Von der ersten Zeile an sieht man sich der durchdringenden Härte der Sprache Tijan Silas ausgesetzt. Ihre eigenwillige Kontur ist derb, atemlos, nahezu brutal. Sein Debütroman Tierchen unlimited setzt folgerichtig auch mit einer rasanten Fluchtbewegung ein. Einer Flucht vor einem wahnwitzigen, prügelnden Neonazi, der es auf den Ich-Erzähler, seines Zeichens bosnischer Herkunft, abgesehen hat, nachdem dieser die Schwester des Rechtsradikalen verführt hatte.

In eben dieser Drastik wechseln sich die Schauplätze des Romans einander ab. Man erlebt den Erzähler als pubertierenden, testosterongeladenen Jüngling in der spätsozialistischen Plattenbauromantik Sarajevos und der kriegsumwitterten Ära der 1990er Jahre, im vermeintlich heimeligen Idyll der Pfalz um die Jahrtausendwende und darauf schließlich als halbseidenen Germanistikstudenten in Heidelberg.

Die lesenswertesten Abschnitte des Romans stellen dabei ohne Einschränkung die Erinnerungen an die Jugend in Sarajevo dar. Immer noch wissen wir zu wenig aus dem Alltag, und noch weniger von den Träumen und Sehnsüchten der spielenden Kinder, für die sich durch den Krieg plötzlich alles veränderte. Es sind dann die Kleinen, die den Kampf der Großen imitieren wollen. Versorgungsengpässe, klirrende Kälte und das grassierende Faustrecht verschärfen das Gesetz der Straße, in dem man sich als Jugendlicher umso mehr gegen körperliche Gebaren und unbegründete Rivalitäten schützen musste: „Für Jungs hatte alles irgendwie Gewalt zu sein, ein Leben aus Starren, Drohen, Reißen, Schlagen.“

Nach der Flucht aus dem ehemaligen Jugoslawien hat es der Erzähler im Kreise seiner deutschen Mitschüler nicht gerade leichter: „Ich glaube, die meisten von uns hielten dich einfach für gestört, weil du aus dem Krieg kamst.“ Allen Handlungsschichten sind Krieg und Kriegsnachwirkungen eingeschrieben. Tijan Sila entwirft dahingehend eine Szenerie des immerwährenden Kampfes, in der die Frontlinien überall zu verzeichnen sind. Wenn nicht auf dem Schlachtfeld oder als verprügeltes Naziopfer, dann auf einer verbalen oder psychologisch motivierten Ebene der Gewalt. Die Stimmung der Enthemmten und moralisch Verwahrlosten greift insofern auf alle Bereiche des gesellschaftlichen Miteinanders über. Es ist die Lust auf Nervenkitzel, die auch den Erzähler selbst umgarnt: „Im Krieg wie im Frieden suchte ich eine bestimmte Art von Erregung.“

Tierchen unlimited ist ein Aufschrei, der sich gegen den braunen Sumpf, aber auch gegen das Establishment, gegen die Verwöhnten und Anständigen richtet. Dieser Roman bekämpft linke wie rechte Ideologien gleichermaßen. Aus einem geradezu anarchischen Impetus heraus will er den Linientreuen aller Couleur vor den Kopf stoßen. Die Einbrüche und Diebstähle in der Studentenzeit des Erzählers entstehen daher nicht nur aus dem Antrieb der persönlichen Bereicherung heraus, sondern auch und vor allem, um es den gesättigten und gleichgültigen Deutschen heimzuzahlen.

Trotz der thematischen Relevanz und einer durchaus rastlosen Lektüre bleibt ein fahriger Text übrig, der etwas zu offensiv mit abgegriffenen Klischees und psychologisch unterkomplexen Schablonen hantiert, ohne dabei einen greifbaren Plot zu entwickeln. Obwohl der Form nach überhaupt nicht intendiert, hätte diesem Roman eine Prise literarischen Feinsinns überaus gutgetan. Mit seinen zusammengewürfelten Szenen, Anekdoten und oftmals abgehakten Strukturen haftet ihm das Stigma des Unausgegorenen und Zufälligen an, das dieses Debüt dann nur schwerlich über die Schwelle des Unterhaltungsromans hinaus treten lässt.

von Marcus Böhm

Tijan Sila: Tierchen unlimited. Kiepenheuer & Witsch Verlag: Köln 2017. 223 S., 18,00 Euro.

http://www.kiwi-verlag.de/buch/tierchen-unlimited/978-3-462-05026-4/

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