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Familienromane liegen eigentlich immer im Trend. Und seit den gewichtigen Beiträgen von Uwe Tellkamp und Eugen Ruge erstaunt auch der vielerorts attestierte Nachholbedarf einer literarischen Aufarbeitung des familiären Milieus der DDR nicht mehr. Wenn sogar schon so manche Fernsehanstalt (z.B. mit der überaus sehenswerten Serie Weißensee) zu dieser Einsicht vorgedrungen ist, sollte man sich trotzdem zurückhalten, vor einer drohenden Popularisierung dieses Genres zu warnen. Hier ist nämlich längst noch nicht alles auserzählt, geschweige denn überhaupt angesprochen worden.

Keine Frage, die DDR wirkt fort. Die Nachwehen sind spürbar, auch und besonders in den Köpfen derjenigen, die vielleicht erst zu Mitte der 1980er Jahre zwischen Karl-Marx-Stadt und Rostock geboren wurden. Beim Nachdenken über die DDR stellt sich bei der Generation der heute 30-jährigen oft nur noch ein trübseliges Unbehagen ein, ohne eigentlich zu wissen, welche Gründe dafür vorliegen. Mit diesem doch geteilten Befund hat Paula Fürstenbergs Debütroman Familie der geflügelten Tiger, kürzlich bei Kiepenheuer & Witsch erschienen, einen unprätentiösen Aufruf zur kritischen Selbstverortung geleistet.

Der Roman stellt die Frage nach dem Verbleib des zu DDR-Zeiten unangepassten Vaters. Was ist in jenen Oktobertagen des Jahres 1989 in der Uckermark passiert, als Schmiedemeister und Rockmusiker Jens seine Freundin Astrid und die kleine Tochter Johanna verließ und nie wieder zurückkam? Knapp 20 Jahre später setzt die Handlung an einem dieser ungemütlich graumelierten Wintertage in Berlin ein. Johanna, die Ich-Erzählerin des Textes, macht nach dem Abitur eher aus Verlegenheit eine Ausbildung zur Straßenbahnfahrerin und hat sich gerade in ihren Kollegen und Weltenbummler Karl verliebt. Und weil gerade „Jens“, wie Johanna ihren Vater nennt – ihn als Vaterfigur sozusagen destruiert, nie wirklich ein Thema gewesen war, wirkt die jetzt auf dem Anrufbeantworter hinterlassene Nachricht umso befremdlicher. In einem verqueren Tonfall fordert Jens seine Tochter Johanna auf, sich doch einmal bei ihm zu melden. Nach 19 Jahren.

Johanna erfährt, dass Jens im Krankenhaus liegt: Krebs im Endstadium. Das Protokoll des Zerfalls zeichnet den Verlust der Sprachfähigkeit und die zunehmende Debilität des Vaters nach. Nur noch wenige Wochen bleiben Johanna also, um Ordnung in die Vergangenheit der Familie zu bringen. Licht im Dunkeln verspricht sie sich von der Stasi-Akte des Vaters. Ist Jens wirklich in den Westen geflohen, wie die Mutter berichtet, wurde er aufgrund seiner regimekritischen Haltung verhaftet, wie es die Halbschwester Antonia vermutet oder mischte sich Johannes im Herbst 1989 einfach nur unter die Demonstranten und verpasste den Absprung aus Berlin?

„In einer Familie gibt es keine Wahrheit, es gibt nur Geschichten (…).“

Das Vexierspiel aus Fiktionalität und Realität beginnt, indem eine zweite Erzählebene untergehoben wird. Mit typographisch abgesetzten Schreibmaschinentexten wird der eigentliche Erzählfluss immer wieder angehalten. Hier findet man verstreute Dokumente, die Auskunft über die unbekannte Vergangenheit des Vaters geben könnten: Vermisstenanzeigen, Festnahmeberichte, Verhörprotokolle und (nicht gerade unironisch verfasste) Beurteilungen durch Stasi-Mitarbeiter. Doch im Fortgang tauchen immer mehr Zweifel auf. So sind die Übergänge zwischen Geschichte und der einen Wahrheit fließend; das gesteht sich auch Johanna ein.

„Es gibt Wahrheiten, ohne die es sich besser lebt (…). Hinterher wollen die Leute eine andere Geschichte haben.“

Nach und nach fällt auf, dass der Deckmantel scheinbar offizieller Bürokratie mit fiktionalen Einsprengseln durchsetzt ist. Eine überaus gelungene literarische Anordnung übrigens, wenn man schließlich dahinterkommt, wer der eigentliche Urheber dieser zum Selbstverständnis des Lesers und vor allem auch der Erzählerin beitragenden Texte wohl gewesen sein mag.

Auch auf den alltäglichen Wegen durch die Ostberliner Kieze erfährt Johanna unweigerlich eine geschichtlich zementierte Prägung. Doch nicht nur die sozialistische Architektur, die ehemalige Stasi-Zentrale in Lichtenberg, sondern auch das viel später errichtete DDR-Museum scheint aus der Zeit gefallen zu sein: „Hier werden künstliche Erinnerungen produziert. Für Menschen, die nicht dabei waren. Für Menschen wie mich. Dennoch wurde ich den Eindruck nicht los, in diesem Museum fehl am Platz zu sein. Ich gehörte nicht in die Vitrinen, aber auch nicht davor.“ Nicht viel anders gibt sich das an der ehemaligen Grenze liegende Krankenhaus mit ständigem Blick auf die Mauer. Sie ist stets präsent: Die Szenerie an der Bernauer Straße, wo sich Ost und West in Form von Mitte und Gesundbrunnen gegenüberliegen, aber immer noch nicht verwachsen sind.

Überhaupt scheint der kartographische Blick auf Berlin vorherrschend. Johanna nähert sich der Stadt vielmehr über die geordnete Struktur der Karte als im richtigen Leben an. Ihr Realitätsbild gleicht einer Vermessung und nicht einer Einfühlung. „Mithilfe der Karte würde ich mir ein Berlin einrichten, in dem Jens nicht vorkam.“ Die mögliche Ausradierung auf dem Papier entscheidet in Johannas Leben über den Status von Wahrheit. Das in den Karten eingezeichnete Modell gibt die nötige Orientierung; es steht für eine vermeintliche Wirklichkeit. Alles, was nicht in ein Raster passt oder nicht mit der Legende verglichen werden kann, bleibt im Ungefähren verhaftet.

Hier kommen die geflügelten Tiger, die genauso gut getigerte Vögel sein könnten, ins Spiel. Die Fabelwesen an den Rändern mittelalterlicher Karten standen damals für das unbekannte, noch vor uns Liegende. Paula Fürstenbergs Roman nimmt diesen Dualismus auf. Wir können oftmals nicht darüber entscheiden, was Wahrheit, was Fiktion ist, welches davon überhaupt die bessere Wahl zu sein scheint. Was bleibt sind die DDR als terra incognita und Ossi-Witze, über die keiner mehr lacht; letztlich die Geschichte der Wende-Verlierer.

Mit einer simpel gehaltenen Alltagssprache werden an den entscheidenden Stellen häufig die richtigen Töne getroffen. Denn in der Einfachheit übt sich bekanntlich der Meister. Doch der Vorzug des Romans könnte zugleich als Schwäche gelten. Im Schreiben darüber, was Literatur denn leisten kann – und darüber will sich die Familie der geflügelten Tiger ebenso verständigen – wird der Grenzgang zwischen materieller Realität und textueller Fiktionalität nur zurückhaltend ausbuchstabiert. Auch wenn das nicht intendiert war, so würde man an einigen Passagen gern noch etwas tiefer in eine Reflexion über den Gehalt geschriebener Texte einsteigen wollen. Der Story tut das keinen Abbruch, denn die ist ungemein lesenswert.

von Marcus Böhm

Paula Fürstenberg: Familie der geflügelten Tiger. Kiepenheuer & Witsch: Köln 2016. 236 S., 18,99 Euro.

http://www.kiwi-verlag.de/buch/familie-der-gefluegelten-tiger/978-3-462-04875-9/

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