yseut

Yseut. – so heißt der neue Roman der Österreicherin Marlene Streeruwitz; und zwar mit einem zunächst unauffälligen Punkt am Ende seines Titels. Eine durchaus zierliche Interpunktion, die, bedenkt man jedoch ihre exponierte und dadurch ungewöhnliche Position, bereits zu Beginn den Austritt aus einer formelhaften Gefangenheit markiert. Sich gegen Konventionen stellen, aufbegehren und Festgeschriebenes hinterfragen, das sind auch zentrale Eigenschaften von Marlene Streeruwitz‘ Protagonistin Yseut; selbstbewusste Trägerin einer älteren Namensform von Isolde.

Yseut, eine vielgereiste Endsechzigerin, setzt sich, wie der Untertitel Abenteuerroman in 37 Folgen bereits vorwegnimmt, erneut der Bewährung aus. Als eine Art weiblicher Odysseus des Jahres 2016 auf der Fahrt durch die Oberitalienische Tiefebene wird ihre Charakterfestigkeit jedoch mehr als nur einmal auf die Probe gestellt. Vorbei an den Sehnsuchtsorten Venedig und Ravenna eifert sie der historischen Reiseroute des englischen Dichters Lord Byron hinterher und verliert dabei auch die Plätze ihrer ersten Urlaubserlebnisse als Kind in den fünfziger Jahren nicht aus den Augen.

Ohne es zu beabsichtigen verfängt sich Yseut, die übrigens mit dem modernen Schwert einer Pistole ausgestattet ist, in mehreren, verschieden gefährlich anmaßenden Episoden: Carabinieri, die ihre Macht ausspielen möchten, ekelerregende Insekten im Hotelzimmer, ein jugendlich-leichtsinniges Überfallkommando, die kammerspielartige Verwechslungskomödie inklusive Gräfin und Major, Menschenhändler sowie ein mafiös aufgeladener Restaurantbesuch.

Nicht wenige Sequenzen erinnern in ihrer dunkel-verrätselten Atmosphäre an ein surreales Schauspiel, ausgestattet mit den Distinktionen eines mittelalterlichen Hofstaats. Affektenkontrolle wird also wieder großgeschrieben, durch welche dann zart justierte Nivellierungen von je persönlich einstudierten Verhaltensmustern neu aufgerollt werden.

Überhaupt ist Yseuts Lebenswirklichkeit von etlichen, sehr fein verästelten, historischen wie auch mythologischen Subtexten durchdrungen, die jedoch kaum aufdringlich oder intellektuell überfrachtet wirken. Assoziationen aus dem alten Rom treffen dabei auf Reminiszensen germanischer Götter. Beides vermengt sich mit moderner angelsächsischer Lyrik und Zitaten aus Popsongs. Dazu gesellt sich passend das Realitätsverständnis Yseuts:

„Yseut dachte, David Lynch wäre der beste Realist von allen, als deutlich wurde, dass es in der ununterbrochen kreiselnden Strudelbewegung von Veränderungen in der Welt keine Richtungen mehr gab. In diesem steten Davongleiten der Realitäten schien es ihr logisch, zum Märchen zurückzukehren.“

Das Ineinanderfließen verschiedener Kultur- und Zeitströme entspricht dabei dem enzyklopädischen Gedankenhaushalt Yseuts. Als studierte Linguistin, die sich nicht nur auf Indianische Sprachen spezialisiert hat, sondern auch fließend Englisch und Italienisch spricht, läuft sie dabei jedoch Gefahr, sich des Jochs der Babylonischen Sprachverwirrung beugen zu müssen, anstatt einer stets komplizierter werdenden Wirklichkeit Herr zu werden: „Das Suchen nach der Sprache der fest ausgerotteten Wiyot bedeutete, in den Leben der Befragten zu wühlen.“

Inszeniert wird diese Suche bereits von der ersten Zeile an. Marlene Streeruwitz übt sich sprachlich in einem radikalen Tonfall, der stilistisch mit einer eigenen, unverkennbaren Poetik aufwartet. Vielleicht ist es ein Duktus zwischen wortbewaffneter Entrüstung und metaphysisch eingeschriebener Furcht. In den äußerst kurz aufeinanderfolgenden Gedankenblitzen, die in ihrer parataktischen Hauptsatzakrobatik eine ungewohnte Dynamik erzeugen, finden sich keine Kommata und keine Absätze. Die vielen kurzen Ausrufe sind dabei in einer Art actio-reactio-Schema verankert. In dieser eigenwilligen Ästhetik konkretisieren sich die Sachverhalte, indem sie mit fortschreitenden Sentenzen weiter eingekreist, wiederholt und alterniert werden. Das erinnert dann nicht selten an ein spirituell anmutendes Mantra, das einen schon fast in Trance versetzen will:

„Die Bewegung. Tiere. Sie holte Luft. Trat die Autotür mit dem Fuß auf. Nachlaufen. Weiterschießen. Niedertrampeln. Mit jedem Atemzug. Die Wut stieg an. Wurde rasend. Die hatten ihr Angst gemacht. Richtige Angst. Richtige alles bedeutende Angst. Die hatten ihr beigebracht, was Ohnmacht war. Gefangen. Sie war in dem Auto gefangen gesessen. Ein gefangenes Tier und nichts an ihr noch die Person. Sie war zu einem Körper gemacht worden. Ohne jede Eigenschaft. Ein Körper. Nur zum Töten.“

Und ob das alles noch nicht genug wäre, wird Yseuts oberitalienische Abenteuererfahrung mit biographischen Rückblenden der vergangenen Jahrzehnte unterfüttert. Die in sich asynchron verlaufenden Zeitebenen spiegeln dabei ihre Erlebnisse als Jugendliche in einfachen, doch aufgeklärten Verhältnissen im Wien der fünfziger Jahre, als Hippie-Studentin im kalifornischen Berkeley und ihren Einsatz als Schauspielerin sowie Werbetexterin im bundesrepublikanischen Frankfurt der Vorwendezeit wider.

Yseuts Leben wird in der Folge immer wieder neu erzählt und von abwechselnden Fluchtpunkten aus variiert: „Die Lebensabrechnung in Gedichten vorlegen zu können. Aus all dem Leben den dünnen Faden des Geschriebenen zu spinnen. Schwarz auf Weiß. Das Geschriebene aus dem Dunkel zu diesem dünnen Faden der Buchstaben gewunden.“

Die Sprache der Erinnerung folgt jedoch einer konventionelleren Struktur, um nicht zuletzt die Abgrenzung zur Gegenwart deutlicher werden zu lassen. Mit diesem eingeschobenen Bildungsroman aus der zweiten Reihe erfährt man, wie Yseut zu der Frau wurde, die sie heute ist: Wie aus einem unsicheren, schüchternen Mädchen Ende der Sechziger Jahre ein angenehm emanzipierter Charakter des beginnenden Jahrtausends wurde. Emanzipiert von den Eltern, der katholischen Kirche und von häuslicher Gewalt. Es ist die wechselhafte Geschichte der Selbstaufklärung einer unverschuldet naiven Frau: „Sie hatte in jedem Augenblick ihres Lebens das Richtige gemacht und war damit ins Falsche geraten.“

Traurig nur, stets eine Yseut ohne Tristan, eine Julia ohne ihren Romeo vorzufinden. Yseuts Leben ist eines über das Abhandenkommen des männlichen Geschlechts. In ihrem etwas über die Spitze getriebenen Seufzen und Keuchen tauchen sie alle wieder auf, die Alfreds, Eduards, Dieters und Simons. Yseuts Biographie ist ohne Zweifel von zwischenmenschlichem Vertrauensverlust gebeutelt, an dem sie jedoch nicht gänzlich unschuldig ist. Die vielen, unvollendeten Beziehungen loten somit besonders den Grenzbereich aus persönlicher Unabhängigkeit (allein) und materieller Sicherheit (zu zweit) aus.

Yseut. ist ein Roman über die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts, der sich als Kampf gegen konservative, wenn nicht sogar restaurative Kräfte präsentiert. Geschichtlich nicht nur zwischen Rassenwahn und Flüchtlingskrise angesiedelt, wird mit Yseuts Leben die bedeutungsschwere Vergangenheit innerhalb der Gegenwart zugänglich gemacht. Es ist ein Text über das kulturelle Gedächtnis, das nicht zu versiegen beginnt und über eine progressive Frau, die um ihre Freiräume und Rechte zu kämpfen niemals müde wird, den es zu lesen lohnt.

von Marcus Böhm

Marlene Streeruwitz: Yseut. Abenteuerroman in 37 Folgen. S. Fischer: Frankfurt a. M. 2016. 414 S., 25,00 Euro.

http://www.fischerverlage.de/buch/yseut/9783100025166

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