In Thomas Bernhards Erzählung Die Billigesser heißt es einmal, das Leben sei wohl „nichts anderes, als der unaufhörliche und tatsächlich ununterbrochene verzweifelte Versuch, sich in allen möglichen Beziehungen aus allem herauszuretten in die Zukunft, welche immer wieder nur diesen gleichen unendlichen tödlichen Prozeß eröffne.“ Trotz dieser zunächst ernüchternden Wertung ist hieraus moralisch verwertbares Kapital zu schlagen. In diesem Gefolge sieht man bei der Lektüre von Jürgen Buchingers titellosem Romanmanuskript einem Antihelden 2.0 auf subtile Weise dabei zu, unser Leben als „Schauspiel der Nichtigkeiten“ ertragen zu lernen.

Als eine Art Kommentar zu einer Kritik der kreativen Vernunft wird in den drei unterschiedlich greifenden Teilen des Romans implizit die Frage danach gestellt, wie man in einer in Watte gehüllten Welt postmodernistischer Unverbindlichkeit dennoch schützenden Halt und Anerkennung für dasjenige gewinnt, was einen umtreibt. Durch das Ablegen von normativen Konstrukten steigt jedoch die Gefahr der dabei stets drohenden Unwägbarkeit des eigenen Handelns. Ausgedrückt wird dies mittels eines geschwungenen, teilweise suggestiven, doch immer sehr beweglichen Tenors, der dabei jedoch Aphoristisches nicht mit Esoterischem verwechselt.

Buchingers Roman entsagt sich der Regelhaftigkeit des Alltags. Seine Handlungsträger sind surreale Einheiten wie durchgefeierte Nächte, zerreißende Beziehungen und die wortwörtlichen Berührungen dazwischen. Den anderen zu ertasten, heißt dann sich selbst zu fühlen: die haptische Rückbezüglichkeit als Selbstvergewisserung. Doch der namenlose Protagonist ist mehr als nur ein verwegener Glasperlenspieler, der den neuesten Band zeitgenössischer Philosophie in der einen und das Pulverbriefchen in der anderen Hand hält. Er ist quasi die Fortführung der Figuren von Bret Easton Ellis oder Rainald Goetz am Ende des bereits ausgehenden zweiten Jahrzehnts des neuen Jahrtausends.

Wenn ein simples Sich-Weiter-Tragen-Lassen zur systemerhaltenden Maßnahme im Clinch aus transzendentaler Obdachlosigkeit und der Hineingehaltenheit in Nichts zur Bewährung ausgesetzt wird, dann ist das entgegen aller Intuition nicht gerade wenig. Denn jetzt, und so bringt es auch ein später Song der Einstürzenden Neubauten auf das Tableau, ist alles wieder offen: offen für den Maßstab, die Dinge neu und unverstellt einfangen zu wollen.

Auch wenn die eingestreuten, nicht unklugen Reflexionen über verschiedene Ausprägungen der Musik, Kunst, Mode und Architektur einen intellektuellen Schutzpanzer aufbauen, die eigene Unsicherheit sozusagen zu kaschieren versuchen, begeht der Erzähler damit dennoch nicht den Fehler, die subjektiven Befindlichkeiten einer Generation zwanghaft aus der ersten Person beschreiben zu wollen. Denn erst in der essayistisch untermauerten Distanz (zu sich selbst) erscheint es möglich, dem „Verrinnen der Zeit gespiegelt“ beizuwohnen.

Jürgen Buchingers Manuskript hält auf diese Weise immer auch zugleich seine eigene Interpretation parat. Es bildet darin ein Gegenwartsverhältnis aus, das sich der Vernetzung zu stellen weiß; sie sozusagen als totale (Nicht-)Mitteilung inszeniert. Man könnte sagen, der Erzähler stehe im Modus des nicht abreißenden Konjunktivs der Gedanken, der sich jeglicher Kategorisierung verweigern will: Hauptsache man lässt sich nicht auf den Begriff, auf Mittelmaß bringen.

Das Streben nach Glück geht dann mit sich selbst ins Gericht, indem allen von außen angetragenen Strategien die Absage erteilt wird: Nicht mehr Hipster, Banker oder Entrepreneur sein wollen, sondern sich keine Sorgen mehr machen und den hedonistischen Zugriff auf den Moment feiern: „[A]lles war da und so voll und überschwänglich und vollkommen da.“

Mit unbedingter Empfehlung zur Drucklegung.

von Marcus Böhm

Jürgen Buchinger: Titelloses Manuskript für den Blogbuster-Preis 2018, 162 S.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.