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„Es waren die Jahre 1990 ff., als das mit der Heimat schwierig wurde.“

Dem „Fall Dresden“ hat sich Peter Richter, derzeit Kulturkorrespondent der Süddeutschen Zeitung in New York, angenähert. Nach dem erfolgreichen Wenderoman 89/90 letztes Jahr liegt nun sein vielleicht persönlichstes Buch vor. Der Essay Dresden revisited, vor kurzem bei Luchterhand aufgelegt, erkundet Heimat im Sinne Ernst Blochs: Und zwar als etwas, das allen in die Kindheit scheint, worin aber noch niemand war.

In Zeiten aufgeheizter Debatten um Zuwanderung, Integration und Zugehörigkeit, tut man gut daran, den bedeutungsschwangeren Begriff der Heimat neu zu durchmessen. Was man ihm dabei unbedingt unterstellen sollte, ist eine Vielschichtigkeit, die über die lediglich geographische Bestimmung objektiver Natur hinausragt. Es kommt immer noch eine zweite Ebene hinzu, die ungewollt als vergegenwärtigte Vergangenheit im subjektiven Empfinden mitschwingt. Sollte Letzteres jedoch Überhand gewinnen, hängt das so konturierte Bild von Heimat nicht nur schief, sondern fällt gänzlich aus dem Rahmen.

Keine Frage, um sich auf Heimat zu berufen, liegt es nahe, das scheinbar auf ewig geknüpfte Seil zur „Herkunft“ frei baumeln zu lassen. Denn die an einen festen Ort gebundene Herkunftsbezeichnung ist keiner so verführerischen Wandlung wie der etwaigen Heimat unterworfen, die ihrerseits beliebig oft wechseln, verschwinden und wieder zurückkommen könnte.

Doch Peter Richter, der auch die bei Uwe Tellkamp umwitterte Luft des bürgerlichen Weißen Hirschs schon mit der Muttermilch aufgesogen hat, macht ernst. Ganz unbefangen ist der Blick auf die Mutterstadt schon lange nicht mehr: Dresden ist seit jeher geo- und auch topographisch irgendwie an den Rand gedrängt. Das Tal der Ahnungslosen strudelt hier auf einen Ort der Eingesperrten hin. Dresden, das könnte das Sinnbild von Holocaust und Bombenholocaust zugleich sein: Sündenbock und Opfermythos in einem.

Wie und warum begegnet man nun dem Ort der Jugend, der heutzutage niemals nur Herkunft, sondern immer schon eine Art „Diagnose“ darstellt, für die man sich landläufig sogar entschuldigen muss? Der spätestens seit Pegida medial aufgeladene Schandfleck brandmarkt Dresden vielfach als umstrittenste Stadt der Nation. Ein Anliegen des Buches ist es dieses Phänomen nicht zu marginalisieren, sondern die unterkomplexe Lebensform „White Trash meets Rednecks“ auf ganz Deutschland, vielleicht sogar auf Europa auszuweiten.

Das ist keine Einsicht aus dem Lehnstuhl, sondern die Dinge lassen sich häufig erst vor dem Hintergrund des Anderen ihrer selbst; sozusagen auf empirische Art und Weise erkunden. Die Herkunft versteht man nur dann, wenn man sie schon verlassen hat. Peter Richter will Zuschreibungen entlarven und dabei Möglichkeiten des Andersartigen offenlegen. Seine Dialektik nimmt vor dem Hintergrund des eigens vollzogenen Perspektivenwechsels Formen des Vexierbilds und der bipolaren Kippfunktion ein. Denn so sind gerade Verkehrung und Enthemmung äußerliche Stilmittel der postmodernen Gesellschaft geworden.

Auf formaler Ebene arbeitet das Buch immer wieder mit gelungen ausgewählten Bildabdrucken, die mit dem Text korrespondieren. So kann kaum verschwiegen werden, dass der promovierte Kunsthistoriker Peter Richter mehr noch Symbolkraft als das reine Wort zum Sprechen bringen möchte. Das künstlerische Panoptikum erreicht dabei im Einklang mit Reminiszensen an bekannte Dresdner wie Durs Grünbein oder Erich Kästner eine nur selten abschweifende Gesamtkomposition.

Dresden revisited liegt zwar zum einem im träumerischen Grenzbereich zwischen Liebeserklärung und Verklärung der Heimatstadt, zum anderen ist der Autor aber auch Realist genug, um teilweise liberale Untertöne anzuschlagen. Die Heimat mit den Augen aus den fernen USA zu betrachten, heißt auch vom american state of the art zu lernen. Eine Lösung könnte also sein, künftig auch in Deutschland für ein friedvolles Nebeneinander verschiedener Kulturen einzustehen, die aber weitgehend auf Ignoranz des Anderen anstatt auf verschränkende Teilhabe setzt. Dass das nicht der Weisheit letzter Schluss ist, weiß der Autor jedoch selbst.

Ein historischer Deutungsversuch der Fremdenfeindlichkeit, wie ihn Peter Richter an manchen Stellen andeutet, kann im Grunde nur noch ironisch gedeutet werden. Der „Fall Dresden“ und seine Auswüchse an anderen Orten laufen eigentlich immer ins Leere. Die derzeitige Situation versteht sich zwar als Reaktion auf das Gewesene, doch muss stets die notwendige Alternative bereitgehalten werden, sich qua Willensfreiheit für etwas Anderes und natürlich Besseres zu entscheiden. Eine öffentliche Parteinahme gegen rechte Strömungen, wie sie hier vorgetragen wurde, ist insofern wünschenswert, da es ihr unter Intellektuellen und ihrer Strahlkraft immer noch viel zu sehr mangelt.

von Marcus Böhm

Peter Richter: Dresden revisited. Von einer Heimat, die einen nicht fortlässt. Luchterhand: München 2016. 160 S., 18,00 Euro.

http://www.randomhouse.de/Buch/Dresden-Revisited/Peter-Richter/Luchterhand-Literaturverlag/e396870.rhd

2 thoughts on “Peter Richter: Dresden revisited”

  1. Was ich ja an der ganzen Sache bemerkenswert finde, ist dass Dresden ja zu den Städten gehörte, die im 2. Weltkrieg mit am schlimmsten zerstört wurden. Wenn man Bilder von Dresden nach der Bombardierung sieht, gleichen sich die Bilder mit jenen, die man heute aus Aleppo sieht.
    Sollte nicht gerade diese Stadt, ihren Brüdern und Schwestern, die das selbe Leid erfahren, die Hand reichen?
    Ja, aber so einfach ist es leider nicht, das weiß ich auch. Die Menschen machen es sich schwer.
    Das betrifft ja nicht nur Dresden, sondern ganz Deutschland und ich finde es gut, dass wie du schreibst, der Autor darauf hinweist, Dresden nicht als Sündenbock oder Einzelphänomen zu begreifen. Jeder sollte darüber reflektieren, was er oder sein Umfeld selbst dazu beiträgt (Vllt auch indirekt).

    Viele Grüße, Anja

    1. Genau, denn Dresden ist ja so gesehen kein Einzelfall, sondern eigentlich Chiffre für den Zustand des Ganzen. Und umgekehrt sollte man diese doch lebenswerte Stadt – Geschichte hin oder her – niemals darauf reduzieren. Das war es, vermute ich, was Peter Richter dabei im Sinn stand.

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