hool

Ist das die Neue Deutsche Härte der Literatur? Zumindest hat die Wiedereinsetzung der literarischen Ästhetisierung von Gewalt gewisse Fahrt aufgenommen. Weit außerhalb des Fußballstadions in abgewrackten Industriebrachen stehen sich verfeindete Hooligangruppen, kurz Hools, gegenüber. Gleich geht das sogenannte „Match“ los, bei dem nur noch der Stärkere gewinnen kann.

„Ich stecke mir den Zahnschutz in den Mund. Beiße drauf. Die Nervosität ist nur noch ein Nachgeschmack.“

Heiko lässt jetzt die Fäuste fliegen. Das Adrenalin jagt durch seine Adern. Schweiß und Blut der beteiligten Prügelknaben vermischen sich mit Dreck, abgestandenem Regenwasser und rostigem Eisenduft: Die Spur des Ekels. Zurück bleiben offene Wunden, Schwellungen und ein steifer Nacken. In diesem Sinne ist Philipp Winklers erstes Buch Hool, vor kurzem im Aufbau-Verlag erschienen, ein Roman des Körperlichen, der die Geschichte des fortlaufenden Verlusts von Menschen und Menschlichkeit erzählt.

Wenn ein Text fast durchgehend auf offene Ohren stößt, sollte man umso hellhöriger werden. Umso pikanter, dass Hool schon lange vor offiziellem Erscheinen eine gewisse Karriere durchlaufen hat: Erst die Nominierung für die Longlist, dann wenige Wochen später der begehrte Platz auf der Shortlist des Deutschen Buchpreises – ohne je zuvor im Buchhandel erhältlich, d. h. in Kontakt mit dem Publikum gewesen zu sein. Fast alle Organe der Literaturkritik statteten das Buch mit einer üppig ausgestatteten Portion an Vorschusslorbeeren aus; ein paar aufbegehrende Literaturblogs im Internet einmal ausgenommen. Weshalb Philipp Winkler trotz des teilweise berechtigten Lobs noch nicht auf Augenhöhe mit früheren Preisträgern wie Eugen Ruge oder Lutz Seiler zu verorten ist, erscheint aber umso erklärungsbedürftiger.

Von Heiko, dem Ich-Erzähler, geht alles aus. Als abgebrochener Gymnasiast jobbt er schon mehrere Jahre im „Wotan Boxing Gym“ und wohnt bei einem Freund in halb verwahrloster Umgebung außerhalb seiner Heimatstadt Hannover. Genauso wie die prekären Familienverhältnisse (Mutter verschwunden, Vater Alkoholiker), lassen ihn auch die Erinnerungen an seine Exfreundin Yvonne nicht los. Was ihm noch Halt verspricht ist die rituell aufgeladene Zugehörigkeit zu einem Männerbund.

Hools – das ist die zum Kollektiv und Narrativ gewordene Identität vieler Halbstarker mit kurzen Haaren und Bomberjacken, die sich ursprünglich mal für Fußball interessiert hatten. Doch der Sport ist nur noch Staffage für lokalpatriotisch motivierte Gewaltexzesse geworden. In aufgebauschten Rachefeldzügen dreht es sich nur noch darum, dem Gegenüber (Braunschweig) die eigene Dominanz zur Schau zu stellen. Die Hannoveraner Hools wollen in ihrem traurigen und quasi ereignislosen Geschichtsraum etwas Neues stiften, an das sich die die Nachwelt einmal erinnern soll.

Doch der Charakter Heikos ist zu komplex, als dass man ihn schlichtweg als irrgeleiteten Rüpel abstempeln könnte. Politisch im linken Lager verhaftet, nimmt er gesellschaftliche Ungleichheiten nicht ungefragt hin. Die Abwehr etablierter Bürgerlichkeit trifft hier auf kapitalismuskritische Untertöne; auch und vor allem im Fußball. Bitter genug, dass seine im Kern hilfsbereiten und durchaus loyalen Wesenszüge schamlos ausgenutzt werden. Als ein Typus, der die Schuld meist erst bei anderen als bei sich selbst sucht, verliert sich Heiko ungewollt im Testosteron-Milieu der Rockerbanden, Kleinkriminellen und Bodybuilder.

Philipp Winkler erzählt im Grunde genommen zwei Geschichten, die beide um Heiko kreisen. Die einzelnen Kapitel changieren zwischen Erinnerungen an Freunde und Familie, gleichzeitig wird das gegenwärtige Geschehen rund um die Hools vorangetrieben. Wobei ersteres meist nur als retardierendes Moment des letzteren eingesetzt wird: Grillabende und Dorfdiskos haben sich schnell erschöpft. So wird nicht unbedingt ein dramaturgisch relevanter Aufhänger entwickelt, der eine umfassende Kontroverse schüren könnte. Beiden Strängen ist allerdings der Verlust gemein. Vertrauen und Geborgenheit weichen der gefürchteten Veränderung des status quo. Allein schon der Titel des Romans Hool verweist im Singular auf sich selbst. So verwundert es nicht, dass im Handlungsverlauf fast alle Gruppen wie Freundeskreise, Familien, aber auch die Hooligans aufgrund verschiedener Konflikte ihres kollektiven Zustands beraubt werden und nur noch der Einzelne bleibt: Und zwar Heiko mit dem schon vielfach zitierten „stummen Schrei nach Liebe“.

Auf sprachlicher Ebene werden besonders die Gewaltszenen in meisterlicher Unerschrockenheit aufbereitet. Der im parataktischen Wortfluss gehaltene Duktus eines „Matchs“ überschlägt sich, hält plötzlich inne und setzt wieder bei Neuem an. Gelegentlich fühlt man sich an Bilder von Benn und Celan erinnert. Nur selten konnte dieser Kampf um authentische Wiedergabe innerer Obdachlosigkeit und Verwahrlosung so dynamisch ausgefochten werden wie in Hool.

„Das raue Gefühl von Haaren zwischen den Fingern und wie ich den Kopf auf den Beton schlage. Das vergebliche Zappeln von blockierten Armen unter mir. Blutverkleistertes, kehliges Würgen und rotwurzelige Zähne, die ausgehustet werden. Endlos viele warme Hände, die nach mir greifen und mich wegziehen.“

Sprachliche Höhepunkte wie diese sind allerdings rar gesät und die unerhörte Energie des Textes nimmt schnell ab. Der Rest bedient sich einer schon vielfach ausgemergelten Klaviatur aus gewollter Coolness im Umgang mit derber Jugendsprache, die ja auch schon längst kanonisiert und abrufbar geworden ist. So bleibt vorwiegend ein Eindruck vorgetäuschter Naivität haften, der sich vielleicht in Wolfgang Herrndorfs Tschick entfalten konnte, aber bei erwachsenen Protagonisten äußerst ungelenk wirkt.

Das grundsätzliche Problem dieses Genreromans besteht vielleicht darin, wie man den stets im Raum schwebenden Vorwurf einer Identifizierung mit dem Geschriebenen unterläuft. Der in pädagogischer Absicht erhobene Zeigefinger fragt unliebsam: Wie positioniert man sich zwischen den Zeilen gegen eine Sache, für die man aber aus erzählerischer Sicht des Protagonisten glorifizierend Partei ergreifen musste? Da man mit den regen Ausuferungen von Gewalt unkommentiert zurückgelassen wird, kommt es leider nicht dazu, dass Befürworter dieser Lebensform durch die Lektüre je eine Läuterung erfahren werden. Wobei dieses Klientel womöglich gar nicht der Adressat des Buches sein wollte.

von Marcus Böhm

Philipp Winkler: Hool. Aufbau: Berlin 2016. 310 S., 19,95 Euro.

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/hool.html

4 thoughts on “Philipp Winkler: Hool”

  1. Ich sehe dieses Buch einfach als Möglichkeit in diese Szene hineinzublicken und das ganze spannend inszeniert wird. Eine Lesung mit Winkler gab mir schon mal etwas mehr Einblick in die Begriffsunterschiede zwischen Fußballfan, Hooligan und Ultras.
    Ich freue mich, dass ein Debütant auf der Shortlist steht, auch wenn er diesen Preis vielleicht nicht so sehr verdient hätte wie einige andere. Ein wenig Mut hat die Jury durch die Nominierung schon gezeigt und mischt die Szene dadurch ein wenig auf.

    1. Da stimme ich zu. Es ist wohl mit das erste Mal, dass sich überhaupt jemand künstlerisch an diese Thematik heranwagt, was natürlich Autor, Verlag und Jury insgesamt zu Gute gehalten werden sollte.

      1. Naja, wenn man Film auch mit einbezieht, dann gab es vor ein paar Jahren – aber in der englischen Szene – einen ziemlich krassen, aber guten Einblick in die Hooligan – Szene . Danke für die fundierte und ausgereifte Vorstellung! LG, Bri

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