Nicht schon wieder eine Liebesgeschichte könnte man meinen. Doch wenn Navid Kermani in seinem neuen Roman Sozusagen Paris das Keimen, Blühen und Verwelken des wohl menschlichsten aller Gefühle verhandelt, wirkt das erstaunlich weniger verkitscht als es der Titel vermuten ließe. Denn das scheinbar Irrationale wird mit rationalen Mitteln, d. h. mit nichts weniger als nüchternen Worten eingefangen. Insofern fällt das pathetische Element der Liebe zwar nicht gerade unter den Tisch, wird aber auf einer theoretischen Ebene verhältnismäßig dicht aufbereitet, sodass dieser Text genauso gut ein literarisch ausgehöhlter Essay sein könnte.

Minimierter Handlungsstrang und überschaubares Personenarsenal sind schnell wiedergegeben: Ein geschiedener Schriftsteller mittleren Alters hat ein Buch über seine dreißig Jahre zurückliegende Jugendliebe Jutta geschrieben. Auf einer Lesung in einem kleinen Städtchen begegnet er dann genau dieser resoluten und nicht minder anziehenden Jutta im realen Leben. Sie gehen anschließend zum Abendessen, spazieren durch die Gassen des Ortes und landen schließlich bei ihr zu Hause.

„Wenn ich Freunde nach Jahrzehnten treffe, stemme ich mich inzwischen mechanisch gegen die Melancholie, in ihrem Gesicht meine eigene Vergänglichkeit gespiegelt zu sehen.“ Sozusagen Paris ist vordergründig ein Disput über die Liebe, der sich gegen den erst im Anderen seiner selbst wahrgenommenen Zeitverlust stellt; getragen von den Empfindungen der beinahe Fünfzigjährigen, die sich gefühlsmäßig noch aus der Jugend heraus definieren, sich äußerlich jedoch schon ersten Verfallserscheinungen beugen müssen.

Das unverblümte Verlangen von anno dazumal will also noch einmal aufflackern, gerade weil Jutta in einer nicht gerade kriselnden, doch fast schon ereignislosen Ehe mit drei Kindern lebt, in der sich nicht einmal mehr gestritten wird. Das bald einsetzende Gespräch zwischen dem Erzähler und Jutta über die Erfahrungen der letzten Jahrzehnte ist ein Paradestück der doppelten Kontingenz: Beide werden hingehalten. Niemand weiß, woran er ist oder was der andere dabei denkt, worauf der Gegenüber hinauswill – und dieser Zustand wird die ganze Nacht anhalten.

Neben den Spannungen zwischen dem weitgereisten Intellektuellen und einer vermeintlich zu Hause Gebliebenen, die sich mehr für das Lokale als Globale interessiert, driftet die anfänglich ausgeglichene Neugier nach einigen Gläsern Rotwein schnell in einen Monolog Juttas über die Wehwehchen rot-grüner Spießbürger ab. Vermengt mit ihrem pietistisch geprägten Sicherheitsbedürfnis und einem Hauch katholischer Grundschuld sprechen aus ihr die klischierten Befindlichkeiten und Wohlstandsnöte einer ungeliebten Ehefrau und überforderten Mutter dieser Tage. Kein Wunder, dass sich Jutta in ihrem Frust bereits in die Sphären des Esoterischen verabschiedet hat und als ausgebildete Tantra-Lehrerin den Wunsch hegt, sich in quasireligiöse Transzendenz zu begeben.

Auf der anderen Seite der Autor, der als Erzähler und Gesprächsteilnehmer in einem den Roman auf formaler Ebene in vielschichtiger Weise lenkt und in das Geschehen eingreift. So bleibt es häufig offen, ob sich das verselbständigte Produkt der Phantasie gerade mit der Realität deckt oder davon abweicht. Nicht selten wird dann mit den Möglichkeiten der Literatur operiert: Der Erzähler denkt darüber nach, was passieren würde, wenn sich die Handlung des Romans in die eine oder andere Richtung weiterentwickelte.

Der vorliegende Text aus Sozusagen Paris entspricht dann gewissermaßen dem Roman nach dem Roman, aus dem der Autor zu Beginn vorgelesen hatte. Dabei ist er zugleich Erzählung, Schreibwerkstatt und Arbeitsjournal, weil der Erzähler in diesem Buch über den eigentlich noch zu schreibenden Roman, d. h. über seine reale bzw. fiktionalisierte Begegnung mit Jutta nachdenkt und ein ebenso erdachtes Streitgespräch mit seinem Lektor darüber führt. So gesehen liest sich Navid Kermanis neuer Roman auch als Bekenntnis, was es heißt, ein Leben als Schriftsteller zu führen und die Bedingungen des Schreibens selbst zu reflektieren, um daraus letztlich ein Spiel mit dem Leser und dem eigenen Medium zu inszenieren.

Für den Erzähler bewegen sich die Chancen der Literatur darin, etwas festzuhalten, das verloren zu gehen droht oder gar nicht erlebt werden konnte. Die Einholung des bereits Gewesenen sticht damit das vor uns Bereitliegende aus. In diesem Sinne plädiert der Liebesdiskurs in Sozusagen Paris dafür, sein Sujet als raum- und zeitunabhängig zu betrachten; so als ob mit Homers Odyssee schon alles gesagt worden wäre. Selbst die kleinsten Nuancierungen des Liebens tragen dann bereits den Charakter der Universalität. Sie alle sind nicht mehr als Fußnoten des schon ewig Durchschrittenen und von Abermillionen Menschen Erlebten.

Durchdekliniert werden diese Ansichten in weitschweifigen Reminiszensen an die französische Literatur. Besonders Proust und seine berühmten Figuren Marcel, Odette, Swann und Albertine sind ständige Bezugspunkte. Und Paris ist dann der klassische Sehnsuchtsort der Liebenden, der dem Alltag in der Provinz vollkommen entgegensteht; Paris als der Code für die nie wieder gewagte Einwilligung zur Affäre zwischen dem Erzähler und Jutta.

Ihr lockerer Plauderton wird jedoch erst von einer Melange aus alltagsphilosophischen Betrachtungen und etwas zu lang geratenen Zitaten aus der Kulturgeschichte zusammengehalten. Auf diese Weise zusammengewürfelt kommt Sozusagen Paris leider nicht über den altklugen Charme eines literaturwissenschaftlichen Proseminars hinaus und der Roman trottet seinen vielen Heroen wie Balzac, Stendhal und Flaubert hinterher: „Aber was hilft’s, wenn mich die Literatur am Ende doch mehr interessieren wird als das, was wirklich geschieht?“

von Marcus Böhm

Navid Kermani: Sozusagen Paris. Carl Hanser Verlag: München 2016. 287 S., 22,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/sozusagen-paris/978-3-446-25276-9/

6 thoughts on “Navid Kermani: Sozusagen Paris”

  1. Du triffst ziemlich genau meine Empfindungen zu diesem Buch. Ich grüble schon seit Tagen über meine Bewertung. Zu mehr als einem einerseits, aber andererseits wird es auch bei mir leider nicht führen.

    1. Vielen Dank für den zustimmenden Kommentar. Kermanis Text hätte man besser zweiteilen und getrennt veröffentlichen sollen: Einmal als amouröse Novelle und einmal als kulturwissenschaftlich angehauchtes Traktat über Wert und Unwert der Liebe in der Literatur. Im vorliegenden Fall funktioniert die eigentlich klug intendierte Begegnung des einen mit dem anderen leider nicht.

  2. Mir ist es ähnlich gegangen mit der Lektüre: Den konzeptionellen Ansatz des Romans fand ich sehr reizvoll, das Lesen dann doch immer wieder ermüdend. Dabei – da hatte Kermani wohl eine sehr gute Weitsicht – hat er immer dann, wenn ich so ganz wegsackte beim Lesen, genau dieses Problem aufgegriffen in seinen schriftstellerischen Reflektionen. Das ist ja auch irgendwie eine große – selbstkritisch-humorvolle – Kunst.

    1. Wenn man Kermani die eingeschobenen Kommentare abkauft, dann wäre das Buch ja nicht viel mehr als eine Farce seiner selbst und des Literaturbetriebs. Unter dem Blickwinkel der Selbstironie bekäme das Ganze also eine ganz neue Wendung.

  3. Dies war nun mal seit langem ein Buch das ich überhaupt nicht mochte und mich in keiner Form ansprach. Als Liebesgeschichte völlig ungeeignet und in einer staubtrockenen Form geschrieben.
    Wie ein Keks ohne Butter.
    Des einen Perle des anderen Staub.

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