balzer

Spätestens seit den schaurig-schönen Salven des Ich-Erzählers Patrick Bateman aus American Psycho weiß man gründlich über Wert und Unwert von Popmusik zu diskutieren. Das war allerdings damals im 20. Jahrhundert als Pop noch Pop war. Was erwartet man aber heute von einem Text, der eine Verortung des Popdiskurses einige Jahre nach dem Millennium in Aussicht stellt? Nicht unbedingt eine kulturwissen­schaftlich aufbereitete Diagnose, aber zumindest eine feuilletonistisch-kritische Einholung gewisser Fragen. Etwa wo der Pop als Kunstform anfängt, wo er aufhört und welchen Einfluss dabei wirtschaftliche Interessen spielen. Letztlich wie unabhängig Pop als Ausdrucksform zwischen Schein und Sein genossen werden kann und was der großangelegte Begriff des Pop für uns Konsumenten überhaupt leistet.

Jens Balzer, verantwortlicher Kultur-Redakteur der Berliner Zeitung, hat vor wenigen Tagen sein im Rowohlt-Verlag erschienenes Buch über Pop als Panorama der Gegenwart vorgestellt. Und zwar an einem Ort und Hort der Seligen. Nämlich im Berliner Club Berghain, dem der Autor mit dieser Veröffentlichung ein weiteres Denkmal versetzt. Kühn genug, um mit Schlagerstar Helene Fischer und ihrem eklektizistisch aufgeladenen Bühnenprogramm einzusetzen. Denn das Symptomatische der musikalischen Gegenwart ist gerade die Verflüssigung „aller Gattungsgrenzen, Traditionen und Konventionen“ zu einem großen Ganzen. Das ist dann, so Balzer, der „Post-Internet-Pop“. Er generiert die Gegenwart kraft totaler Verfügbarkeit des Gewesenen stets neu. Damit schafft er es, sich über die vormaligen Grenzen der Zeitlichkeit oder auch über die des eigenen Genres hinweg zu setzen: als „Deterritorialisierung territorialer Musik“.

Doch dieser dialektal aufgeladene Bestimmungsgrund der sich selbst entgrenzenden Popmusik ist darin noch nicht vollständig erschöpft. Balzer geht es in seinen Betrachtungen genauso um die immer mitschwingende Kraft des Bildes, des Körpers, mithin einer Bildschirm-Erotik. Deren Visualisierung ragt stets über das Akustische hinaus. Der wahre Erfolg besteht also in einer Vermittlungsleistung aus Gehörtem und Gesehenem. Die von außen herkommende Osmose will den ganzen Menschen in all seinen Sinnen. Es soll nicht nur angesprochen, sondern vor allem auch eines versprochen werden: Die Dichotomien von Innen und Außen sowie Selbst und Welt zu verflüchtigen. Die Musik transzendiert aus dem Bereich des Geistigen, wird sinnlich-ekstatisch und führt wieder in das vergessene Reich der emanzipierten Freiheit zurück. Soweit der Erlösungstenor, mit dem Balzer anhebt, und der sich durch Formgestalten der Popmusik auch einstellen kann. Das wirkt auf den ersten Blick nicht gerade unbescheiden.

Dem vollkommen entgegenstehend eröffnet Balzer auf historischer Ebene zunächst den Blickwinkel auf eine nicht uninteressante Transformationsfigur der Popmusik: Die Selbst-Depotenzierung des meist als männlich geltenden Heroen inklusive seiner heterosexueller Stereotype. Die damit verbundene Verlotterung und Verunstetigung berauben den vormals eindeutig signifizierten Mustern der Popmusik ihren sich selbst versichernden Gehalt. Der unerreichbare Halbgott von dereinst ist in die Liga des „Halb“ abgestiegen. Dort wird er der vermeintlich inszenierten Professionalität enthoben und vermenschlicht. So gesehen etwa bei Kurt Cobain und Pete Doherty.

Es schlägt nun vielmehr die Stunde der neuen Weiblichkeit, die sich – der nicht zuletzt durch das Internet befeuerten – Retromanie hingibt. Zwar liegt eine kaum verkennbare Ambivalenz in den äußerlichen Ausdrucksordnungen verschiedener Sängerinnen begraben, doch lassen sie sich in ihrer inhaltlichen Absicht nahezu in Übereinstimmung bringen: Adele und Amy Winehouse. Denn vor allem der „Soul“ vergangener und aktueller Leiden und Affären rund um die Stabilisierungsfähigkeit krisengebeutelter Gefühlslagen steht auf dem Spiel; wenn auch mit häufig intendiertem Happy End.

Die – teilweise bildungsbürgerlich gespickten, doch im lockeren Sprachgestus gehaltenen – Auslassungen des erfahrenen Musikjournalisten zu gender trouble, Heimatverbundenheit, Manga-Comics, Seeleningenieuren, verpixelter Ästhetik, Subjektivierungs­techniken und zu Digital Natives wollen vor allem eines: Die Interpretationsfähigkeit popkultureller Muster erfassen. Damit werden uns Hörern zumindest Möglichkeiten an die Hand gegeben, die Gegenwart zu erfassen. Sie war immer schon in Vergangenheit getüncht und im ständigem Ausblick nach vorn begriffen.

Gerade die vom Internet inaugurierte „Metaphysik 2.0“ erweist sich als Katalysator des Faszinosums Pop. Vollkommene Sichtbarkeit trifft hier auf größtmögliche Anonymisierung. Die potentielle Teilhabe von Allen an Allem untersteht dem Diktat des Voyeuristischen. In deren beider Spannungsfeld lassen sich aber populäre Nuancierungen erst durchmessen. Ziel bleibt es also, eine Hermeneutik der Ruhe im Krach sowie eine Harmonie in der Dissonanz zu finden, um das jeweilige Komplementär aus Entstehen und Vergehen nicht im Gegeneinander, sondern als ein sinnstiftendes Ineinandergreifen zu werten.

Neben diesem ernstzunehmenden Angebot an philosophischer Lebenshilfe durch Musik bringt Balzer auch Kritisches der aktuellen Lage des Pop hervor. Besonders im Hinblick auf den verlogenen Show-Charakter mancher Konzerte einschlägiger Pop-Diven ließe sich einiges ausmachen. Dort wird imitiert, geblendet, holographiert, sich ständig umgezogen und nicht selten mit Playback gearbeitet. Es wird natürlich mehr auf Effekt als auf Inhalt gesetzt. Die Reduktion auf das Nötigste ist letztlich ein Attribut der kapitalistisch ausgeschlachteten Popmusik schlechthin. Sie ist ambivalenter Ausdruck dafür, wie wenig man künstlerisch leisten muss, um maximal erfolgreich zu sein.

Der Rückbau des Ichs geht mit dem Abziehen aller Emotion und der Aufladung an Szenerie einher. Es bleibt die Marionette seiner Selbst. Womit man wieder bei Helene Fischer angekommen wäre. Das Volksmusiksternchen, so Balzer, steht neuerdings nur noch für eine überindividuelle Verwertungsmaschinerie bewährter Zitationen vorangegangener Superhits. Sie verweist dabei auf nichts Anderes mehr außerhalb ihres zur Wiedererkennungsmarke gewordenen eigenen Rollenbilds.

Im negativen Sinne gipfelt die moderne Erscheinungsform der Popmusik gerade im Konzert. Die Erlöse aus den Verkaufen von Alben reichen schon lange nicht mehr aus, um die Musikindustrie profitabel werden zu lassen. Sinnbildlich steht hierfür Balzers persiflierte Darstellung der allseits bekannten „Mehrzweckhalle am Berliner Ostbahnhof“. Dieser Ort wird wie kein anderer in der Hauptstadt in kapitalistischer Abart ausgeschlachtet. Er ist der Architektur gewordene „Konsumimperativ“. An ihm lässt sich zeigen, dass eine – nicht unbedingt im Vorfeld schon verwerfliche – wirtschaftliche Freiheitsordnung, wie sie auch die Popmusik für sich reklamiert, umgekehrt zu Gleichschaltung und Totalüberwachung führt. Womit wieder die negativ reziproke Verbindung zum Berghain geschlossen werden könnte – als dem zwanglosen Ereignis schlechthin, das uns mit seinem künstlerisch ambitionierten Programm auf die Fährte der Freiheit zurückführt. Auch wenn es mit seinen durchaus undemokratisch geordneten Zugangsregeln sich des kollektiven Traums entzieht.

Nach einer vielversprechenden Ouvertüre zu Beginn des Buchs verläuft der rote Faden im Aufbau des Textes allerdings alles andere als stringent. Schade, dass sich die insgesamt zwanzig Kapitel weder thematisch noch chronologisch auf ein stimmiges Ganzes bringen lassen. Sie wirken vielmehr nur lose miteinander verknüpft, so als seien sie nachträglich zusammengesetzt worden. Längere Passagen widmen sich dabei meist aufzählenden, teilweise sich verlierenden und manchmal auch bedeutungsarmen Einzelphänomenen. Das Buch ähnelt an manchen Stellen einem unsortierten Kompendium zusammengewürfelter Album- und Konzertrezensionen. Anekdoten und Skurrilitäten reihen sich teilweise aneinander, ohne wiederum in den Zusammenhang eingeordnet zu werden. Dem berlinzentrierten Panorama haftet an nicht wenigen Stellen der Schein des Zufälligen an.

Jens Balzers Pop ist immer wieder mit historischem Insiderwissen durchsetzt und richtet sich häufig an den Experten des Popbetriebs, nicht immer an den kulturell versierten Leser. Der eher induktiv fortschreitende Gang vom Besonderen zum Allgemeinen verleitet zu der Annahme, es gebe keine universell gültigen Maßstäbe, den Begriff des Pop als solchen klar umreißen zu können. Für Balzer gibt es Pop immer nur als Post-Pop, als fortschreitende und rückbezügliche Wiederauflegung des Gewesenen. Diese Konstante im Werden ist alles, worauf man sich verlassen kann. Die intellektuelle Inanspruchnahme der Popmusik erfrischt sie allerdings ungemein und rückt sie in ein deutlich ansprechenderes und gewinnbringenderes Licht als vor Lektüre dieses unkonventionell gestalteten Buches überhaupt anzunehmen gewesen wäre.

von Marcus Böhm

Jens Balzer: Pop. Ein Panorama der Gegenwart. Rowohlt: Berlin 2016. 255 S., 20,00 Euro.

http://www.rowohlt.de/hardcover/jens-balzer-pop.html

3 thoughts on “Jens Balzer: Pop. Ein Panorama der Gegenwart”

  1. Hallo,
    Etwas unklar bleibt für mich: „Die von außen herkommende Osmose will den ganzen Menschen in all seinen Sinnen.“
    Osmose steht für „der gerichtete Fluss von molekularen Teilchen durch eine selektiv- oder semipermeable Trennschicht“. Du sprichst hier natürlich nicht über Moleküle, aber dann kommt sowas raus: „Der von außen herkommende Fluss von X (Gehörtes und Gesehenes passt nicht, Pop passt nicht, was wären die Moleküle?) durch eine teilweise durchlässige/auswählende Trennschicht will den ganzen Menschen in all seinen Sinnen.“

    Kannst du das erläutern?

    1. Der von außen einwirkende Pop (als Gesehenes, Gehörtes uvm.) diffundiert in das Menscheninnere hinein. Das was zuvor Material war, verflüchtigt sich über die Einlasskanäle (u. a. Haut) im Körper des Rezipienten und wird Gefühl oder besser: Geist.

  2. Ok. Vielen Dank.
    Jetzt erscheint mir klarer, was du ausdrücken willst (auch wenn mir das mit dem Prozess der Osmose, der einen eigenen Willen besitzt und was da durchmischt wird usw. …, egal.).
    Liest sich sehr interessant und herausfordernd 🙂
    Bin gespannt was noch so kommt.

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