In Woody Allens beschwingendem Streifen Midnight in Paris träumt sich der gegenwartsvergessene Drehbuchschreiber Gil in das Paris der 1920er Jahre zurück. Dort trifft er auf Adriana, einer Geliebten Picassos, die ihrerseits nichts lieber täte, als in die Belle Époque des ausgehenden 19. Jahrhunderts einzutauchen. Mit eben dieser Logik eines nicht abreißenden Romantisierungsbestrebens des Vergangenen startet Josefine Rieks‘ literarisches Gedankenexperiment. Ihr Debütroman Serverland verlagert sein Setting jedoch in eine Zukunft, die ihre sehnsüchtigen Projektionsflächen auf die späten 2010er Jahre gerichtet haben wird.

Dort ist das Internet zwar schon tot, doch Briefzusteller Reiner bleibt ein Technikfreak. Sein regelrecht antiquarisches Interesse besteht darin, alte Laptops und Festplatten auf Trödelmärkten ausfindig zu machen, um in den erhaltenen Daten die Erinnerung auf den nostalgischen Idealzustand von Welt, d. h. letztlich auf den uns aktuell umgebenden, wachzuhalten. Traurig aber wahr: In wenigen Jahrzehnten wird die High-Tech-Ware von heute dann bereits der Schrott von morgen gewesen sein, der dann gleichzeitig wiederentdeckt und vermutlich einer Retro-Welle zum Opfer gefallen sein wird. Insofern wird bei der Lektüre von Serverland das Gefühl hochgehalten, sich immer nur in einem Durchgangsstadium zur nächsten Entwicklungsstufe zu befinden, aus der heraus nicht selten das zugegeben ironische Bedürfnis entspringt, stets das Frühere zu idealisieren und sich darin die Fakten und die Interpretation dieser Fakten zunehmend vermengen.

Doch das Wagnis dieser vielleicht dem Jahre 2050 zugesprochenen Sichtachse besteht nachgerade darin, von dort aus eine möglichst objektive Außensicht auf die jetzige Phase der Spätmoderne zu legen. Die in Serverland verklärte Epoche der digitalen Anarchie generiert sich aus der Imagination heraus, in naher Zukunft bereits durch die Re-Analogisierung, der Abschaltung des Internets, gegangen zu sein. Warum man sich auf politischer Ebene überhaupt zu dieser drastischen Maßnahme entschieden haben wird, bleibt nicht ersichtlich. Die Tatsache aber, dass der Diskurs darüber nicht offen ausgespielt wird, ist somit bereits Teil des in Aussicht gestellten Problems selbst.

Denn Reiner und seine Freunde besinnen sich in dieser doch dystopisch veranlagten Ordnung vor allem auf Meinungsfreiheit, kritisches Bewusstsein und den öffentlich gehegten Austausch der Gedanken. Abhilfe verschafft ihnen dabei die Entdeckung von Serverschränken in abgelegenen Industriebrachen, welche die „verstaubten“ Relikte von Facebook und Google noch abgespeichert haben. Trotz des Verbots greifen die Jugendlichen in ihrem abenteuerlichen Habitus auf die Rechner zu und verschaffen sich mit der improvisierten Aufführung von alten YouTube-Videos auch nachhaltiges Gehör. Doch es dauert nicht lange bis die Widerstandsbewegung im Untergrund in ein hedonistisches Happening mit Festivalcharakter umschlägt und ihnen aller ernstgemeinte politische Impetus entgleitet.

Entgegen den etablierten Klischees des Genres verneint Josefine Rieks‘ Zukunftsvision den technologischen Fortschrittsgedanken. Denn mit der digitalen Degeneration werden vielleicht schon vergessene Instanzen wie Lagerfeuer, Dosenbier und Autoradios wieder zum Leben erweckt; als ob man über das Jahr 1990 nie hinausgekommen wäre. Doch der scheinbar unschuldige Blick auf eine herbei konstruierte Naivität der Verhältnisse ohne jegliche Innovation führt sich selbst schnell ad absurdum: „Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden.“ Auch wenn man nicht viel von den konkreten Problem- und Sachlagen dieser Zukunft erfährt und bestehende Konflikte nur angerissen werden, spielt Serverland das äußerst befremdliche Szenario eines Rückfalls des Geistes hinter sein längst schon erreichtes Niveau aus.

Trotz einiger psychologischen Blässe und der poetisch aufs Minimalste getrimmten Kontur legt dieser Text einschneidende Blickrichtungen frei. Der Ausgriff auf die Zukunft bleibt dabei nur methodisch genötigte Staffage, um die eigene Gegenwart erfassen zu können. Erst in der Abstraktion des Gegebenen kann sein Wert aus der Verkehrung heraus bemessen werden. Dabei werden jedoch nicht alle bereitgehaltenen Möglichkeiten der digitalen Vernetzung umjubelt, sondern auch die Gefahren einseitiger Interaktionen zwischen Mensch und Maschine zur Sprache gebracht. Denn primär besteht der Zugang zur Welt weiterhin durch analoge Referenz auf uns selbst und nicht als das virtuell geschaffene Abbild davon.

von Marcus Böhm

Josefine Rieks: Serverland. Hanser Verlag: München 2018. 175 S., 18,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/serverland/978-3-446-25898-3/

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