„Wie seltsam schnell und doch verzögert in der Wahrnehmung sich die Welt verändert. Hat.“ Und auf genau das leicht weinerliche „Hat“ im Nachgang kommt es Sibylle Berg an. Im Erinnerungsmodus quer durch die Kontinente klammert sich die heute in Zürich ansässige Autorin an ein vermeintliches Früher: Eine Zeit, in der scheinbar alles einfacher und besser war. Aber Sibylle Berg wäre eben nicht Sibylle Berg, wenn sie die offenkundige Ironie darin nicht auf ihre ganz eigene Weise ausspielen würde. Es handelt sich also um weitaus mehr als ein rein sentimentales Einfangen der goldenen Reisefreiheit vergangener Jahrzehnte, sondern um einen kulturkritischen Aufruf zur Sichtachsenverschiebung zwischen Bangkok und Bayreuth, Los Angeles und Weimar.

Die nun in ihrem neuen Buch Wunderbare Jahre vorliegenden Reportagen und Reiseberichte zeigen Idyllen, die eigentlich gar keine (mehr) sind und verkehren lang gehegte Träume und Erwartungshaltungen aus nahen und fernen Ländern. So sind die Texte in erster Linie zeitgenössische Reaktion auf die weltpolitischen Ereignisse der letzten Jahre rund um Terror, Flucht und Vertreibung; versehen mit äußerst gelungenen Illustrationen der Künstlerin Isabel Kreitz.

Obwohl die Autorin manchmal verschweigt, dass der Globus schon immer in Bewegung begriffen war, Migration und Kriege also nicht nur das leidliche Movens unserer Epoche, sondern der Menschheit als solcher gewesen sind, gelingt es Sibylle Berg in vielen kurzweiligen, teilweise mit Phantasie angehauchten, aber auch ernst anklingenden Episoden noch einmal mehr die Illusion des schönen Scheins mitteleuropäischer und nordamerikanischer Wohlstandsnöte gewitzt offenzulegen.

Gerade die Bewohner der nördlichen Breiten sehen sich glücklicherweise in der Lage, das selbstgefällige Mantra eines „Der Krieg ist ja woanders“ aufrecht zu erhalten, obwohl sich die Mehrheit der Weltbevölkerung immer noch bewaffneter Konflikte ausgesetzt sieht. So verwundert es kaum, dass die privilegierte Sicht der Dinge den eigentlich zu Grabe getragenen Kolonialismus auf einer informellen Ebene weiterführt.

Die Zeit der Grand-Hotels und uniformierten Pagen lebt weiter, ohne dass eigentlich eine Legitimation dafür bestünde. Es gibt sie also noch, die Herrschaften und Knechtschaften auf den Luxuslinern und Orientexpressen. Und weil es vielen auch nur darum geht, sich einmal reich, wichtig und international zu fühlen, wird den „weißen Männern“ dieser schmachvolle Blickwinkel durch den allerorts aufrecht erhaltenen Anachronismus ständig aufs Neue schmackhaft gemacht.

Mit der Entlarvung scheinheiliger Verhältnisse auf allen Ebenen von Staat, Wirtschaft, Journalismus und auch Kunst überführt Sibylle Berg unser menschliches Miteinander von Stabilität in Fragilität. Die Auslassungen über die Allmacht des Kapitals einschließlich der damit vorangetriebenen Internationalisierung und Gleichschaltung eröffnen zwar keine bahnbrechend neuen Einsichten, doch zeigen sie einmal mehr die anfällige Verquickung aus Masse und Macht auf; und das nicht nur in Schwellenländern. Fremdenfeindlichkeit, Kleingeisterei und Manipulation sind insofern nicht nur Probleme der Ausgebeuteten, sondern betrifft uns alle.

Schuld an der Misere, ja Schuld haben immer die anderen, könnte man meinen. Dies trifft ironischerweise auch auf die Autorin selbst zu. Denn trotz ihrer gesund aufgebrachten Portion an Critical Whiteness ist sie immer schon Teilnehmerin (und insofern auch Vorantreiberin) von all dem, was bemäkelt wird. Wir, die wir uns nicht herausnehmen dürfen, tragen letztlich den größten Anteil, gerade weil der sogenannte „weiße Mann“ immer noch über eine nahezu uneingeschränkte Deutungshoheit verfügt; davon auch nicht ablassen will.

Mit ihrem fast schon derben Sinn für Sarkasmus und Absurdität schafft es Sibylle Berg politisch gehaltvolle Themen mit der nötigen Dosis an Schlagfertigkeit aufzubereiten. Dabei ist sie selbst Neugierige und Getriebene; jemand, der alles erfahren möchte und nicht nur an der Oberfläche kratzt. Ihr völlig unverstellter Blick trifft fast immer ins Schwarze, gerade wegen der vollkommenen Absenz von Naivität und Romantik. So ist mit dem Büchlein Wunderbare Jahre eine reichlich informierte und vor allem auch unterhaltende Diagnose unseres Weltverständnisses, nicht nur des Reisens, geliefert worden.

von Marcus Böhm

Sibylle Berg: Wunderbare Jahre. Carl Hanser Verlag: München 2016. 187 S., 18,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/wunderbare-jahre/978-3-446-25359-9/

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