All the world’s a stage, / And all the men and women, meerely Players; / They have their Exits and their Entrances, / And one man in his times playes many parts”.

Einer regelrecht ähnlichen Fährte wie dem berühmten Zitat aus Shakespeares As You Like It folgt Peter Stamms neuester Roman Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Auch und vor allem, weil dieses im Umfang zwar schmale, doch der Qualität nach schwerwiegende Werk einen unmittelbar in die literarische Situation stürzt. Man merkt sofort, dass hier nicht nur Abbildverhältnisse der Realität wiedergegeben, sondern diese immer schon durch fiktionale Möglichkeitsebenen aufgebrochen und mit bühnenähnlichem Spielcharakter ausstaffiert sind.

Inhaltlich bleibt sich der Autor den Themen seines bisherigen Werks treu: Es geht, und wen hätte das bei Peter Stamm gewundert, um das nicht abreißende Mantra (kurzer, ausgehauchter Sätze) zwischen Dir und Mir, Ihm und Ihr. Es sind die ausgesprochen unausgesprochenen Geheimnisse des Seelenhaushalts, durch die man den geebneten Bahnen in der Hoffnung entfliehen möchte, den Anderen endlich erreichen und nicht nur gelegentlich streifen zu können; als ob man ständig miteinander redete, aber doch nicht in Kontakt tritt und sich die „Unmöglichkeit der Liebe“ immer wieder aufs Neue behauptet.

Doch hinter fast allen Beziehungskonflikten stehen häufig gescheiterte Selbstsituierungen. Wenn einem die Leichtigkeit des Seins abhandengekommen scheint, so drängt es einen von sich selbst weg. In ein Außen, in dem die unausdrücklichen Schuldmomente von sich gewiesen und entladen werden können. Stamms Protagonist Christoph, ein älterer Schriftsteller, entflieht der Identität mit sich selbst und tut es zugleich auch nicht, indem er das Paradies und den Fluch aufsucht, von dem er nicht mehr vertrieben werden kann: seine Erinnerung.

Diese Retrospektive besteht aus mehrschichtig überlagerten Rückblenden, die ihren Ausgangspunkt in der Begegnung mit der Schauspielerin Magdalena nehmen. Auf ihren langen Spaziergängen durch Stockholm erzählt ihr Christoph, wie es überhaupt dazugekommen ist, den Stoff seines ersten Romans, die Beziehung zwischen Chris und Lena, festhalten zu wollen und sich darin nebenbei nicht nur die Kurzformen ihrer Vornamen, sondern unverkennbare Ähnlichkeitsmomente mit den Gesprächspartnern selbst ausbilden. Die Erinnerung in der Erinnerung ist also die Geschichte eines Romans, die dann dem Inhalt des eigentlich geschriebenen Buchs entspricht.

Der fiktionale Charakter des literarischen Texts hat dabei die Gradmesser von Erinnerungstiefe und Authentizität immer schon aufgeweicht. Spricht Christoph, der Erzähler, nun von sich selbst und Magdalena, oder von seinen Romanfiguren Chris und Lena? Durch die ineinander geschachtelten Bereiche aus realer Faktizität und idealer Geltung konkurrieren verschiedene Deutungshoheiten um den mitgeteilten Wahrheitswert von Erinnerungen und der sich darauf aufbauenden, imaginierten Realität (der wiederum fiktionalen Ebene des Romans).

Dieses nahezu handlungsresistente Spiel mit dem Lesepublikum ist das einer fortlaufenden Verunsicherung, die nach der Eigentlichkeit der Person fragt. Sind wir vordergründig die Rolle, die wir einnehmen oder stehen wir doch in der Position, aus der wir in diese Rolle springen wollten? Überspitzt werden diese Fragen noch, wenn sich der Schriftsteller Christoph in seinen Rückblenden eine spiegelbildliche Existenz illusioniert und sich gezwungenermaßen selbst beim Schreiben, aber auch beim Stolpern über sein jüngeres Alter Ego zusehen kann.

Durch dieses ins Gedächtnis gerufene Doppelgängerelement verstricken sich dann umso mehr Wirklichkeit und ihre Zuschreibungen, von denen man nicht mehr zweifelsfrei sagen kann, ob sie von einem selbst oder durch andere gemacht werden, wer das eigene Leben bereits gelebt oder nachgelebt hat – wie, wenn sich eine Schauspielerin beim Sprechen auf der Bühne selbst zuhört und sich nicht eindeutig zwischen dem Ich ihrer Rolle und dem Ich als Zuhörerin entscheiden kann. Die Achterbahnfahrt der Identitäten nimmt Christoph schließlich zum Anlass, daraus seinen zweiten, den jetzt vermutlich gerade gelesenen und vorliegenden Roman vermittelt durch die reale Schreibpraxis des Autors Peter Stamm ins Werk zu setzen.

Somit bleibt dieser Roman trotz seiner inhaltlichen Zurückhaltung ein Muss für alle, die sich vom (nicht nur literarischen) Möglichkeitssinn begeistern lassen wollen.

von Marcus Böhm

Peter Stamm: Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. S. Fischer Verlag: Frankfurt a. M. 2018. 160 S., 20,00 Euro.

https://www.fischerverlage.de/buch/die_sanfte_gleichgueltigkeit_der_welt/9783103972597

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