Einen Roman zu schreiben heißt sich mitzuteilen. Um damit erfolgreich in den öffentlichen Kommunikationsraum zu treten, sollte dieses Bedürfnis einen gewissen Zuspruch erregen. Dieser fällt umso reichhaltiger aus, je inhalts- oder kunstvoller die – im besten Falle sogar beides vereinende – Aufbereitung gelingt. Max Wolfs Debütroman Glücksreaktor, der bereits im Titel den atomaren Tenor der sich elektr(on)ifizierenden Neunzigerjahre andeutet, begeht dabei zweifelsohne den Weg der autobiographisch gefärbten Selbstverarbeitung. Wofür jetzt auf dem vielleicht nicht gerade abebbenden, doch wenigstens zum Scheitelpunkt neigenden Nineties Revival, noch ein geeignetes Lesepublikum abzugreifen wäre.

Es ist 1994: Als der zugegeben äußerst selbstbewusste Ich-Erzähler Frederick, seines Zeichens Oberstufenschüler aus der fränkischen Provinz, in eine Einzimmerwohnung nach Erlangen umzieht, sieht er sich mit den Möglichkeiten seiner Jugendlichkeit auf neue Weise konfrontiert. Die von ihm initiierte Emanzipationsbewegung aus den bornierten Fesseln der leblosen Reihenhaus- und Jägerzaunromantik will sich der „[m]inimale[n] Angst und maximale[n] Langeweile“ entgegenstellen. Kurt Cobain ist tot und die Hörgewohnheiten schlagen aus dem Grunge- und Skatermilieu zur „Elektromucke“ um: Es lebe Rave, Acid, Trance und wie sie alle hießen.

Im Mittelpunkt des Romans steht das „Boot“ – ein Club in Nürnberg, der bis Sonntagmittag seine Pforten geöffnet hält, der neben Rausch und Regenbögen ein buntes Allerlei an Feuerwerk bereithält und für den sich Frederick und seine Freunde jedes Wochenende aufs Neue begeistern können. Hier entfliehen sie dem Strom der Allgemeinheit und wähnen sich in Opposition zu all den Ingenieuren, Hausfrauen und Lehrern – den Hoffmanns und Meiers, den Gabis und Petras.

Auf den Streifzügen zwischen Clubs und Schulbänken saugt Glücksreaktor in der Folge sehr viel Episodisches, Kurzweiliges in kleinen, sich dynamisierenden Kapitelabfolgen auf und setzt diesen „kurz vor der Kernschmelze“ situierten Hedonismus auf Status quo, der sich einer erzählerischen Fortentwicklung zunächst verweigert. Man frönt dem Konsum: Etwas von allem nehmen, miteinander vermischen, sich aufputschen.

Neben der teils aufgesetzt verwendeten Jugendsprache hat der Roman darüber hinaus eine eigenwillige, dem naturwissenschaftlichen Pennälerjargon entlehnte, Poetologie erschaffen. Es sind die Frequenzen, Wellen, Amplituden und sich gegenseitig bedingenden Energie- und Entropiesysteme, mit denen die Clubbesuche und Drogenexzesse dem Schematismus der Experimente im Physikunterricht gleichgesetzt werden. Wenn im Kampf der Oszilloskope und Stroboskope die Ableitungen und Nullstellen dieser Erlebnisse in ihrer sprachlichen Funktion sichtbar gemacht werden wollen, so bleibt diese doch etwas knöchern ausfahrende Mechanik aus lauter Antennen, Sensoren und Detektoren hinter dem eigentlichen „Empfinden“ zurück. Ein biochemisch gearteter Erklärungsansatz auf Neuronen-Ebene steht diesem sogar diametral entgegen, gerade weil er immer noch der positivistischen Vereindeutigungsstrategie aufsitzt, die Vollständigkeit alles Wirklichen, und damit auch das Ureigene der Gefühle, einfangen zu können.

Diesen aus der Sicht eines Siebzehnjährigen wiedergegebenen Erlebnissen fehlt natürlich die Reflexionsebene, durch deren möglichst selbstironischen Abstand sich man erst dazu in der Lage befände, neutrale Urteile zu fällen. Doch dieser Anspruch wird in Glücksreaktor ausdrücklich fallengelassen, auch wenn sich in der zweiten Hälfte des Buches teilweise kritische Untertöne sammeln, Frederick zunehmend allein gelassen wird, sein Körper vor Halluzinationen und Schweißausbrüchen streikt und er auf der Suche nach Anerkennung, letztlich Liebe, nicht fündig wird.

Dieser Roman, der vor zwanzig Jahren vielleicht bitter nötig gewesen wäre, ruft bei der heutigen Lektüre viel Nostalgisches hervor; doch nicht zwingend zu seinem Vorteil. Die immer wieder kehrenden Phrasen aus dem drogen- und musikgetränkten Einssein mit seiner Umgebung verraten nicht viel Neues über die sich mittlerweile viel weiter ausdifferenzierte Clubkultur, noch über deren schon beinah historisch gewordenen Anfänge. Schlussendlich überwiegt somit das eingangs erwähnte Kommunikationsbedürfnis persönlich durchlebter Ereignisse, über deren heutige Relevanz oder „Welthaltigkeit“, wie es doch so schön heißt, unbedingt zu streiten wäre.

Max Wolf: Glücksreaktor. Tempo, Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2018. 256 S., 20,00 Euro.

http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/gluecksreaktor-buch-10084/

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