Ein geordnetes Leben besteht nur in der Illusion davon. Wie hält man also der Sonnenscheingesellschaft, in der alles Unangenehme nicht ausgehalten, sondern stets nur unter den Teppich gekehrt wird, den literarischen Spiegel vor? Indem sie von ihren eigens auferlegten Rändern und Randständigkeiten her eingekreist und eingeholt wird. Indem die Aussteiger, Exoten und Ungezügelten ihren Platz über die schweigende Mehrheit behaupten. Indem das schlichtweg Andere zum Leitstern erhoben wird.

Lorenz Justs Debüt Der böse Mensch stellt sich diesen nicht gerade unproblematischen Anforderungen auf beeindruckende Weise. In den insgesamt 16 Texten werden der Vielfalt seiner Protagonisten entsprechend unterschiedlich ansetzende Formensprachen durchexerziert. Neben Tagebucheinträgen, Familienchroniken und Bewusstseinsströmen finden sich darunter auch Interviews oder ein fiktiver Brief an einen abgetriebenen Säugling.

Dabei konturiert sich bei fortschreitender Lektüre ein feines Mosaik, das ein gemeinschaftliches, doch unverbindlich bleibendes Personen- und Themenarsenal ausbildet: So etwa der aus einem afrikanischen Bürgerkrieg geflohene Partisanenkämpfer, der nun in Deutschland als Friseur arbeitet oder das zeitgenössische Porträt eines Künstlers vor Aufnahme seines Studiums sowie die alltäglichen Pedanterien und Nichtigkeiten eines Aufsehers im wissenschaftlichen Bibliotheksbetrieb.

Die im Untertitel des Buchs gewählte Gattungsbezeichnung der Erzählungen ist insofern verwirrend und treffend zugleich, weil sie alle in Summe betrachtet auch einzelne Kapitel eines übergreifenden Romans – ähnlich eines Episodenfilms – sein könnten. Auf diese Weise entziehen sich die immer dichter werdenden Querverweise einer aufgezwungenen oder gar eindimensionalen Stringenz. Gleich bleiben jedoch die Intensität und inneren Konflikte der aufgezeigten Lebens- und Zeitläufe, die sich besonders an ihren größtenteils gescheiterten Versuchen bemessen, ein soziales Miteinander auszubilden.

Sollte die zermürbende Fähigkeit zur Beziehungsunfähigkeit (unter Geschwistern, Nachbarn oder Freunden) demnach der generelle Komplex aller Textausschnitte sein, werden sie von weiteren Psychopathologien des Alltags begleitet, die einen zu nichts anderem als zur Flucht vor sich selbst nötigen. Auch wenn es auf einer äußerlichen Ebene der Handlung oftmals still in diesen Texten bleibt, so ist es gerade dieses Silentium, das den Beteiligten den Mund stopft und ihr Innenleben durch einen stummen Schrei am Brodeln hält.

Ausdruck finden diese Fragilitäten in fehlgeleiteten Kommunikationsverhältnissen, die nicht zuletzt hinter den verhandelten Seelenkrankheiten stehen. Befördert werden diese Wucherungen durch diejenigen, die sich einbilden, „hinter geschlossenen Augen sehen“ zu wollen: alle, die sich den ethnographisch sensibilisierten und kulturrelativistisch geschulten Blickrichtungen verweigern. Menschsein hieße demnach im Umkehrschluss, dem Ungewohnten und Verunsichernden ins Auge zu blicken und sich in stets neue Welten einzufühlen, in denen eine deterritorialisierte Orientierungslosigkeit zum Ankerpunkt erklärt wird.

Lorenz Justs Figuren therapieren sich aus ihrer Sorge heraus meist von selbst. So werden die oftmals performativ angelegten Produktivstätten in Briefen und Tagebüchern zur geeigneten Maßnahme, die inneren Gräuel und Vergebungssehnsüchte aus sich „herauszuschreiben“. Erst in Auseinandersetzung und Aussprache schaffen es die Gebeutelten dann ihre Ruine der Erinnerung zu verlassen, um ihr „Leben irgendwie zu Ende bringen.“ Zurück bleibt eine überaus vielschichtige Lektüre, die auf Weiteres zu hoffen sucht.

von Marcus Böhm

Lorenz Just: Der böse Mensch. Erzählungen. DuMont Buchverlag: Köln 2017. 176 S., 20,00 Euro.

http://www.dumont-buchverlag.de/buch/just-der-boese-mensch-9783832198794/

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