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Einer der großen Stilisten deutscher Nachkriegsliteratur, Arno Schmidt, könnte im Jahr 2016 vielleicht geschrieben haben: „Siebzehntausend Messages / auf meinem schönem Gadget, yes! Wischtige Mentschen woll’n was von mir, sie woll’n was von mir. Das ist sexy!“ Mit Losungen wie dieser hat sich nun auch Teresa Präauer auf die Pfade sprachlicher Grenzauslotung begeben. Die österreichische Künstlerin und Schriftstellerin hat Teile ihres neuen Romans Oh Schimmi bereits letztes Jahr auf dem Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt vorgetragen. Nun ist der fertige Text in meisterlicher Ausstattung im Wallstein Verlag erschienen.

Oh Schimmi ist die buchgewordene Performance. Ein zweihundertseitiges Tischfeuerwerk, das jedoch in den inhaltlichen Grenzen eines unmöblierten Raums festgehalten wird, ohne ganz in den Himmel empor steigen zu können. Der deutlich minimierte Handlungsrahmen kommt am ehesten einer betont trashig inszenierten Familienzusammenführung nahe: Der Ich-Erzähler James oder Jimmy, genannt Schimmi, ist ein Muttersöhnchen vielleicht nach Art eines Alexander Delarge aus Clockwork Orange, nur ohne seine Rasselbande und mit weniger stark ausgeprägtem Hang zur Zerstörungswut.

Schauplatz ist eine mehr oder minder gesichtslose Großstadt in den USA, die aber chiffriert für vieles Andere stehen könnte. Wir begegnen Schimmi im (Nicht-)kontakt mit mehreren Frauenfiguren auf der Suche nach seinem Vater, der die Familie vor Jahren verlassen hatte. Von der Mutter bevormundet, von der mexikanischen Putzhilfe aufgeklärt und in Zindi aus dem „Ruf-mich-an“-Bezahlfernsehen verliebt, bildet sich Schimmel nun ein, auch im realen Leben bei den Damen avancieren und als Gangsterrapper durch die Clubs ziehen zu können. Was folgt ist die Darstellung, wie Schimmi sich nicht nur sprich-, sondern auch wortwörtlich zum Affen macht.

Denn Schimmi wundert sich über das Leben, gerade weil er sich vordergründig in der naiven Anteilnahme als am wirklichen Vollzug desselben übt. So kennt er die Welt größtenteils nur aus dem Fernsehen und Internet. Dementsprechend wird man mit einem durchaus clownesken Herrn konfrontiert, der nicht zwischen aufgestautem Sexualbegehren und verhinderter Liebe und ebenso wenig zwischen Traum und Wirklichkeit unterscheiden kann. So auch schon häufiger im märchenhaften Figurenkosmos von Günter Grass oder John Irving gesehen.

Rein äußerlich bewegt sich die Handlung allerdings auf dünnem Eis. Inhaltlich auf Nichtigkeit abgerichtet, könnte darin eventuell der literarische Abgesang auf den american way of life hineingelegt werden. Oh Schimmi ist daher auch die experimentelle Kritik an der Oberflächlichkeit von Rodeo Riding, Trailer Parks und Ice-Crushern; einer Konsumkultur at its worst.

„Sehr poeticalisch wurd‘ mir da zumut‘.“

So gesehen verlagert sich der Fokus beim Lesen mehrheitlich auf den sprachlichen Overflow des Buches. Allerdings können es sich nur wenige Autoren leisten, den Inhalt vollkommen in Form aufgehen zu lassen – Teresa Präauer bewegt sich gerade erst auf dem Weg dorthin. Dennoch handelt es sich um eine Lektüre der besonderen Art für alle diejenigen, die gern Schranken sprachlicher Fixierung durchschreiten möchten. Die Autorin betreibt in diesem aufgeblasenen Monstermonolog die Hinterfragung vermeintlich festgeschriebener Sprachkonventionen und begegnet ihnen in unzähligen Auflösungsstrategien.

Wie wird die Dichotomie aus Klang- und Schriftbild eines Wortes erzeugt, welches von beiden erzielt den höheren Bedeutungsgehalt auf dem Streitplatz übersexualisierter Kommunikationsformen im Internet, Fernsehen oder der Werbung? Es vermengen sich dabei stilsichere Satzkonstruktionen vornehm-ironischer Provenienz á la Thomas Mann und Elemente der Rapmusik mit offenkundigen Hang zum Derben. Gepaart mit der ausufernden Unbedarftheit im Einsatz von Neologismen und Anglizismen wird ein verballhorntes Spiel mit der Sprache getrieben. So wird mit dem immer humorvollen und intuitiven Treibenlassen der Gedanken ein genüssliches „paradoxicalomatisch!“ zum Ausdruck gebracht.

Voran getrieben wird Teresa Präauer dabei von einem ähnlichen Wortsog wie der frühe Peter Handke der Sechziger oder einem Rainald Goetz der Achtziger Jahre. Was bleibt ist ein energiereicher, auf Performance angelegter Text, der mehr noch für das Theater als zur Lektüre geeignet wäre. Man könnte sich also darauf freuen, wenn der Roman hoffentlich bald auf die Bühne gebracht würde.

von Marcus Böhm

Teresa Präauer: Oh Schimmi. Wallstein: Göttingen 2016. 203 S., 19,95 Euro.

http://www.wallstein-verlag.de/9783835318731-teresa-praeauer-oh-schimmi.html

8 thoughts on “Teresa Präauer: Oh Schimmi”

  1. Der dümmliche Tipp des Verlages, man solle sich den Roman mit einem dicken Kaugummi im Mund laut vorlesen, sagt schon alles. Kaugummizäh, mitunter lustig, wird hier eine Nichthandlung vorangetrieben, Und das Lustige entpuppt sich größtenteils als Kalauerei. Sich zum Affen machen wörtlich nehmen …naja, ein mäßig origineller Einfall. Kritik an der Trashkultur kann ich nicht erkennen, da die Faszination dafür kaum unterdrückt wird. Verbaljonglage ja, aber Sprachmächtigkeit sieht anders aus,

    1. Man könnte den Text auch als gewagtes Experiment werten, bei dem nicht ganz sicher durchscheint, ob es am Ende auch gelingt, geschweige denn der Versuchsaufbau einleuchtet. Dennoch braucht es diese Stimmen, um die Verflüssigung der Literatur intakt zu halten.

  2. Hallo!
    Eine großartige Rezession, die gleichzeitig zu anderen Büchern bezug nimmt, was ich fantastisch finde. So kann sich jeder, der den Roman „Oh Schimmi“, noch nicht gelesen hat, in etwa vorstellen, was auf ihn zukommt, sollte er ihn lesen wollen.
    Sprache ist immer interessant und in dieser Hinsicht, sollte möglichst viel verschiedenes gelesen werden, auch laut. Es lässt sich darüber streiten, was sprachlich gut oder schlecht geschrieben ist. Da stellt sich für mich die Frage: „Was ist gute Literatur“, alles oder nur wenige Romane? Jeder von uns hat eine andere Sprache, daher lässt es sich kaum ausdrücken, was stilistisch guter Text ist oder nicht.
    Du, ihr und ich wachsen mit unserer Muttersprache auf, die hier und da im Dialekt auftaucht. In der Schule wird uns das „ausgepeitscht“ und wir lernen, das wir Hochdeutsch sprechen müssen. Jetzt kommen Buchromane, Krimis usw., in die Buchhandlungsregale, die unterschiedlich Stilsprachen aufweisen. Ist das nicht bereichernd und kostbar? Ich finde ja und vor allem ist das gut für unsere Gesellschaft, oder nicht?

    Diese wundervolle Rezession hat mir persönlich aufgezeigt, dass es noch vieles zu lesen gibt, um mehr über die Sprache der verschiedenen AutorInnen zu erfahren.

    In diesem Sinne wünsche ich allen viel Spaß beim Lesen!

    Federgrüße
    Jutta

    1. Danke für den schönen Kommentar. Die Sprache des Romans ist bereichernd; gar keine Frage. Sie spricht für ein wahres Kunstwerk, insofern die Andersartigkeit von Welt über uns hereinbricht. Soweit zur Form.
      Leider bin ich mir aber auf inhaltlicher Ebene nicht sicher, ob daraus eine gute „Erzählung“ geworden ist, die wir ja genauso dringend brauchen.

      1. Ich habe die Rezession zum Buch „Oh Schimmi“ zuvor bei Janine (http://kapri-zioes.de/) gelesen und da sie deine Seite verlinkt hat, bin ich hierher gekommen. Beide Berichte zum Roman haben mir gefallen, sodass ich erwäge mir das Werk zu kaufen, um tatsächlich „mitreden“ zu können.
        Aber dessen, was ich bisher an Information gelesen habe, zeigt mir, dass es Themen sind (Erwachsenwerden, Sprache, Elternschaft usw.), über die sich diskutieren lassen. Wenn ich eure Rezessionen lese und vergleiche, entsteht bei mir der Eindruck, dass es wahrhaft schwer ist, auf alles einzugehen und vor allem für den Autor/Schriftsteller dürfte es nicht einfach sein, alles ordentlich unter einen Hut zu bringen, sodass ALLE zufrieden sind. Jeder wird eine Nadel im Heuhaufen finden, an der er sich stört.
        Wenn es sprachlich gelungen ist, ist es großartig, wenn die Erzählungsweise dazu einläden sich darüber gründlich auszulassen, so ist das erhellend. Beides geleichzeitig dürfte kaum erstklassig gelingen und, wenn, dann ist es ein „SuperAutor“, oder nicht?
        Also die Bücherwunschliste hat sich bei mir erweitert, vielen Dank! 🙂

        Lieben Federgruß
        Jutta

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