Schreiben, überhaupt Kunst zu treiben, gilt schon seit Ewigkeiten als Versuchung. Mit dem Stift in der Hand bewältigen wir die Bürde der Endlichkeit, treiben diesen Prozess in vermessene Höhen und wagen den Ausgriff aufs Unbeschränkte. Die Ausgestaltung der eigenen Unzulänglichkeit entspricht also einem Verlangen, den Bewusstseinszustand der Enge zu überwinden. Der Baum des Lebens bedient sich in seinen Verästelungen dabei einer Erkenntnispraxis, die über ihn selbst hinausreicht. Doch anstatt Erlösung bleibt in den meisten Fällen doch nur die enttäuschte Grundfiguration aus Schuld und Schuldkompensation zurück, die diesen Vorgang immer wieder aufs Neue in Gang setzt.

Die Wehklagen in Martin Walsers neuem Buch Statt etwas oder Der letzte Rank entsprechen dann genau dieser Produktivitätsmaschinerie. Sie sind ein zwar äußerlich leichtfüßiger, doch innerlich brodelnder Kraftakt zur Wahrung dichterischer Aufrichtigkeit. Walser lässt darin seinen namenlosen Erzähler so vor sich hin schweifen. Es sind Streifzüge, die vielleicht mehr die Liebe zu sich selbst, als zu Anderen beschwören; egoistisch, aber niemals einzelgängerisch.

Der alte Herr vom Bodensee hat als Grandseigneur der deutschsprachigen Literatur fast alle Größen seiner Generation wie etwa Günter Grass oder Siegfried Lenz überlebt. Doch von Ermüdungserscheinungen des fast neunzigjährigen Walser ist überhaupt keine Spur. Die Frische seines minimalistisch gehaltenen Sprachhaushalts ruft mehr geistigen Tiefgang hervor, als es dem bloßen Buchstaben nach zu erwarten wäre.

In den über fünfzig kurzen Kapiteln reihen sich Alltagsbeobachtungen, Naturerkundungen neben Gedichten und Reflexionen über das Schreiben gleichermaßen. Ein Potpourri aus Träumen, Gesprächen und Begegnungen zwischen Männern und Frauen, Freunden und Feinden. Der Autor in seiner Rolle des Bewahrers fängt sie alle ein: Die Verwünschungen und Widerspenstigkeiten eines verflossenen Lebens. Bei Max Frisch hieß es dazu einmal: „Schreiben heißt: sich selber lesen“, und in genau dieser reflexiven Struktur dient das Schreiben bei Walser der Selbstzuschreibung; als Vergewisserung eines Ichkonstrukts.

Hochgehalten wird die Ehrlichkeit zu sich selbst. Eine Ehrlichkeit, die aber nicht mit Wahrheit verwechselt werden darf: „Ich konnte, ohne zu jonglieren, dieses Leben nicht aushalten.“ Auch wenn der Erzähler mit sich ins Gericht geht, sich seinen Schwächen stellt, hält er weiterhin an ihnen fest. Es ist der Aufruf, sich nicht mehr geißeln zu lassen, weil es das nicht (mehr) wert ist.

Nietzsche lebenslänglich, so ein Credo Walsers: Wir können uns einander nur in Freiheit begegnen, wenn wir unseren Irrungen und Wirrungen freien Lauf lassen und allen moralischen Konventionen den Kampf ansagen. Das Richtige können wir erst dann erkennen, wenn man weiß, was falsch gewesen ist. Erst eine Dialektik des Scheiterns lässt unsere Größe offenbar werden.

Der Text setzt in diesem Gefolge auf das Liedhafte und Beschwingende und übt in seinen unbedarften Refrains das Mantra der Resistenz ein. Der weitgehende Verzicht auf Handlung ist dabei Programm: „Dass wir versuchen müssten, auszukommen ohne Sprachblumen!“ Vom erklärten Ziel der Satzlosigkeit, vom „Schweigen, von dem nicht mehr die Rede sein müsste“ bleibt schließlich eine in sich gekehrte Lektüre zurück, die einen der genussvollen Bedächtigkeit aussetzt, ohne auch nur einen einzigen Moment des Zweifelns an ihr anmelden zu wollen.

von Marcus Böhm

Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank. Rowohlt Verlag: Reinbek bei Hamburg 2017. 171 S., 16,95 Euro.

http://www.rowohlt.de/hardcover/martin-walser-statt-etwas-oder-der-letzte-rank.html

2 thoughts on “Martin Walser: Statt etwas oder Der letzte Rank”

  1. Dankeschön für diese feinsinnige und hinter den Worten gedachte Rezension von diesem Roman der nie einer war. Unter allen mir bekannten Erwähnungen des neuen M. Walser Werkes spiegeln deine Worte mir am ehesten die Gedanken wieder hinter den Sätzen und Flanierverballungen dieses Autors. Auch das Verständnis seiner Denke und Satzmalerei triffst du feinsinnig und mir zur Freude. Eine wahrlich profunde Empfehlung.

    1. Stimmt, auf die Gattung des Walser-Textes hätte man noch gesondert verweisen können. „Roman“ ist in der Hinsicht auch zu einem Nichtbegriff geworden, da er so ziemlich Alles sein darf. Jedenfalls freue ich mich sehr über diesen ganz und gar regen Zuspruch Deines Kommentars.

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