Die bekannten Worte Tolstois, dass alle glücklichen Familien sich einander ähneln, doch jede unglückliche auf ihre je eigene Weise unglücklich sei, schreiben sich fort. Der neue Roman der deutsch-französischen Schriftstellerin Sylvie Schenk exerziert in diesem Gefolge eben genau das durch, was es bedeutet, den Idealtypus der gewöhnlichen Familie nicht finden zu können, gerade weil es ihn in der gelebten Praxis doch gar nicht zu geben scheint.

Ironischerweise lässt einen dann die um Céline, eine der vier Geschwister mittleren Alters, kreisende Gesamtschau des Gewöhnlichen dann aber das Ungewöhnliche im Besonderen dieser Familie entdecken: Nichts, was man an Missgunst, Eitelkeiten und Animositäten nicht schon einmal gehört hätte – doch jedes Mitglied hat sich in den unaufgeräumten Angelegenheiten des Lebens die eigene Insel der Privatseligkeit erschaffen, mit der die schiefen, allzu schiefen Bahnen wieder gerade gerückt werden wollen.

Anlass dieser familienbiographischen Aufarbeitungen ist das Zusammentreffen von Geschwistern und weiteren Verwandten in der Nähe von Lyon nachdem ihre gemeinsame Tante Tamara und ihr Mann Simon kurz nacheinander sterben und die strittigen Fragen der doch respektablen Erbschaft geklärt werden müssen. Man kommt sich also wegen der Todesfälle näher, driftet dabei jedoch immer weiter auseinander, weil die uneindeutige Rechtslage des nur in Kopie hinterlassenen Testaments divergierende Interessen hervorruft und in der Folge Legalität und Legitimität nicht mehr in moralische Kongruenz gebracht werden.

Auch wenn sich die erzählte Zeit des Romans im Wesentlichen auf die Trauerfeier beschränkt, wird diese narrativ immer wieder durch den nicht abreißenden Erinnerungsfluss aufgebrochen, vor dessen Hintergrund überhaupt erst einleuchtet, warum die Integrität der Familienverhältnisse vor lauter Zwietracht, Abschätzigkeit und Konkurrenzen hier auf die äußerste Probe gestellt wird.

Die vielfachen Rückblenden in die gemeinsame Kindheit, das Erwachsen- und Älterwerden oder den Tod der Eltern greifen weit in das letzte Jahrhundert zurück. Neben den immer wieder aufgerollten deutsch-französischen Wechselwirkungen historischer und sprachlicher Natur (Protagonistin Céline war mit einem Deutschen verheiratet und arbeitet als Dolmetscherin in Deutschland) werden vor allem die unterschiedlichen Lebensgeschichten von Célines Geschwistern einschließlich ihrer tiefsitzenden, doch vertrauten Neurosen auch in Hinblick auf das Verhältnis zu den eigenen Eltern durchforstet.

Selbst wenn Sylvie Schenks Eine gewöhnliche Familie nicht mit dem innovativsten Plot oder den psychologisch randständigsten Sichtachsen aufwartet, verdient die durch eine äußerst souveräne Erzählinstanz hervorgerufene literarische Form unbedingtes Gehör, mit der dieses Lehrstück an Lebenserfahrung umso glaubhafter wirkt. Wer die Widerstände des Lebens und dazu die „Liebe als kristallisiertes Missverständnis“ wie hier aufbereiten kann, hat diese in der Regel schon hundertfach erlebt, durchdacht und (hoffentlich auch) bewältigt.

Mit den innertextlichen Bezügen, Vorausgriffen und Kommentaren behält die Erzählerin jederzeit Oberhand – und das mit Leichtigkeit, ohne dabei die ernsten Spuren des Vergangenen auszublenden, gerade weil diese sich nicht selten schon in die Physiognomie der Handelnden eingekerbt und verewigt haben. Auch die närrische Figur des geistig beeinträchtigten William sowie die eigenwilligen Satzumbrüche, mit denen sichtlich Abstand in die scheinbare Selbstverständlichkeit gebracht wird, befeuern die Ambivalenzen dieser zugleich als Hafen und Gefängnis titulierten Familie und damit auch die Gunst ihrer Lektüre.

Sylvie Schenk: Eine gewöhnliche Familie. Hanser Verlag: München 2018. 160 S., 18,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/eine-gewoehnliche-familie/978-3-446-25996-6/

Kommentar verfassen