sacher


Dieser Monolog, der niemals nur Selbstgespräch, sondern auch und vor allem Gebet sein will, sucht die Ansprache der Lesenden. Sie sollen dem beichtenden Ich-Erzähler zwar nicht gerade Absolution, doch immerhin Rat und Tat erteilen, um die menschlich-allzumenschlichen Verirrungen seines selbstgefälligen Bonvivantentums wieder gerade biegen zu können.

Doch wer in Konstantin Sachers Debütroman Und erlöse mich ein theologisch geschultes Klagelied über die schwelende Unaufrichtigkeit im Umgang mit unseren selbst auferlegten Wertmaßstäben – ähnlich der äußerst subtil durchscheinenden Problematik in dem kürzlich gezeigten Kinofilm The Square – erwartet, geht nicht nur über die Maßen fehl, sondern findet sich in einem hanebüchenen Pottpourri aus postpubertärem Wahnsinn, testosteronüberfrachtetem Pascha-Syndrom und dem Kruzifix dazwischen wieder.

Als ungeschlachtes Traktat eines Egomanen liest sich diese im grobgeschluderten Tagebuchjargon gehaltene Offenbarung als literarischer Ausdruck dessen, was an Eitelkeiten und übersteigerter Selbstwichtigkeit schon seit Jahren auf YouTube oder Instagram zu sehen ist. Wie wenn sich alleingelassene Häufchen voller exhibitionistischem Elend den letzten Rest an verteilbarer Anerkennungsquote der vielfach überreizten, doch voyeuristisch geschulten Netzgemeinde erkaufen wollen.

Auch wenn sich eine gewisse Brisanz am Ende des Buches nicht zwangsläufig verleugnen lässt, wird damit die vorangegangene und vorherrschend derbe Erzählhaltung weder gerechtfertigt, noch nivelliert oder ironisiert. Die Kontur eines arrogant-affektierten, doch zuweilen reflektierten Schnösels folgt zwar einer gewollten Typologie, doch die darstellerische Umsetzung der nicht unbescheiden ausfallenden Jugendstreiche, Saufeskapaden und Abschleppqualitäten des jungen Taunus-Bohemiens scheitert an ihrer impliziten Vorgabe, daraus einen tragikomischen, ambivalenten Held für das Publikum formieren zu wollen.

Die plumpe Inszenierung droht dann vor dem Hintergrund ihrer maskulinen Überstrapazierung in pure Abstoßung umzuschlagen, die nicht mehr zwischen Begehren und Verehren des weiblichen Körpers zu unterscheiden und nichts weiter als das Trümmerfeld einer operettenhaften Abfolge von Liebschaften zu hinterlassen weiß.

Zu allem Überfluss versucht sich der katholisch infizierte Ich-Erzähler seinem sporadisch aufkeimenden Gewissen durch ein Theologiestudium in selbstdisziplinarischer Absicht zuvorzukommen. Aus einer perfiden Alibihaltung und mit Hilfe einer allgütigen Vorstellung Gottes wird versucht, sich der Schuldgefühle zu entledigen: „Gott ist für die Menschen, nicht gegen sie.“ Seine letztlich schützende Hand habe es ja gewollt, womit Tür und Tor für jede noch so fadenscheinige Rechfertigung der Theodizee eröffnet werden. Das liest sich nebenbei als ein in Perversion begriffener Kommentar zu den bekannten Gottesbeweisen, mit denen die je individuelle Verantwortung für moralisches Handeln relativiert und von sich gewiesen werden will: „Alles, was ich habe, ist von Gott, denn alles, was ist, ist von Gott.“

Im Modus der narratologischen Verlangsamung wird das eigentlich Brisante dieses Buchs künstlich hinausgezögert und um seinen – vielleicht sogar mahnenden – Ertrag gebracht. Die in den Dialog mit der Lektüre getretenen Zuschauer nehmen dann besser Vorlieb mit den Befindlichkeiten eines Ekels, dessen größte Sorge es wohl doch manchmal gewesen war, das richtige Outfit zwischen Polospieler, Segler, Porschefahrer oder wahlweise Jäger gefunden zu haben. Was man eben so macht. Als Sohn. Im Taunus.

von Marcus Böhm

Konstantin Sacher: Und erlöse mich. Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2017. 239 S., 20,00 Euro.

http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/und-erloese-mich-buch-8981/

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