Historische Landschaften werden im literarischen Kontext niemals nur rein zufällig feilgeboten. Denn bestenfalls entsprechen sie genau der Blaupause, die Theresia Enzensbergers gleichnamiger Debütroman zu forcieren imstande ist: Die Vergangenheit hält uns den geeigneten Spiegel vor, ohne den man die Muster der eigenen Gegenwart wesentlich ungenauer durchmessen könnte. So geht auch die hier literarisch betriebene Tuchfühlung mit dem Bauhaus-Milieu der 1920er Jahre weit über das rein stoffliche Interesse am Neuen Bauen hinaus.

Luise Schilling, eine junge Berlinerin aus gutem Hause, zieht es zum Studium der sogenannten „Baulehre“ nach Weimar und später auch nach Dessau. Die Gegensätze der Zeit könnten kaum größer sein. Während der Aufbruch in die Moderne von historisierenden Revanchisten in die Knie gezwungen und das friedliche Zusammenleben nach Ende des Ersten Weltkriegs durch eine grassierende Inflation bedroht wird, versammelt sich um Walter Gropius, Wassily Kandinsky, Paul Klee u. a. eine Heerschar junger Menschen, die zwischen Phantasma und Ratio nicht mehr zweifelsfrei unterscheiden will.

Wie in jedem Adoleszenzroman bemüht sich die Jeunesse um ihr Autonomiebestreben und im Aussetzen aller Regelhaftigkeit. Die Abnabelung von den Alten zeigt sich im mittlerweile zwar üblich gewordenen, doch damals provozierenden Umgang mit Vegetarismus, Nudismus, Tanz und Drogen. Interessanterweise geschieht der teils mondän, teils asketisch ausfallende Bruch mit Konvention und Etikette vor dem Hintergrund der abstrakt strukturierten Nüchternheit und Linienführung der Bauhaus-Architektur.

Der Widerstreit aus Serialität und Individualität wird hier zwischen der sachlichen Formensprache moderner Bauwerke und einer ganzheitlich agierenden Lebensphilosophie ausgetragen. Die Rationalisierung und Technisierung steht dann der anthroposophisch infizierten Beseelung des Materiellen entgegen, doch verstehen sich Architekten im besten Falle als Anteilseigner beider Welten, die Natur und Geist miteinander zu verbinden wissen.

Inmitten dieser Grabenkämpfe behauptet das Zeitkolorit sein Übriges. Luise, die stolz Hosen und Kurzhaarschnitt trägt, findet sich unter Zionisten, Esoterikern, Kommunisten, aber auch unter Nationalisten und Geheimbündlern wieder, die allesamt ihre unscharfen Ränder und Absichten auszuloten drohen. Das Pulverfass der Weimarer Republik kennt Vieles, doch nicht wirklich die Selbstbestimmung junger Frauen. Der öffentliche Entzug ihrer Mündigkeit lässt sie dann auch immer wieder ins Private, Traumtänzerische und Somnambule hinabgleiten.

Dafür findet Theresia Enzensberger die manchmal schon etwas zu gefällige Erzählform des Präsens, womit der historische Charakter des Romans zwar nivelliert, aber auch inmitten unserer Gegenwart seinen Platz findet. Die Figuren und Probleme rund um Luises Emanzipationsbestreben in einer diffusen Gesellschaftsordnung zeigen dann unmissverständlich auf, wie schwierig sich die Konturierung der eigenen Persönlichkeit gestaltet. Trotz dieser Vorzüge greift Blaupause auf ein recht konventionell gestricktes Muster zurück, das auf einer dramaturgischen Ebene wenig Reizpunkte ausübt und sich formal nicht gerade aus dem Fenster lehnt. Somit bleibt die Solidität des Erzählens hinter den schiefen Bahnen des Lebens zurück.

von Marcus Böhm

Theresia Enzensberger: Blaupause. Hanser Verlag: München 2017. 256 S., 22,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/blaupause/978-3-446-25643-9/

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