harter

Ein Roman, der ein Licht ohne Schatten wirft. Die Bekenntnisse der jungen Matilda durchleuchten den wolkigen Bereich aus körperlichem wie auch seelischem Verlangen nach Nähe und gleichzeitig das Machtgefüge derer, die solche Bedürfnisse schamlos ausnutzen wollen. Weißblende, soeben im Luftschacht Verlag erschienen, ist das erschreckend freiheraus agierende Debüt der Wiener Autorin Sonja Harter, die den Finger nicht nur auf eine der vielen offenen Wunden unserer Gesellschaft legt.

„Als nichts ahnendes Mädchen schützt dich die milchige Aura einer vorausgesetzten Unschuld selbst über den Moment jeglicher Grenzüberschreitung hinaus“.

In Weißblende konkurrieren zwei Erzählebenen miteinander um Deutungshoheit. Einerseits erlebt man die vierzehnjährige Matilda als aufgeschlossene Schülerin in einem österreichischen Tal, zu dem das 21. Jahrhundert noch nicht ganz vorgedrungen ist: Ein „Durchzugsgebiet“ aus Autobahnen und Gleisen, das einem die Welt nur von ferne zeigt, ohne je selbst mitaufsteigen zu können. In der allseits geschürten Angst vor allem Fremden wächst Matilda bei ihrem Vater auf, der mit der Erziehung sichtlich überfordert ist und sich für den frühen Verlust der Mutter in nichts als Schweigen hüllt.

Auf einer zweiten Ebene werden Matildas Jugenderlebnisse von den Aufzeichnungen einer namenlosen Erzählerin aus der geschlossenen Anstalt einer Psychiatrie unterwandert. Es bleibt zunächst offen, ob die suizidgefährdete Patientin zwangsläufig mit Matilda in Verbindung gebracht werden kann. Ungewiss auch, wie die verlorengeglaubte Geschichte der eigenen Mutter sich als Vorbote dessen erweist, was auf Matilda einmal selbst zukommen wird, bis schließlich eine von der Großmutter gehütete Kiste den dramaturgisch grenzwertigen Spannungsbogen offenbart.

In sprachlicher Hinsicht scheint es interessant, wenn Lyriker, wie im vorliegenden Falle, zu Romanciers werden. Die Erwartungshaltung liegt dann ungemein höher als in umgekehrter Abfolge. Unverkennbar wird die Lektüre von Sonja Harters Weißblende von den poetisch fragmentierten Sprachbildern geleitet. Doch so mancher Verzicht im Einsatz von Verben wie auch die Abwesenheit eines Akteurs tragen nicht immer zur Klarheit des Ganzen bei. Vor allem wenn sich Sprache inmitten von nichts als Sprache verliert, dann verliert sich letztlich auch ihr Sinn. Wesentlich gelungener sind dabei die nicht übermäßig verstreuten, doch klugen Gedanken über Möglichkeit und Erfolg von Dichtung überhaupt, sodass einem mehrfach poetologische Reflexionen mit an die Hand gegeben werden.

Weißblende eröffnet somit den lyrisch feinfühligen Blick auf eine junge Frau, in deren Leben zum ersten Mal unhinterfragte Konstanten brüchig werden und man langsam beginnt, ungemütliche Fragen zu stellen. In der Folge lernt Matilda den viel älteren, französischen Firmenvertreter Alain Bonmot kennen, der sich ironischerweise im Gästezimmer des väterlichen Hofs einquartiert hat. Mit dem sich verständnisvoll aufopfernden Alain zieht nicht nur das weltmännisch Andersartige in das abgelegene Tal ein. Von hier aus gewinnt auch der unverkennbar an Vladimir Nabokovs Lolita erinnernde Zündstoff an Kontur. Denn Alain verkörpert recht schnell die Vaterfigur, die Matilda nie hatte. Mehr noch, ihre Beziehung geht bald über verbale Zärtlichkeiten hinaus.

„Im Unendlichen schneiden sich die anständigsten Kinder ins Fleisch.“

Was dann wie ein ausgedehnter Ausflug in die „große Stadt“ beginnt, entpuppt sich bald als krimineller Raubzug gegen die Menschlichkeit. Alain schafft es auf subtile Weise, Matilda zur Prostitution zu zwingen. Auch weil er ihr von vornherein das Gefühl zu vermitteln weiß, es selbst so zu wollen – diesen Schritt gleichermaßen als freiwilligen Ausbruch zu betrachten, gerade weil sie fälschlicherweise davon ausgeht, ihr Vater habe durch Alains großzügige Bezahlung die Absolution dafür erteilt.

Sonja Harter erhebt mit ihrem Roman Anklage: Nicht nur gegenüber ungenügend aufgearbeiteten Fällen von Kindesmissbrauch, sondern auch gegen einen systematisch operierenden Apparat, der Misshandelte weiterhin unterdrückt und ihnen die Glaubhaftigkeit abspricht. Stellenweise recht harsch inszeniert, gerät das männliche Geschlecht zuweilen unter Generalverdacht:

„Hier werden die Hände unweigerlich braun: auf den Straßen, auf den steilen Feldern, in den Ställen, in den Vaginas der minderjährigen Töchter.“

Den Männern gelingt es aber, die Schuld von sich zu weisen. Dann wird oftmals argumentiert, die jungen Frauen spielen ihre Reize doch zuerst aus, sodass alles Weitere schon im Vorfeld legitimiert sei. Dass es für ein gegenseitig verschränktes Überschreiten gewisser Grenzen niemals nur eine Erklärung geben kann, weiß Sonja Harter selbst. Dennoch geht es darum, dem Patriarchat mit Romanen wie diesem weiterhin die Stirn zu bieten, auch wenn die hier ausgesprochenen Provokationen nicht zwingend verallgemeinert werden sollten.

Was ist in diesem Sinne die Weißblende? Sie wird in der Filmtechnik verwendet, um einen Schnitt aufzuweichen. Für den Bruchteil einer Sekunde erscheint die Aufnahme weiß, um den Übergang zweier Einstellungen miteinander zu harmonisieren. Das Dazwischenliegende fällt sozusagen unter den Tisch und verliert sich als Zensur in unbeflecktem Weiß. Es ist dieses Weiß der Kliniken, die einem so etwas wie Reinheit und Schutz nur vorgaukeln. Es ist die Milch, der Nebel, der Schnee, die Wolken, die Leinwand. Ein Weiß, das sich in Unschuld wäscht und die Wahrheit verdeckt. Ein Licht also, das sein Komplementär, den Schatten nicht kennt und uns zu genauerem Hinsehen anstiftet.

von Marcus Böhm

Sonja Harter: Weißblende. Luftschacht Verlag: Wien 2016. 204 S., 20,00 Euro.

https://www.luftschacht.com/produkt/sonja-harter-weissblende/

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.