichkeit unseres schreibenden Selbst noch mehr Platz zu lassen. Und doch, der Clou des Buches liegt einfach darin, stets beides zu sein. Nämlich Tragikomödie und Trashfaktor in einem. Bleibt die Frage, worunter das Reißaus nehmende Schäfchen namens Marie-Antoinette unter dem Eiffelturm einzuordnen wäre.

von Marcus Böhm

Tilman Rammstedt: Morgen mehr. Carl Hanser: München 2016. 224 S., 20,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/morgen-mehr/978-3-446-25096-3/

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