Matuschek ist ein moderner Taugenichts. Kein intellektueller Müßiggänger, sondern einer, in dessen Horizont die Taubenzucht, das Angeln und Biertrinken ganz obenan stehen. Der Gradmesser seiner Persönlichkeit erschöpft sich in klar strukturierten und immer wiederkehrenden Mustern. Jemand, der sein Glück im Kleinen sucht: „Die Tage unterscheiden sich nicht. Sie wechseln einander nur ab.“ Dementsprechend gestalten sich auch seine Abläufe und Planungen nach eingespielten Ordnungsprinzipien. Zusammen mit seiner Mutter wohnt Matuschek in einem der verlassenen Landstriche Mecklenburgs. Dort, wo es kaum noch Nachwuchs gibt und die meisten Fachkräfte schon längst fortgezogen sind: Eine traurige Gegend also, in der bei weitem noch nicht alle Ideen der Moderne wie Emanzipation und Inklusion Einzug gehalten haben.

Als Matuschek seine Mutter eines Morgens plötzlich tot in ihrem Bett findet, gerät das Leben des Vierzigjährigen allmählich aus dem Ruder. Seine nächsten Nachbarn Igor und Galina fangen ihn zwar auf und starten den Verkupplungsversuch mit Irina, doch was zunächst gewissen Aufwind verspricht, fällt schnell wie ein Kartenhaus in sich zusammen: „[Ü]berhaupt ist alles egal ohne Frau.“ Als Matuschek seine Anstellung als Wetterbeobachter auf dem Flugplatz verliert und Igor im nahegelegenen See ertrinkt, bleibt Matuschek nur noch eine Begleiterin: Und zwar die Zeit selbst.

In der nicht nur sozialen Kälte und den langen Nächten sind es dann die Selbstgespräche und der aufopferungsvolle Umgang mit den Tauben, die ihm seiner Logik nach bedingungslose Anerkennung zollen. Die Autorin Kerstin Preiwuß schafft es in dem Roman Nach Onkalo eine geradezu grobschlächtige Persönlichkeit zu entwerfen, die es gewohnt war, immer schon – wie von der eigenen Mutter – geliebt zu werden; diesen Verlust aber aus eigener Kraft nicht mehr kompensieren kann. In Matuscheks mehr impulsiv als rational oder feinfühlig verlaufenden Begegnungen mit seinen Mitmenschen bleibt fast alle Herzlichkeit auf der Strecke. Kurz vor dem Verlust der Achtung vor sich selbst, auf fast schon verlorenem Posten und nahe der körperlichen wie auch charakterlichen Verwahrlosung, erhält Matuschek von dem durchtriebenen Lewandowski noch einen letzten Schuss vor den Bug.

Nach Onkalo – das ist nicht nur der Weg in ein finnisches, atomares Endlager in Form einer unterirdischen Höhlenstadt, sondern auch und vor allem der Gang in die innere Einbahnstraße hinein. In diesem Roman dominieren die vom Leben Gezeichneten: Menschen, die ihre selbst- wie auch fremdverschuldete Unzufriedenheit nicht in die Kommunikation mit anderen bringen können; aus Angst vor Ausgrenzung, vor Verlust und vor der Zukunft.

Die vollständig im Präsens gehaltene Erzählung vermittelt einen atmosphärischen Sog der Nähe, der sich jedoch stets gebrochen zu sich selbst verhält. Mit dem überaus nüchtern ausgeformten Sprachhaushalt dringt die gleichzeitig schwelende Distanz in alle verbliebenen Elemente ein. Der melancholische Grundzug des Geschehens verdichtet sich besonders in den klimatischen Verhältnissen, die fast niemals über ein Dunkelgrau oder Nasskalt hinausreichen. Insofern schreibt sich die Tristesse des Wetters als verlängerter Arm des menschlichen Seelenhaushalts fort.

Gegen Ende dieses durch und durch schnörkellosen Romans heißt es einmal ganz lapidar: „Die Einsamkeit ist allein deswegen einsam, weil sie einsam ist.“ Und doch, abseits des schlichtweg tautologischen Charakters dieses Befunds, wird darin ein Versprechen offenbar: Etwas ist noch in Matuschek vorhanden, das sich an die Hoffnung klammert, in Besserung umschlagen zu können. Ob es das auch wirklich tut, bleibt allerdings offen.

von Marcus Böhm

Kerstin Preiwuß: Nach Onkalo. Berlin Verlag: München/Berlin 2017. 230 S., 20,00 Euro.

https://www.piper.de/buecher/nach-onkalo-isbn-978-3-8270-1314-9

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