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Eine Gretchenfrage im derzeitigen literarischen Leben zielt auf den richtigen Umgang mit Migrations- und Fluchtliteratur ab. Was auch von ihren jeweiligen Zielsetzungen und verschiedenen Ausgestaltungen ausgeht, sie alle schärfen zumindest ein Stück weit unser Verständnis der sich verschiebenden Lebenswirklichkeiten der Geflüchteten. Es wird einmal mehr offenbar, dass sich die Hoffnungen junger Menschen im Nahen Osten und anderen Krisengebieten gar nicht so gravierend von den unseren unterscheiden: Es wird gefeiert, geliebt, geträumt. Es geht um Freiheit und die gehörige Portion Glück, sie auch ins fortschreitende Bewusstsein bringen zu können.

Die Autorin Olga Grjasnowa, selbst als sogenannter Kontingentflüchtling in den 1990er Jahren aus der ehemaligen Sowjetunion nach Deutschland gekommen und nun mit einem syrischstämmigen Schauspieler verheiratet, modelliert nun in ihrem mittlerweile dritten Roman Gott ist nicht schüchtern die Geschehnisse des Arabischen Frühlings, einschließlich seines folgenreichen und nicht unblutigen Machtgerangels aus Regimegegnern, Islamisten und Regierungstruppen. Im Zentrum dieser fast schon ethnographisch aufbereiteten Spurensuche stehen der angehende Chirurg Hammoudi und die aufstrebende Schauspielerin Amal. Ihre vollständig unterschiedlichen Wege kreuzen sich zwar sporadisch in Damaskus und später in Berlin, doch zeigen sie im Kern dieselbe Tragik auf.

Hammoudi wird nach seiner ärztlichen Ausbildung in Paris und dem Besuch seiner Familie in Syrien plötzlich die Ausreise verwehrt: „Er kam nach Hause zurück, um seine Zukunft zu feiern, stattdessen ist er in sein altes Kinderzimmer eingezogen.“ Fortan arbeitet er während des Bürgerkriegs in einem provisorischen Lazarett, operiert Verwundete unter widrigsten Bedingungen des Belagerungszustands und versucht Medikamente zu schmuggeln. In Amal ist hingegen das grundsätzlich aufrührerische Potential verankert, an Obrigkeiten zu zweifeln und den autokratischen Politikstil Assads zu bekämpfen. Durch ihren sympathisierenden Umgang mit subversiven Kräften zieht sie allerdings schnell das Interesse der Geheimdienste auf sich.

Was folgt sind die spannungsreichen, verschlungenen Irrwege durch den Libanon, die Türkei, das Mittelmeer und Europa. Die abwechselnden Kapitel zu Hammoudi und Amal kreisen um die Schicksale geflüchteter Personengeflechte und fangen paradigmatisch die politischen Entwicklungen Syriens ein: Wie sich ein mehrheitlich progressives, international verflochtenes Land in die Abschottung begibt, wie Korruption, Überwachung und Islamisierung das öffentliche Leben lähmen und die Vertrauensverhältnisse im menschlichen Miteinander untergraben; letztlich wie schleichende Deliberalisierungstechniken den zermürbenden Modus aus sich selbst dynamisierenden Repressions- und entgegenstehenden Fluchtbewegungen initiieren.

Vielfach versucht sich Olga Grjasnowa an einer nüchtern aufbereiteten Chronologie der Ereignisse, an denen sie selbst nicht teilgenommen hat. Das ist wohl auch das größte Problem des Romans: Syrien und die Syrer bleiben austauschbare Schablonen. Olga Grjasnowas leidenschaftsloser Reportagestil wird nur selten mit den zur Einholung der Freiheit geeigneten Metaphern des Fliegens und der Leichtigkeit aufgelockert. Der journalistisch-investigative Tonfall suggeriert dem Leser auf einer impliziten Ebene, nun selbst über ein Wissens- und Wahrheitspotential aus erster Hand zu verfügen, dessen Authentizitätsgehalt jedoch nicht überprüft werden kann. Präsenz wird hier mit Präsens verwechselt, denn die recht bleiernen Psychogramme der Protagonisten wirken doch distanziert, ihre Anekdoten herbei konstruiert und zusammengeklaubt; auch wenn sie auf tatsächlichen Erfahrungen beruhen sollten. Es ist nicht das Syrien an-sich, sondern ein Syrien für-uns.

Schlimmer noch, die „realen“ Personen werden in diesem Roman degradiert. Sie sind Mittel zum Zweck, um am politischen Diskurs aus Flucht, Vertreibung und Asyl teilzunehmen. Keine Frage, die Relevanz dieser Thematik gebieten die aktuellen Debatten, doch wie steht es um die künstlerische Umsetzung? Nicht jedes Buch, das sich diesem überaus verdienstvollen Genre verschreibt, muss als literarisch gehaltvoll gelten. Vor allem, wenn der Erzählstrang im späteren Verlauf einer zugegeben plump aufgepfropften Kapitalismuskritik einschließlich einer dramaturgisch äußerst fraglichen Szenerie von rechter Gewalt anheimfällt und das an den Anfang gestellte Motto des Klezmermusikers Daniel Kahn „Freiheit ist ein Verb“ zunehmend aus den Augen verloren wird.

von Marcus Böhm

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern. Aufbau Verlag: Berlin 2017. 309 S., 22,00 Euro.

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/gott-ist-nicht-schuchtern.html

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