otto

„Als Kind habe ich mir vorgestellt, man könnte durch Wände gehen, einfach so, wenn man nur wollte, aber aus Angst, in der Mauer steckenzubleiben, habe ich es nie getan.“

In Überwindung dieser Angst stellt der österreichische Autor Otto Tremetzberger mit seinem neuen Buch die Mittel der Phantasie auf die Probe. Die Unsichtbaren liest sich zunächst als lapidarer Angestelltenroman, entwickelt sich aber schnell zu einer unkonventionellen Vorführung des Möglichkeitssinns. Der Realitätsmodus driftet immer weiter ab, beugt sich hinaus ins Reich der Kontingenz und verliert sich beinahe darin. Verfangen dann in einer abhandengekommenen Wirklichkeit nimmt die Welt des Gedankens Überhand und überführt ihren lebendigen Träger endlich in Freiheit.

Der Handlungsapparat könnte fast mit David Finchers immer noch sehenswertem Film Fight Club in Verbindung gebracht werden; allerdings ohne die ausufernden Gewaltorgien. Ein namenloser Ich-Erzähler, etwa 45 Jahre alt, arbeitet nach einigen experimentellen Jahren am Theater nun in ganz geregelten Verhältnissen für ein Technologieunternehmen. Dieser nach Art eines Eisenwalzwerks 2.0 bestehende Mikrokosmos der Werktätigen fährt zwar gelegentlich ähnliche Geschütze wie Rainald Goetz‘ Wirtschaftsroman Johann Holtrop auf, setzt jedoch auf eine deutlich subtiler ausgespielte Karte der verlorengegangenen Subjektivität.

Neben den üblichen Animositäten unter Kollegen und Vorgesetzten, sieht sich der Erzähler einem gesichtslosen Büroalltag ausgesetzt: „Hier ist keiner er selbst“, denn jeder führt nur eine ihm zugedachte Rollenbeschreibung aus. Eingetrichtert auf den Slogan „Ich bin stark und du bist schwach“ wirken alle wie seelisch betäubt. Widersprochen wird nur, wenn es einem selbst zu Gute kommen könnte. Als stiller Beobachter des unterkühlten Miteinanders wird das unverstandene Ich in der Kommunikation übergangen oder gar nicht erst gehört.

Kaum verwunderlich, dass der Erzähler in dieser assoziationsfreien Zone seinen Gedanken freien Lauf lässt und unweigerlich ins Grübeln gerät. Wie wenig ernst also das geschäftige Treiben der Industrie genommen werden sollte, verdeutlicht eine zentrale Eingebung, die als Schlüsselstelle des Romans gelten könnte: „Ein Theater, das ein Schauspiel auf die Bühne bringt. Eine Firma, die Stahlbleche herstellt, (…) das macht wenig Unterschied.“

Der narrative Wendepunkt setzt in der Folge jedoch nicht mit einem Typus à la Tyler Durden, sondern mit der zunächst belanglosen Schreibtischnotiz ein, der Erzähler solle sich dringend bei seinem ehemals besten Freund K. melden, der nun schwerverletzt im Krankenhaus liege. Mit dem Entschluss auf K. einzugehen, setzt das reflexive (Theater-)Spiel ein, in dem nicht mehr zweifelsfrei zwischen Realität und Fiktion unterschieden werden kann.

Kurioserweise erfolgt der Besuch im Krankenhaus als Fortsetzung des Büroturms mit anderen Mitteln. Hier wird weiterhin die Ordnung und Systematik eines scheinbar natürlich-darwinistischen Kreislaufs starkgemacht, die sich zwangsläufig der Schwächsten entledigen muss: „Wie ein lästiger Geruch, ein Geschmack auf der Zunge.“ Beides bleiben also Orte der Vergänglichkeit und rufen das Eingeständnis hervor, selbst nicht für immer Teil des Ganzen sein zu können.

Wie es der Romantitel bereits im Namen führt, sind fast alle Menschen schon im Verschwinden, ja in Unsichtbarkeit begriffen. Ob sie dabei in Industriegebieten oder Operationssälen zurückgelassen wurden, spielt keine Rolle mehr. Denn oben in den hochgewachsenen Gebäuden werden die Alleingebliebenen und Vergessenen nur noch als trübe, dunkle Konturen wahrgenommen.

„Alles ist wahr, und nichts ist wahr.“ Dieses Mantra gilt im Besonderen für die nebulöse Figur K., bei der bewusst offen bleibt, ob sie tatsächlich existiert oder nicht. Die klare Ausdrucksweise Otto Tremetzbergers gleicht sich dieser Spannung an, gibt sich im Fortschreiten des Romans immer mehr dem Träumerischen hin, schweift ab und fängt flaneurartig nur noch das Unbedarfte ein, ohne sich auf ein konkretes Ziel zu richten.

Im Ineinanderfließen von Erzähler und K., Gegenwart und Vergangenheit, kommt das Individuum wieder zu sich selbst in seinem Drang nach Nonkonformität zurück. Das ist es auch, was sich das Ich gewünscht hatte. Der frühere Freund K. ist dann nur noch Projektion; ein gewünschtes Alter Ego, mit dem der Sprung aus dem gesellschaftlichen Strom gelingt. Der Roman Die Unsichtbaren erzählt davon in einem unaufgeregten und zurückgenommenen, fast schon zu leisen Tenor. Wenn die sinnsuchende Episode eines verunsicherten Mannes selbst wiederum in Frage gestellt wird, so bleibt allerdings wenig, worauf sich der Leser verlassen kann. Nichts, das ihn festlegt. Ob das reicht?

von Marcus Böhm

Otto Tremetzberger: Die Unsichtbaren. Limbus Verlag: Innsbruck 2016. 189 S., 20,00 Euro.

http://www.limbusverlag.at/index.php/unsichtbaren-die

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.