Lakonische Ausdrucksformen, die Beschränkung aufs Wesentliche und im Mittelpunkt ein mundfauler Held. Diese und andere Attribute der Verknappung stellen Jens Eisel und seinen Debütroman Bevor es hell wird in eine unverkennbar angloamerikanische Tradition des Erzählens. Ähnlich des großen Heroen Hemingway spielen auch bei Eisel die männlichen Stereotype eine besondere Rolle, auch wenn ihre Angriffsflächen und Verletzlichkeiten viel deutlicher hervorgekehrt werden. Es sind dann vor allem die einfachen Sehnsüchte des Lebens, die in der Freundschaft zwischen den Hamburger Jungs Alex und Norman immer wieder aufs Neue enttäuscht werden. Das Verlangen nach Nähe, Geborgenheit und besonders die Suche nach einer leitenden Instanz geben sich in diesem ungewöhnlich zurückhaltenden Roman die Klinke.

In den asynchron verlaufenden Rückblenden auf die Jahre 1996/97 und 2006 begegnet man dem Ich-Erzäher Alex und seinen Erlebnissen als Jugendlicher und junger Erwachsener. Sein einfaches Milieu ist vorwiegend proletarischer, aber nicht zwingend proletenhafter Natur. Auch wenn die hanseatische Backsteinromantik alter Arbeiterviertel mit verwilderten Gärten, verlassenen Industriehallen und geschlossenen Läden zu kämpfen hat und sich das Leben zwischen Tankstellen, Werkstätten und Burgerrestaurants abspielt, ist Alex und den Seinen ein überaus empathisches Gespür für Zusammenhalt und Pflichtbewusstsein eingeimpft worden. Sie haben sich an die raue und regnerische Oberfläche ihrer Umgebung angepasst und sie mit einer sich gegenseitig verpflichtenden Herzlichkeit kompensiert.

Im Verlauf der Lektüre nähern sich die beiden Zeitebenen immer weiter an. Langsam versteht man, warum sich die Freundschaft der beiden jungen Männer in Kargheit erschöpft. Was alles passieren musste, welch tragische Verluste zu verdauen waren, bis sich Norman schließlich einmal während der Arbeit an Alex wendet: „Es gibt keinen Menschen, den ich so gut kenne wie dich“ (…) „Aber ich weiß trotzdem nie, wie es dir geht.“ Was steckt also hinter einer Kommunikation der Kommunikationslosigkeit? Es sind Personen, die sich selbst im Weg stehen, die ihre sensible, sanftmütige Seite nicht nach außen tragen wollen und sich lieber mit dem Wenigen zufriedengeben, als sich in Wehklagen oder tiefgreifende Bindungen zu stürzen.

Für Alex und Norman versinnbildlicht kein anderer Ort die Simplifizierung der Verhältnisse mehr als ihre Kfz-Wohnwerkstatt: „Auch wenn dieser Ort für andere Menschen nur eine schmutzige Halle war, war er für mich auch immer ein Schutzraum gewesen.“ Es ist eine kleine Welt, die gar keine große sein möchte und mit sich selbst zufrieden scheint. Innerhalb eines geerdeten Mikrokosmos erwächst dann das implizite Plädoyer für eine genügsame und aufrichtige Lebenshaltung, die nur selten mit einer Fahrt ans Meer oder einem Alkoholrausch aufgebrochen wird.

Das Eigentliche liegt im Unausgesprochenen; so auch bei Jens Eisel. Unterschwellig durchleben Alex, Norman und viele weitere Personen des Romans die Wiederkehr des Immergleichen, das jedoch stets neu durchstanden werden muss. Es gibt sie nicht, die vollumfänglichen Ratschläge, die einen das Leben besonders gut meistern lassen. Und am Ende steht die schlichte Einsicht, dass man als Person stets dieselbe bleibt, auch wenn sich Alles um einen herum geändert haben mag. Die Erinnerung wird immer auch zur eigenen Gegenwart gehören, sei sie nun größtenteils tragisch oder gar glücklich verlaufen.

von Marcus Böhm

Jens Eisel: Bevor es hell wird. Piper Verlag: München/Berlin 2017. 207 S., 18,00 Euro.

https://www.piper.de/buecher/bevor-es-hell-wird-isbn-978-3-492-05768-4/

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