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Der Rhythmus des Körpers ist der Duktus der Sprache. Die vielfach ausgezeichnete Autorin Marica Bodrožić hat in ihrem mittlerweile fünften Roman Das Wasser unserer Träume, soeben bei Luchterhand erschienen, wertvolles Zeugnis abgelegt. Und zwar nicht nur darüber was es heißt mit der Macht der Sprache umzugehen, sondern sie seziert gleichzeitig die notwendig an einen Körper gebundenen Entfaltungsbedingungen dafür. Eine Erzählerin also, die ihren Wittgenstein und auch Foucault durchaus verstanden hat.

Was, wenn komatöse Personen mehr wahrnehmen können als ihnen gemeinhin zugestanden wird? Begreift man den Menschen als ständigen Wanderer zwischen den Gezeiten aus Wachen und Schlafen, so unterläuft gerade der Traum und vielleicht auch das Koma den Grenzzustand aus Unbewusstem und Bewusstem. Wenn sich demnach Präsenz und Absenz geistiger wie auch körperlicher Prozesse miteinander vermengen, erst dann kann vom in-dividuum gesprochen werden. Sein Innen und Außen sind eins geworden: Es ist das unteilbare Ganze.

In Marica Bodrožićs neuem Roman begegnet man eben jenem namenlosen und gedankenmonologisierenden Ich, das als Komapatient im Krankenhaus liegt ohne über seine Sinne verfügen zu können. Was dem Herrn, soviel wird verraten, noch bleibt, ist lediglich sein Geist: Die Kraft des Gedankens, aber zunächst ohne Erinnerung an sein früheres Leben. Aus erzählerischer Sicht könnte die Situation also kaum frappanter sein. Denn dieses Ich weiß weder, warum es dort liegt, noch ob es Sterbendes oder doch Genesendes ist. Werden seine Organe zur Spende freigegeben oder wartet da draußen noch ein weiterzuführendes Leben? Inmitten einer Szenerie aus Schläuchen, Visiten und Waschungen gibt es nichts, was seinen Gedankeninhalt verifizieren könnte; kein Außen, dass ihm anerkennenden Halt gewährt.

„Oder ob mein Kopf ein kleiner Himmel ist, hier, in diesem Zimmer, in dem ich liege, wie lange, das sagt mir niemand, denn auch ein Zimmer ist ein Himmel für sich.“

Im Zurückgeworfensein auf die elementare Kraft des Denkens und einer zugegebenermaßen gesunden Portion Einfühlungsvermögen besitzt dieses Ich aber ein besonderes Gespür für anwesende Personen im Raum und ihre Aktivitäten.

„Die Sprache hilft mir zu sehen. Sie ist meine Augenspeise.“

Die vollkommene Geistesgegenwärtigkeit ersetzt so gesehen die Fähigkeiten verschiedener Sinne. Der Handlungssog des Romans wird von der Frage vorangetrieben, warum sich der Komatöse überhaupt in dieser Lage befindet. Scheibchenweise werden Mosaiksteine der langsam wieder aufkeimenden Erinnerung freigelegt. Man fiebert sozusagen Seite um Seite mit, wie man weiter in das bisherige Leben des Erzählers eintauchen kann. Das sind jedoch nur Versuche, die sich ihrer selbst nicht versichern können.

„Mein Körper ist stumm. Er lässt mich nichts tun. Er hat sich in sich selbst eingesperrt.“

Die Rückkehr des Geistes in den Körper wird mit dem langsamen Aufwachen in die Welt hinein verbunden. Gefangen im Dilemma für sich selbst nur Geist und für die Anderen nur Körper zu sein, kehren allmählich verschiedene Regungen des Erzählers zurück. Stellenweise übt man sich in dem Gefühl einem ausufernden Höhlengleichnis beizuwohnen, das unablässig danach fragt, woher wir eigentlich wissen können, was von unseren Empfindungen der Realität entspricht und was nur der Einbildung.

„Die Buchstaben sind die Handwerker, die das Verbundene in den Vorzimmern unserer Träume sichtbar machen.“

Marica Bodrožić hat in diesem Sinne einen literarisch verfremdeten Kommentar zu einigen philosophischen Grundfragen des Lebens verfasst. Sie beweist, wieviel Energie die Einbildungskraft in einem quasi leblosen Körper freisetzen kann und zugleich wie fragil es um diese Ordnung bestellt ist. Vertraute man nur auf das Wort, so bliebe nichts weiter übrig. Worte werden erst zur Wirklichkeit gebracht, nachdem sie bereits ausgesprochen und also schon wieder verschwunden sind. Was bleibt ist nur die Erinnerung an verschiedene Laute, die ihr Entstehen also im Vergehen haben. Was ist demnach das mitgeteilte Leben, wenn es, wie hier vorgeführt, nicht einmal durch Andere vernommen werden kann?

Das Wasser unserer Träume – aus dem Wasser geht alles hervor und es geht darin auch wieder zu Grunde. Es ist die Verflüssigung, die alles Leben miteinander verbindet. Das Ozeanische steht für die ewige Sehnsucht. Sie gereicht von den Ufern der Seen über die Gletscher bis in die Wolken hinauf – als Metapher für die umfassende Natur der Sprache.

Das überaus kunstvolle Leseerlebnis, das mit gewagten Bildern wie „Herzhorizonten“, „Wörterfrüchten“ und „Buchstabenküsten“ aufwartet, nimmt einen vollumfänglich gefangen. Man wird daran erinnert, was Literatur eigentlich bedeuten kann. Es die Rückkehr sprachversunkenen Raunens, das irgendwo zwischen Hölderlin und Handke anzusiedeln wäre, sich dabei aber den gleichen Vorwürfen einer esoterisch überfrachteten Metaphysik stellen muss. Doch hier liegt keine verhinderte Theologie oder der Aufruf zur Kontemplation, sondern ein ausgesprochenes Bekenntnis zum Vollzug des Lebens vor. Der nahezu vollständig im Präsens gehaltene Monolog versetzt einen in die dafür passende Erlebnisgegenwart des Daseins. Mehr kann nicht gefordert werden, als diese in Form von Liebe und vor allem Freundschaft in die unendliche Zukunft voranzutreiben (Novalis vs. F. Schlegel).

Die Kunstform der Literatur gibt immer auch Auskunft darüber, was sie selbst mit literarischen Mitteln zu leisten vermag. Der Leser bekommt insofern niemals nur eine Geschichte vorgesetzt oder erfreut sich bloß an veritablen Sentenzen, die weiß Gott wie harmonisch in seinen Ohren Einklang finden. Sondern ansprechende Literatur bezieht mit den eigens geschaffenen Mitteln des sprachlichen Ausdrucks gleichermaßen Stellung zu sich selbst. Im Erfassen des Wortgebildes eines fiktionalen Textes erfährt man also stets etwas darüber Hinausgehendes. Neben der inhaltlichen Relevanz bleibt es also zu klären, wie aus zeichenbehafteten Strukturen eine Vermittlungsinstanz zu einer buchstabenfreien, aber bedeutungsintensiven Realität der Empfindung gewonnen wurde. Mit eben dieser Selbstverständigung ist Marica Bodrožić in die Demarkationslinie literarisch-philosophischen Schreibens überzeugend vorgedrungen.

von Marcus Böhm

Marica Bodrožić: Das Wasser unserer Träume. Luchterhand: München 2016. 221 S., 22,00 Euro.

https://www.randomhouse.de/Buch/Das-Wasser-unserer-Traeume/Marica-Bodroic/Luchterhand-Literaturverlag/e393059.rhd

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