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Literatur ist selbstexplikativ. Sie führt ihren Gegenstand bereits in der Gestaltung mit sich. Wenn sie mit realen Mitteln gleichsam imaginäre Geschichten erschaffen kann, dann bezieht sie sich immer wieder auf sich selbst zurück. Literatur ist also das nie endende Wechselspiel zwischen Faktizität und Fiktion, das im Besonderen auf biographische Schilderungen zutrifft. Sie sind Dichtung und Wahrheit in einem, auch wenn man glaubt etwas Handfestem aufzusitzen.

Der Schweizer Autor Roman Graf hat sich diese doppelte Zuschreibung zunutze gemacht und sie in seinem neuen Buch Mädchen für Morris aufs Neue ausbuchstabiert. Doch den Prozess des Schreibens selbst wiederum zu literarisieren ist ein schwieriges Unterfangen. Ein Roman, der einen unzuverlässigen Erzähler als Biographen begleitet geht mit der künstlerischen Einfühlung des Porträtierten und des Porträtierenden zusammen, sodass am Ende die Biographie nicht mehr vom Roman und das Leben nicht mehr vom Traum unterschieden werden kann.

Der pensionierte Literaturdozent Albert Keller führt nach dem frühen Verlust seines damals vierzehnjährigen Sohnes Morris und der Scheidung von seiner Frau eine nahezu bedeutungslose Gelehrtenexistenz in Berlin, hört Bachs Goldberg-Variationen und blättert nebenher in Prousts Recherche. In diesem Sinne erinnert Albert zunächst an die klischierten Charaktere aus den Romanen Hans-Ulrich Treichels; allerdings mit schlechterem Humor und weniger Selbstironie.

Albert wittert jedoch nach dem plötzlichen Tod des von ihm so verehrten Romanschriftstellers Jean Mason eine Chance und versucht sich daran das Leben Masons biographisch aufzuarbeiten. Aufwind erfährt dieses Vorhaben, weil Albert in den Literaten Mason alle seine Hoffnungen hineinprojizierte, die sein verstorbener Sohn Morris einmal erfüllen sollte: „[U]nd hätte mein Sohn noch gelebt, wäre er und nicht Mason der Schöpfer dieses Romans gewesen.“ In Mason ist Morris quasi wiederauferstanden. Albert schreibt sich somit das Leben seines Sohnes fort und entwirft damit die Biographie eines Künstlers, die er in Morris vermutete und in Mason verwirklicht sah.

Dabei wird Albert immer wieder mit der eigenen Jugend und den ersten Urlaubserinnerungen aus den 1950ern konfrontiert. Mit der Französin Anne Bëalle tauscht er als Zwölfjähriger erste Erfahrungen aus, die über reine Sympathie hinausgehen. Schlimm genug, dass seine Briefe nach dem Urlaub nicht erwidert werden, mehr noch, dass er erfährt, Anne sei an Leukämie gestorben. So lebt für Albert im verklärten Bild Annes das Ideal der unerfüllten Liebe weiter fort.

Um diese Figuren nun mit Sinngehalt auszufüllen, sie sozusagen in eine (Roman-)Konstellation zu überführen, versucht Albert die verstorbenen Jugendlichen Anne und Morris und den toten Autor Mason füreinander zu gewinnen. Dies gelingt ihm ironischerweise im durchaus schizophrenen Umgang mit Joëlle, der zwölfjährigen Tochter Masons, die er im Zuge seiner Recherchen kennenlernt: Sie ist sozusagen ein Hybrid aus Vladimir Nabokovs Lolita, Thomas Manns Tadzio und Lewis Carrolls Alice.

Durch die doppelt besetzte Identifikation von Morris mit Mason und Albert zugleich wird Joëlle so zu einer Blaupause Annes, des nicht verwundenen Urlaubsflirts von anno dazumal, stilisiert. Um nun der träumerischen Zusammenführung von Joëlle und Morris (bzw. Anne und Albert) entsprechen zu können, ist ihm fast jedes Mittel recht. In der so erzeugten Gratwanderung zwischen Selbstlüge und Eroberungsdrang wird schließlich der zentrale Konfliktpunkt eröffnet: „Ich war Bestandteil von Morris‘ Geschichte und musste tun, was er mir aufgetragen hatte.“

So geben sich Anwesendes und Abwesendes die Klinke in die Hand, Traum und Wirklichkeit lassen einander gewähren. Alberts „altherrenerotische“ Phantasmen versuchen mit aller kulturhistorisch aufgeladenen Noblesse das bestehende Wertesystem zu destruieren, um sein real gewordenes Begehren des minderjährigen Mädchens legitimieren zu können. Der Wahnsinn wird erst dann zu Ende gebracht als sich schließlich Anhaltspunkte ergeben, selbst wiederum nur Spielball eines übergeordneten Romanprojekts zu sein, das ihn und sein pädophiles Verlangen nach Joëlle zur Groteske werden lassen.

Roman Graf wollte mit Mädchen für Morris einen literarisch gehaltvollen Roman schreiben. Sein Spiel mit der Diegese, den unterschiedlich ineinander geschobenen Erzählebenen innerhalb und außerhalb des eigentlichen Geschehens, lässt sich allerdings nur noch als Farce lesen. Die aufgebrachten Mittel zur Umsetzung eines vielleicht klugen, doch zu reißerischen Plots wirken angestrengt. Und so bleibt der Roman letztlich im Status des Wollens gefangen. Er ist gescheitert ohne dabei die Ironie des Scheiterns selbst zum Thema zu machen. Ein Künstler-Roman, der gern einer wäre und unter diesem Konjunktiv eingebrochen ist.

Selbst wenn Albert gar nicht außerhalb von Ironie und Klischee zu erfassen sein sollte, fehlt es ihm dennoch an Kontur, worunter die moralische Kontroverse im Umgang mit Joëlle deutlich leidet. Albert verschwindet, wie alle anderen Figuren, hinter der psychologischen Blässe belangloser Alltäglichkeiten. Denn der an Proust geschulte Blick auf die Dinge wirkt im vorliegenden Fall mehr als nur gestelzt. Es wird Roman Graf zwar überhaupt nicht gerecht, aber ein kompiliertes Best of Albert könnte in etwa so klingen:

„Ein angenehmer weiblicher Geruch umfing mich. Dann hatten mich ihre ernsten mokkabraunen Augen angesehen, in denen ich liebestrunken zerfloss. Trug das Mädchen die Glut der Liebe bereits in sich? Dann beschenkte mich das Schicksal mit einem göttlichen Zufall. Dann führte meine Freundin mich in ihre Mitte. Das Bonbonfeld der Liebe, mediterranes, goethehaftes Hinaufschweben.“

Wenn man sich dazu noch an der Unterscheidungsfähigkeit von Rosensorten, Hunderassen und Designerstühlen ereifert und das schon ewig abgedroschene Nennen von Uhrenmarken und besonders wertiger Auflaufformen Überhand gewinnt, weiß man, was mit diesem Buch anzustellen ist.

von Marcus Böhm

Roman Graf: Mädchen für Morris. Knaus: München 2016. 301 S., 19,99 Euro.

https://www.randomhouse.de/Buch/Maedchen-fuer-Morris/Roman-Graf/Knaus/e440549.rhd

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