„Feldlinien wie Eisenspäne, angezogen von einem Magneten. Eine feingestrichelte Zeichnung, Schraffuren, die sich bewegten, ineinanderdrehten. Grauer Asphalt überall, bedrückende Leere. Ein Bahnsteig, ein Gitter. Unmengen wirbelnder Kiefernnadeln. Der Zug fuhr ein.“

Wie die Bäume, so die Menschen. Ihnen scheint gleichermaßen eine Textur eingeschrieben, die zwischen Flüchtigkeit und Ewigkeit nicht ganz zu unterscheiden weiß. Natur und damit auch zwangsläufig sich selbst zu beherrschen, heißt das Ganze über rein ästhetisches Empfinden hinaus zu treiben: Es in den Verfügbarkeitsmodus zu überführen, um Licht ins Dunkle zu bringen.

Hierin klafft allerdings die wechselseitig angelegte Wiederspiegelung des einen im anderen. Denn der Mensch legt mit seiner Klassifizierung nämlich dasjenige in die Natur hinein, was er selbst darin zu erfassen glaubt und strenggenommen nicht das, was eigentlich ist. (Oder auch: Die große Frage nach dem Riss zwischen Bezeichnendem und Bezeichnetem.) Auf diese Weise fühlt sich das Individuum mit den Dingen da drinnen und draußen zwar verbunden, kennt dabei jedoch die Grenzen des irdischen Vergnügens, woran es schließlich auch zugrunde gehen droht.

Marion Poschmanns neuer Roman Die Kieferninseln tendiert dieser Einsicht trotzend in die genau entgegengesetzte Richtung. Man muss den Zauber des Lebens ein Stück weit gewähren lassen, um sich selbst nicht in die Knie zu zwingen. Abseits aller zu erfahrender Naturschönheit im japanischen Matushima, nördlich von Tokyo, durchmisst das Buch aber vor allem die dichotomisch und stereotyp aufgeladene Beziehung zwischen Ost und West: Japan und die Japaner/-innen in all ihren Formen graziler Zurückhaltung, dezenter Erhabenheit und Zivilisationsermüdung.

Umso aufklärerischer und heller das Selbst- und Weltverhältnis in der westlichen Hemisphäre, desto dunkler und mythologischer dann der Osten. Sein Wahrheitsparadigma folgt nicht dem stumpfen Aufzeigen von Tatsachen, sondern dem Sichtbarmachen des Verborgenen. Japan füllt die Leerstellen des Exotismus daher mit einer in Aussicht gestellten Andersartigkeit im Selben aus, für die bereits Sofia Coppolas Lost in Translation die filmische Entsprechung bereithielt.

Wenn die Hauptfigur Gilbert Silvester, ein überqualifizierter und unterbezahlter Geisteswissenschaftler, seine eigene Unsicherheit stets mit sich herumführt und das fehlende Identifikationspotential seines aktuellen Forschungsprojekts zur Kulturgeschichte des Bartes in Gottesdarstellungen zur Schau stellt, so ist das nicht nur eine Persiflage auf den Wissenschaftsbetrieb und das akademische Prekariat, sondern vor allem die Preisgabe eines Sonderlings, der selbst gar keiner sein will: Gilbert ist jemand, der seinen Platz in dieser Gesellschaft, den Sitz im Leben, irgendwie verfehlt halt.

Kein Wunder, dass er sich nach einer lediglich im Traum eingebildeten Affäre seiner Frau Mathilda spontan auf die Reise nach Japan begibt und diesen hanebüchenen Anlass vorschiebt: „Er sehnte sich weg, einfach so weit weg wie möglich“. Die spontan hereinbrechende Ausflucht aus dem Alltag nach Art eines bekannten Schlagers führt die Übermacht des Unbewussten vor. Gilbert treibt dann etwas um, das er aus freien Stücken niemals zu inszenieren gewagt hätte. Insofern folgt die Logik des Wahns doch nur dem Schutz vor sich selbst.

Auf seinen Irrfahrten durch den Großraum Tokyo spürt er den Wanderungen der japanischen Dichter Saigyo und Basho nach und versucht sich peinlicherweise selbst an der traditionellen Versform des Haiku. Die Tatsache, sprichwörtlich in ihre Fußstapfen treten zu können, verleiht Gilberts reaktionären Abwegen nur fragmentarisch eine gewisse Sinnhaftigkeit. „Einmal verrückt sein und aus allen Zwängen fliehen“ entspricht somit der selbst auferlegten Maßgabe, eine Reinigung von gesellschaftlichen Konventionen zu durchleben. In stoischer Gleichgültigkeit heißt es schließlich, die Souveränität über die eigene Freiheit zurückzugewinnen und den Verblendungen entsagen zu können.

Soweit zumindest die Theorie, wäre da nicht Gilberts tragikomische Begegnung mit dem Studenten Yosa gewesen, der aus Unzufriedenheit mit dem Studium, enttäuschter Liebe und nicht erfüllten Erwartungen seinem Schicksal zuvorkommen möchte. Mit dem in Japan so populären Complete Manual of Suicide begibt sich Yosa absurderweise auf die Suche nach einem geeigneten Ort, um sich würdevoll das Leben zu nehmen. Gilbert ist neugierig genug, um auf Yosas letzten Wegen die Rollen des Leidensgenossen, Ethnologen und Erfüllungsgehilfen zugleich in Anspruch zu nehmen. Selbstmord versteht sich hier durchaus als Leistung, als eine in Freiheit gekleidete Selbstbehauptung über das eigene Leben, ja als ehrbare Errungenschaft über den Tod hinaus.

Die Episoden der Kieferninseln beleuchten diese ungewöhnliche Nichtfreundschaft der beiden Männer; und zwar aus den spärlich erhaltenen Resten kaum stattfindender Kommunikation. Entweder sieht sich Gilbert als teilnehmender Beobachter eines Experiments, dessen ernste Lage er nicht begreifen will oder er hegt unausgesprochen den Wunsch, sich ebenso die Klippen hinunterstürzen zu wollen. In der anhaltenden Begleitung einer dem Tod geweihten Reise verarbeitet Gilbert diese Form der Schizophrenie, deren zugrunde gelegten Sehnsüchte er niemals selbst zulassen, sie aber auf ein anderes Subjekt projizieren will. Die Errettung Yosas ist somit immer auch die Rettung Gilberts vor sich selbst.

Trotz des lyrischen Einschlags gelingt es Marion Poschmann mit einem verdichteten, aber niemals pathetischen Vokabular überaus ungewöhnliche Sichtweisen auf unser Realitätsverständnis offenzulegen. Die Kieferninseln schaffen es, ohne auch nur ein einziges Wort zu viel zu verlieren, ein kleines Stück Japan in die deutschsprachige Literatur zu holen. So, als ob man immer schon mal dort gewesen sein wollte.

von Marcus Böhm

Marion Poschmann: Die Kieferninseln. Suhrkamp Verlag: Berlin 2017. 165 S., 20,00 Euro.

http://www.suhrkamp.de/buecher/die_kieferninseln-marion_poschmann_42760.html

2 thoughts on “Marion Poschmann: Die Kieferninseln”

  1. Komplexe Rezension! Danke für die Einblicke in deine Leseweise. Meine Besprechung kommt morgen. Ich glaube ja fast, dass Yosa eine Seite von Gilbert spiegelt. Gerettet ist er, als Yosa verschwindet …
    Viele Grüße!

    1. Ganz genau! Das wollte ich mit Gilberts Schizophrenie zum Ausdruck bringen. Gut vorstellen kann man sich das, wenn man an den eigentlich grandiosen Film „Fight Club“ erinnert, in dem ein ähnliches Spiel getrieben wurde.

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