Was heißt und zu welchem Ende beschäftigt man sich eigentlich mit Literatur? Diese vielleicht schon aus der Mode gefallenen Fragen stellt sich Thomas Hettche, seines Zeichens vielfältig verdienter Autor, in einem lebendigen Parforceritt durch die Geistesgeschichte noch einmal aufs Neue. Doch gehen die Rückblicke über fahles Kopfkino weit hinaus und konturieren sich oftmals aus einer konkreten, ja aktuellen Sachlage.

Die meist kurz gehaltenen, teils auch autobiographischen Betrachtungen erinnern in formaler Hinsicht nicht selten an die Denkbilder bei Walter Benjamin und Ernst Jünger. Doch positionieren sich diese Texte nicht ausschließlich in einem altväterlichen Duktus, sondern halten wache Diagnosen der Gegenwart bereit, in denen der Ermöglichungs- und Erfahrungsraum für Literatur aufgeschlossen wird.

In Zeiten des nicht kontrollfähigen, freiheitsunterjochenden Terrors und der einschneidenden Sichtachsenverschiebung elektronischer Wahrnehmungspraktiken attestiert Hettche der heutigen Generation eine metaphysische Verwahrlosung: Denn wir leben, so die These, nur noch in „digitalen Surrogaten dessen, was einmal unsere Innenwelt war“. Die Übersetzungsfähigkeit menschlicher Interesselagen in Datenströme und ihre unfreiwillige Enteignung geht dann schließlich mit der direkten Beeinflussung unserer kanalisierten Gefühlswelten einher.

Diese Dynamik koppelt Hettche tendenziell an den Verlust von Muße. Im Abbröckeln des Schöngeistigen wird somit versucht eine Lanze für die Kulturform des Romans zu brechen. Vor gar nicht allzu langer Zeit war er es doch, der als eine Art „Ego-Shooter der Medienwelt“ uns die Empfindungen anderer spüren lassen konnte. Lektüre war dann so etwas wie Begreifen und gleichzeitiges Wiederfallenlassen einer schier unendlichen Flut an Eindrücken, deren potentielle Schuldfähigkeit sich höchstens als zarte Falte der Unschuld zeitigen ließ.

Doch das war im 18. Jahrhundert, als die Unhintergehbarkeit der Sprache die Lesenden nicht entkommen und sie stets „auf etwas außerhalb“ ihrer selbst verwiesen ließ. Trotz der noch nicht abgerissenen Literaturbedürftigkeit vieler Menschen, wird die künftige Literatur, anders als Hettche vermutet, wohl eine andere sein. Eine, in der das Verhältnis zwischen Konsumierenden und Produzierenden (von Literatur) neu aufgestellt werden muss und die gedruckten Speichermedien unwiderruflich an Bedeutung verlieren.

Diesen Umstand kann man, wie Hettche es tut, zwar beklagenswert finden, doch auch als Chance werten. Wenn die Welt weiterhin in Textform abbildungsfähig bleiben soll, so wird sich die Literatur ihren Weg von selbst suchen. Entgegen Hettche verstehen sich, zugespitzt, nicht nur Folianten als geeignete Gradmesser im Umgang mit der Wirklichkeit, sondern alle Medien, die sich ihrer Ausdrucksfreiheit behaupten können. An der Gegenwart sollte man demnach nicht leiden, nicht in Romantik verfallen, sondern die öffentlich teilbare Kraft der Gedanken, in welchem Kanal auch immer, in Bewegung und ein Zeichen gegen vermeintliche Konturlosigkeit setzen.

von Marcus Böhm

Thomas Hettche: Unsere leeren Herzen: Über Literatur. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2017. 208 S., 20,00 Euro.

https://www.kiwi-verlag.de/buch/unsere-leeren-herzen/978-3-462-05068-4/

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