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Einem größeren Publikum ist Jasmin Ramadan noch durch ihr Buch Soul Kitchen bekannt. Die literarische Ergänzung zu Fatih Akins gleichnamigem Film wurde ebenso wie ihre letzten zwei Romane überwiegend begeistert aufgenommen. Die ihr attestierten Lobpreisungen aus Witz, Charme und einer Prise Rasanz schreiben sich ebenso in der neuesten Veröffentlichung Hotel Jasmin fort; erschienen bei Tropen im Klett-Cotta Verlag. Aktualität verspricht der Text deshalb, weil er ein Thema verhandelt, das literarisch noch viel zu wenig bearbeitet wurde.

„[D]ie bringen hier in Deutschland alles durcheinander, was man sich mühsam erkämpft hat.“ – „Die vermehren sich ungestoppt und übernehmen alles.“

Es geht um die unausgesprochene Angst vor der Fremde. Die Unfähigkeit, kulturhegemoniale Permanenz als Illusion zu begreifen. Anders: Dieser Roman versteht sich als leise Offenlegung eines allzu oft aufkeimenden Alltagsrassismus – aus der Mitte der Gesellschaft.

Im Fokus steht diesmal auch keine junge Frau auf Partysafari, sondern die Grundschullehrerin Christiane Tarpenbek: Eine Alleinstehende in ihren Vierzigern mit undurchsichtigem Charakter. Von ihr ist zunächst nur bekannt, dass sie seit mehreren Monaten als vermisst gilt. Allerdings steht der haltlose, doch von der Presse heraufbeschworene Vorwurf im Raum, Christiane habe kurz vor ihrem Weggang die neue Mitschülerin, ein geflüchtetes Mädchen aus Somalia, verbal gedemütigt. Dramaturgisch gesehen wird Christianes „Fall“ zunächst in einer groß angelegten Ouvertüre von außen eingekreist; ohne dass sie selbst zu Wort kommt. Als selbständiger Akteur betritt sie das Handlungsfeld erst nach einer investigativen Beleuchtung ihres sozialen Umfelds.

Scharnierstelle der ersten Erzählebene ist ihr dreiundzwanzigjähriger Sohn Roland, der sich nach einem abgebrochenen Studium als erfolgloser Zeichner und Autor mehr schlecht als recht durchs Leben in Hamburg schlägt. Seitdem Christiane aus ungeklärten Gründen nicht mehr aufzufinden ist, beginnt auch er über sein äußerst schwieriges Verhältnis zur Mutter nachzudenken und beauftragt eine Detektei mit der Suche nach ihr.

Somit wird von Roland aus eine zweite Erzählstruktur initiiert, die in einer Abfolge aus diversen Tonbandaufnahmen besteht. Hier taucht der Leser in pointiert inszenierte Selbstaussagen diverser Personen aus Christianes Gesichtskreis ein. Von zeitweiliger Oberflächlichkeit gezeichnet, geben Vertraute und weniger Vertraute verschiedene Blickwinkel auf ihr Verhältnis zur Vermissten preis. Symptomatisch mitanzusehen, wie die Aufzeichnungen mehrheitlich in egomanische Selbstdarstellungen der Sprecher abdriften, ohne die eigentliche Intention einzulösen, fundierte Aussagen über Christiane treffen zu können. Das ist wohl auch der gelungenste Teil von Jasmin Ramadans neuem Roman: Die unmissverständlich offenherzige Fähigkeit zur Einfühlung in die Egoperspektive verschiedener Charaktere, die nichts ungeschönt lässt und die Abgründe zwischenmenschlichen Miteinanders entlarvt.

Aufgelöst werden die entstandenen Konfusionen schließlich mit einem Schwenk auf Christianes Sicht der Dinge. Die, wenn man so will, dritte Erzählperspektive offenbart die Beweggründe ihres Fortgangs aus Deutschland. Die ironischerweise durch ein Gewinnspiel ermöglichte Reise nach Kairo überführt Christiane zur Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie. Hier wird im Grunde genommen auf alle zuvor verlautbarten Stimmen geantwortet. Sie verkehren sich dann in ihr genaues Gegenteil, indem der äußerst diffizile, doch selbstbestimmte Charakter Christianes zu Tage befördert wird. Eigentlich ist gerade sie es, die in ihrem Leben – zwar unsichtbar für Andere, doch – weitaus integrer agiert und die Illoyalität und Charakterunfestigkeit ihrer Bekannten beim Namen zu nennen weiß. In Kairo begegnet Christiane dem älteren Kamal Ramadan: Einer vielleicht doppelt angelegten Vaterfigur, die in losen Fluchtlinien zu sich selbst und zu ihrem Sohn Roland Geborgenheit verspricht. Letztlich reicht jedoch die Flucht nach Ägypten nicht aus, um sich der (Selbst-)anklage zu entheben, worauf der unzweideutige Gang in die Wüste folgt.

In diesem Sinne hat Jasmin Ramadan einen Roman über das unverstandene Alleinsein einer Frau geschrieben, die machtlos vor einer „das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen“ Mentalität ihres sozialen Netzwerks steht. Ihr frischer Erzählton ist dabei von parataktischer Gedankenprosa in klangvoller Anordnung durchwoben. Überraschend lange wird der Leser dabei im Ungewissen gehalten, ohne wirklich zu ahnen auf welchen Plot das Ganze hinausläuft. Doch das stets hinauszögernde Element führt in Hotel Jasmin schließlich dazu, dem misslichen Gefühl nachzuhängen, die unterschiedlichen Erzählintentionen nicht vereinen zu können. Insofern ist man leider geneigt vor einem Scherbenhaufen ausgeklügelter Versatzstücke überaus ansprechender Literatur zu stehen, die in ihrem angestrebten Zusammenfluss von einem unüberwindbaren Hindernis der stofflichen Gesamtschau in die Knie gezwungen werden.

von Marcus Böhm

Jasmin Ramadan: Hotel Jasmin. Tropen/Klett-Cotta: Stuttgart 2016. 269 S., 18,95 Euro.

http://www.klett-cotta.de/buch/Gegenwartsliteratur/Hotel_Jasmin/74763

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