Heimat ist Kitsch; zu viel der Sehnsüchte, falschen Hoffnungen und nicht eingelösten Rückkehrambitionen. Wenn Heimat glücklicherweise nicht mehr als Raum, so doch wenigstens als Perspektive begriffen werden könnte, bleibt dennoch die Frage offen, was einen dann dazu bewegt, sich heimisch zu fühlen. Der schon lange zurecht in Misskredit geratene Begriff sollte eben nicht als Geographie, sondern eher als Stimmung charakterisiert werden. Daran versucht sich auch der Journalist Lucas Vogelsang in seinem Buch Heimaterde.

Ausgangspunkt seiner Reportagen ist der Berliner Stadtteil Wedding, der als Kessel Buntes bundesrepublikanischer Wirklichkeit frohlockt und alarmiert zugleich. Im Gegensatz zum vorstädtischen Einfamilienhausidyll muss hier nicht um jeden Funken Realität gefeilscht werden. Alles ist in Bewegung und stürzt einem unweigerlich entgegen, ohne sich überhaupt der journalistischen Feldforschung willentlich ausgesetzt zu haben. Wer hier über Herkunft oder manchmal nur über sein Zuhause spricht, findet kaum einen herberen Ort innerer wie äußerer Zerrissenheit wieder. Und doch, so hofft man, scheint im „Mischmasch“ der Kulturen einiges besser zu gelingen als in der inzestgebeutelten Provinz.

Wenn festgefahrene Ordnungen ständig auf dem Prüfstand stehen, dann verliert sich auch der therapeutische Zweck, Gleichmäßigkeit ins real existierende Chaos bringen zu wollen. Eine Rezeptur für die Heimat to go wird es dann nicht mehr geben. Wie auch, wenn die Weltreise durch Deutschland, wie es im Untertitel des Buches heißt, schon unberufene Normalität geworden ist. Ein Glück, dass Äußerliches mittlerweile nicht mehr zwingend Fremdländisches zu legitimieren scheint.

Pech aber auch, dass die alten Stereotype nachhallen. Die Ignoranz zwischen den Kulturen befördern nach wie vor Konfliktherde und Konkurrenzen, vor denen der häufig ebenso fehlgeleitete Dialog inmitten von Türken, Russlanddeutschen und den neu Angekommenen nicht gefeit ist. Ganz zu schweigen von dem immer noch verkrampften Verhältnis zwischen Ost und West. Ironie genug, dass sich einzelne Gruppen dann doch wiederum um die bereits geleistete Verweildauer im scheinbar Fremden definieren, sich manchmal „deutscher“ fühlen, als ihnen lieb ist, ohne dabei einzusehen, dass dieses Kriterium ein historisch äußerst Kontingentes ist.

Im Gespräch mit den unterschiedlichen Bewohnern seines Kiezes wird Lucas Vogelsang eines klar: Es ist die Logik der Fürsorge, die unabhängig aller Religionen sich aufdrängende Nächstenliebe, die den Schwarm zusammenhält. Schlichtweg die Einsicht, einer unter vielen und niemals nur für sich zu sein. Das verhaltene Lächeln oder ein „Wie geht’s?“ wirken nach, auch wenn die Animositäten des Alltags das Zusammenleben nicht vereinfachen.

Um der anthropologisch konstant gebliebenen Frage nach Zugehörigkeit weiter auf die Schliche zu kommen, wurde nicht nur in Berlin, sondern u. a. am Ammersee, in Stuttgart, im Ruhrgebiet, an der Ostsee und nicht zuletzt in Namibia nachgehakt. Entstanden sind Porträts von Menschen und ihren Geschichten dahinter. Jeder kann also ein Roman sein. Häufig sind es die gesellschaftlichen Aufsteiger wie Sportler, Schauspieler und Politiker, die zu Wort kommen. Traurig zu hören, aber den meisten ist der Wunsch nach Anerkennung gemein, dem vermeintlich probatesten Mittel, um als Migrant in Deutschland akzeptiert zu werden.

Aber nicht vollumfänglich. Der Fußballkenner Lucas Vogelsang weiß um die vereinende Kraft des Sports, zeigt aber auch dessen Grenzen auf. Die Reportagen zu den Boateng-Brüdern und Jimmy Hartwig führen den gewandelten Inklusionswillen der Gesellschaft vor Augen, ohne seine anhaltende Fragilität außer Acht zu lassen.

In diesem Sinne erheben die Streifzüge Vogelsangs zwar nicht den Zeigefinger, sondern lassen uns von alleine aufhorchen. Sie verstehen sich als ineinander verschlungenes Werk im Werden, das seinen nicht weniger ironischen Kommentar zu sich selbst stets bereithält. Der vorwiegend flapsige Tonfall aus Floskeln, Straßenjargon und unterschwelligem Hiphop-Beat ficht keinen tiefgründigen Heimatdiskurs aus, fördert jedoch offenkundige Probleme der Integration zu Tage. Selbst wenn diese mehrheitlich freiassoziierend im Raum schweben und das stimmungsreiche Tableau nicht immer auf den Punkt kommt, gelingt es dem Autor auf eine unverkrampfte Weise ein Publikum auch jenseits des Feuilletons für die Sache zu gewinnen.

von Marcus Böhm

Lucas Vogelsang: Heimaterde. Eine Weltreise durch Deutschland. Aufbau Verlag: Berlin 2017. 330 S., 20,00 Euro.

http://www.aufbau-verlag.de/index.php/sachbuch/modernes-leben/heimaterde.html

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