In Hölderlins Rheinhymne liest man am Ende „Bei Nacht, wenn alles gemischt / Ist ordnungslos und wiederkehrt / Uralte Verwirrung.“ Kat Kaufmanns neuer Roman Die Nacht ist laut, der Tag ist finster ist sozusagen der in Echtzeit und Pop Art übersetzte Kommentar dazu. Die Gattung Mensch wird in ihrem postpostmodernen Umbruch noch einmal aufs Neue seziert und in ein szenisches Durcheinander geworfen. Es ist vielleicht der Versuch, aus dem Gefängnis der eigenen Epoche mit epocheeigenen Mitteln zu fliehen. Dieser scheitert notwendig, weil er den Ast absägt, auf dem er selbst sitzt.

Der 25jährige Studienabbrecher Jonas erhält nach dem Tod seines Großvaters Ernst eine kleine Erbschaft. Mit ihr bleibt der Auftrag verbunden einen gewissen Valeri Butzukin ausfindig zu machen. Dieses „ungooglebar[e] Hirngespinst“ versetzt Jonas jedoch schnell in den ungeahnten Rang des Getriebenen, der in der Folge immer weniger über sich selbst verfügen kann und sich der Unselbstverständlichkeit des großstädtischen Betondschungels ausgesetzt sieht. Durch die Bars und Clubs zwischen Berlin und Moskau ziehen dann schließlich Jonas, Stas und Juri, später auch Yulia los. (Nur nebenbei stellt diese transeurasisch getrimmte Gruppe die gar nicht mal so selten gewordenen deutsch-russisch-jüdischen Wechselwirkungen auf die Probe.)

Zwischen Zivilisationskritik und Fortschrittspessimismus sieht man sich dem weltpolitischen Untergang geweiht, dem nur noch der traum- und rauschgetränkte Cocktail aus Gewalt, Sex und Drogen Einhalt gebietet. In ihrem auf Trance gestellten Moment des gegenseitigen Erlösenwollens entziehen sie sich den fragil gewordenen Ordnungen im sogenannten „Kalten Krieg 2.0“, dessen Beginn die Autorin passenderweise auf den Herbst 2017 datiert und der Bogen mitunter auch auf den Zweiten Weltkrieg zurückgespannt werden kann.

In dem gewollt unkultivierten und derb aufbereiteten Miteinander verpflichtet sich die Sprache des Buchs einer Ästhetik des Hässlichen, die mit ihr allerdings auch die Kommunikationsfähigkeit der Protagonisten zerstört. Es folgt das Gespräch des Nichtgesprächs, in denen verbale und auch körperliche Aggressionen die Oberhand behalten. Gelungen erscheint jedenfalls die Selbsteinschaltung der Erzählerin in den verlorenen Dialog. Sie ist dann wesentliche Steuerungsinstanz des Geschehens, weil Jonas dann immer wieder von ihr in der zweiten Person angerufen, aber auch nicht minder attackiert wird.

Verbucht man Kat Kaufmanns zweiten Roman unter der Rubrik Gegenwartsdiagnose, dann müsste die Apokalypse schon längst Einzug gehalten haben. Was als dystopisch ummanteltes Klagelied über die Stränge schlägt, beschwört in seinem undurchsichtigen Getöse jedoch mehr impulsiven Trash als literarische Größe. Das nebulöse, übernächtigte Experimentierfeld des hier Geschriebenen entspricht zwar der bereits häufig attestierten Ungenauigkeit in der Erfahrung des Zeitalters, aber der weitgehende Verzicht auf formale Verbindlichkeit und das inhaltliche Auffüllen mit überschwänglichen Gedankenströmen bürgen nicht zwingend für künstlerische Qualität. Wenn einzig durch irrationales Assoziieren in Raum und Zeit zur Freiheit im Denken gelangt werden kann, so war der erlittene Leidensdruck während der Lektüre dieses unangepassten Buches doch zu hoch.

von Marcus Böhm

Kat Kaufmann: Die Nacht ist laut, der Tag ist finster. Tempo, Hoffmann und Campe Verlag: Hamburg 2017. 271 S., 20,00 Euro.

http://www.hoffmann-und-campe.de/buch-info/die-nacht-ist-laut-der-tag-ist-finster-buch-8411/

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