Wie entlarvt man den schönen Schein des vermeintlich Guten? Wenn sich eine junge Familie dazu entschließt naturverbunden und ressourcenschonend auf dem Land zu leben, ist dagegen zunächst nicht viel einzuwenden, gleichwohl es ein Trugschluss scheint, sich als Mensch tatsächlich in einen vollkommen natürlichen Kreislauf einbetten zu können. Doch ist bei der Kritik von Lebensformen zunächst ein gesundes Maß an Zurückhaltung geboten, will man das hohe Gut der Selbstbestimmung des Anderen nicht schon im Vorfeld verletzen.

In Simone Hirths vergnüglich und zugleich melancholisch gestimmtem Roman Bananama dreht sich alles um das gleichnamige Aussteigerprojekt, in dem sich Mutter, Vater und ihr gerade schulpflichtig gewordenes Kind ihren Anteil vom Glück zurückerobern möchten. Ähnlich der Ausgangsverhältnisse in Matt Ross‘ augenöffnendem Kinofilm Captain Fantastic von 2016 ist eine Familie auf der Suche nach dem Einklang mit sich selbst. So lässt es sich leben: Abseits der zivilisatorischen Zwänge, zwischen Wildkräutern und Einmachgläsern, Tauschwirtschaft und Permakultur, entrückt man nicht nur dem Verblendungszusammenhang der Mehrheitsgesellschaft, sondern ist bereits einem vollkommen neuen Körpergefühl auf der Spur.

„Mutter sagt, mit jeder Kartoffel schälen wir ein Stück vom Glück.“

Doch an genau dieser Stelle setzt der aufklärerische Kniff des Buchs ein; sozusagen die Demaskierung eines totalitaristischen Guten als sich selbst zugrunderichtende Veranstaltung. Um möglichst unbefangen und letztlich auch überzeugend das kritische Kippmoment der elitären New-Age-Bewegung zu markieren, bedient sich die Autorin eines narrativen Clous. Die gänzlich in der Ich-Perspektive der sechsjährigen Tochter festgehaltenen Textbausteine des Romans sprechen aus der unvoreingenommenen Neugierde des Kindes heraus. Durch ihren unschuldigen Blick wird die hervorgekehrte Naivität dieser Sichtachse geradezu legitimiert; mehr noch zum moralischen Ankerpunkt erklärt. Wenn dann in der Entschlossenheit kindlichen Hinterfragens alternative und elaboriert verteidigte Lebensformen in sich zusammenstürzen, werden auch Erwachsene dazu angeregt, mit sich selbst ins Gericht zu gehen.

Die Beobachtungen des kleinen Mädchens sind ehrlich und direkt, teils simpel, aber durchdringend; behalten dabei jedoch ihren skeptischen Unterton bei, wenn sie das Treiben der Eltern wiedergeben. So wird sie bereits frühzeitig für die nötigen Zwischentöne sensibilisiert, die ihr in durchaus unkritisch intendierter Weise erlauben, überhaupt erst Kritik nicht für sich selbst, sondern für den vermittelten Blick der Lesenden zu formulieren.

Die Familie möchte den gängigen Ideologien und Machtverhältnissen entfliehen und definiert sich in Opposition zur Mehrheitsgesellschaft. Man könnte diesen eskapistischen Anspruch demnach als Nichtverhältnis brandmarken, das sich wiederum als Verhältnis der Gleichgültigkeit gegenüber schwerwiegenden Problemen vieler Menschen äußert. Wenn man sich, wie so häufig gefordert, als eine Welt verstehen will, so dürfte man sich ihr gar nicht erst entziehen wollen, gerade weil diese unhintergehbare Beziehung in ihrer fundamentalen Konsequenz doch allen Fluchtversuchen trotzt; man doch gar nie aus den Weltverhältnissen herauskommt.

Die Gefahr der psychophysischen Einsiedelei besteht geradewegs darin, selbst nicht das Bewusstsein dafür einzuschärfen, bereits Teil einer neuen Ideologie geworden zu sein oder aber, und viel frappanter noch, die Muster bereits überwundener Kulturtechniken indirekt wieder aufnehmen zu wollen. Letzteres äußert sich dann insbesondere in dem nicht anders als kaufsüchtig zu attribuierenden Verhalten der Eltern, sich ausschließlich handgefertigt hochwertige, regionale und ökologisch erzeugte Güter zu kaufen. Denn auch diese Bedürfnisse werden von der Logik des Markts radikal ausgeschlachtet, derer sich die neuerliche Lebensform doch eigentlich verwehren wollte.

Doch Bananama ist mehr als nur eine Persiflage auf verabsolutierte Bio- und Fairtrade-Attitüden, denn hier werden die guten Gesinnungen an ihre Ränder getrieben. Wenn es nach wie vor kein richtiges Leben im falschen zu geben scheint, dann betrifft das vor allem die stets überbordende Glückseligkeit dieser Familie, die sich in ihrer Einsamkeit doch manchmal nach nichts anderem als nach der „Welt hinter dem Wald“ sehnt. In der sich darüber hinaus abbauenden Sozialisierung begibt sich die Familie entweder in neue Heilsversprechen oder aber in Phantasie hinein.

Paradigmatisch steht dafür die zentrale literarische Figur des Koffers. Als Metapher steht er für etwas, in das alles bei Bedarf eingeschlossen, und wenn gewünscht, auch jederzeit wieder hervorgeholt werden kann. Unliebsames kann temporär aus dem Sichtfeld verbannt, aber müsste niemals vollständig aufgegeben werden. Die gepackten Inhalte werden einerseits unter den Teppich gekehrt, können aber auch auf die imaginäre Reise mitgehen. Auf genau diese Weise picken sich die Eltern ihre passenden Weltanschauungsrosinen heraus, bis eines Tages die junge Erzählerin mit einer gestohlenen Sparbüchse dann doch den Ausbruch aus dem Ausbruch wagt. Man sollte sich selbst eben niemals ganz der Natur überlassen, sonst wird man noch von ihrer Übermacht überrannt.

von Marcus Böhm

Simone Hirth: Bananama. Kremayr & Scheriau Verlag: Wien 2018. 190 S., 19,90 Euro.

http://www.kremayr-scheriau.at/bucher-e-books/bananama-961

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