Kunst unterliegt keinen Verboten. Alles ist erlaubt, wenn sich die verflüssigende Kraft der Phantasie über die starre Logik des Denkens erhebt. Dann kann es natürlich passieren, dass sich Gregor, Mitarbeiter in der Fossiliensammlung eines ostdeutschen Provinzmuseums, in ein Gebäude verliebt, dem er den Namen „Madeleine“ verleiht: Eine regelrechte amour fou, die über bloße Bewunderung hinausgeht, schließlich manisch und auch körperlich wird.

Das Objekt der Begierde, eine bereits von Patina und Edelrost überzogene Kapelle am Stadtrand, hat allerdings schon bessere Zeiten gesehen. Sie ist, wie die zahlreich verlassenen Plattenbauten, von Rückbau und Umstrukturierungsmaßnamen bedroht. Die in der Gegenwartsliteratur mittlerweile kanonisch gewordene Darstellung ostdeutscher Kleinstadttristesse bleibt in Jörg-Uwe Albigs neuem Buch allerdings mürb-morbide Kulisse.

Überhaupt entzieht sich diese „Novelle“ eines klassischen Narrativs. Sie wirft einen vielmehr auf die gebrochenen Verhältnisse, auf eine von Gilles Deleuze inspirierte Falte zwischen Leib und Seele, zwischen Natur und Geist zurück. Lässt man die Nebenstränge um Gregors Freundin Judith, seinen Vorgesetzten Le Bertram und Pfarrer Dornkamp beiseite, bleibt vor allem ein erkenntnistheoretisch aufgeladener Objektfetisch haften.

Gregors Leidenschaften spielen die Perversionen zwischen Selbst und Welt aus. Als Paläontologe weiß er mit naturwissenschaftlich mikroskopischen Blick die einzelnen Schichten und Fasern der verwendeten Baustoffe innerhalb des Kirchenkonstrukts zu sezieren. In dieser obsessiven Haltung lässt Gregor die verschiedenen Materialien und Oberflächenstrukturen des Gebäudes plötzlich organisch werden. Es manifestiert sich die Physiognomie des Unphysiognomischen. Gregors eigentümliche Praktiken versehen dann die vormals leblose Sache mit einem geradezu menschlichen Antlitz und erotischen Begehren; sogar abseits aller theologischer Implikation der Fleischwerdung von Glaubensinhalten.

Innerhalb dieser Absurditäten werden vor allem die Gegensätze und Gemeinsamkeiten zwischen Natur und Kultur ausgetragen. Gregors einsiedlerische Observationen drängen aus der beseelten Zivilisation hinaus und hauchen der Landschaft einen nicht nur klassifikatorischen, sondern zugleich ästhetisierenden Atem ein. Belebtes und Unbelebtes verstehen sich dann als eine durch den Menschen hindurchgegangene Verquickung. Damit scheitern letztlich die szientistischen Bemühungen Gregors, die Welt um ihn herum vollständig begreifen zu können.

„Stählerne Nerven ragten zitternd aus dem Beton, Winde raschelten in den Drähten, Kanten schabten wütend übers Geröll.“

Die rationalistische Sackgasse macht sich besonders in Albigs Sprache bemerkbar. In den vielen kurzen Kapiteln finden sich neben den pedantisch-exakten Beschreibungen vor allem schwermütige, teils verspielte, gesangsartige, aber auch biblisch-archaisch anmutende Brocken, die jedoch nicht selten einen gar unsanften, holprigen Eindruck hinterlassen. Das macht die Lektüre dieser ungewöhnlichen Stimmungsbilder nicht immer leichtgängig. Es bleibt dennoch bemerkenswert, einem voll und ganz entgegen dem literarischen Feinstrich gebürsteten Buch aufgesessen zu sein.

von Marcus Böhm

Jörg-Uwe Albig: Eine Liebe in der Steppe. Klett-Cotta Verlag: Stuttgart 2017. 175 S., 20,00 Euro.

https://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Eine_Liebe_in_der_Steppe/80003

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