Das Private ist das Politische: „Meinland, Deinland, Keinland“, heißt es an einer Stelle in Jana Hensels neuem Roman, der von Verlusten und den Ängsten davor geprägt wird. Neben der Liebe ist Nadja und Martin vor allem eines abhandengekommen: ihre gegenseitige Identifikation mit sich selbst, ihre gemeinsame und doch so verschiedene Erinnerung an das Land, von dem keiner so recht weiß, wie damit eindeutig umzugehen.

Keinland handelt demnach nicht nur von den Alltäglichkeiten einer Beziehung zwischen Mann und Frau, sondern hievt dieselben auf ein historisch vertracktes Niveau. Denn Nadja wie auch Martin haben im Deutschland der 2010er Jahre mit ihrer Vergangenheit zu kämpfen, für die sie selbst zwar nicht haftbar, im Nachgang jedoch verantwortlich gemacht werden.

Während die in der DDR aufgewachsene Journalistin „ihr“ sogenanntes Land gar nicht mehr vorzufinden weiß, gestaltet sich die Heimatsuche des Wirtschaftsberaters ungleich schwieriger. Geboren in der alten Bundesrepublik als Kind von Holocaustüberlebenden polnisch-jüdischer Herkunft richtet sich sein Fokus auf die anhaltenden Nachwehen der Nachgeborenen, die sich dennoch mit der zurückliegenden Katastrophe arrangieren müssen: „Diese Erinnerungen erdrücken das Leben, diese Vergangenheiten zermalmen die Gegenwart.“

Die in Nadjas subjektiv aufgeladenen Rückblenden erzählte Geschichte einer Trennung kämpft also nicht nur mit den Problemen des Ich und Du, sondern wird ständig von denen des Wir und Ihr übertrumpft; mithin den deutsch-israelischen Wechselwirkungen, für die nach wie vor kein Patentrezept entwickelt worden ist. Das ständige Knirschen und Knistern zwischen Nadjas Berlin und Martins Tel Aviv ist dann der allseits durchschimmernde Tenor des ganzen Buchs, der in Nadjas Erfahrungen in Yad Vashem und den sich aufdrängenden Fragen nach Schuld und Schuldkompensation kulminiert.

Dementsprechend stiften die monologisch-melancholisch inszenierten Worte Nadjas stets zur Suche nach ihrem Gegenüber an; eine Ansprache, die das fehlende Du aus dem Ich heraus einfordern möchte. Weil Martins Antworten in den sozialen Medien oder am Telefon in der Erzählsituation dann nur teilweise widergespiegelt werden, bleibt auch sein Charakter tendenziell im Trüben und man muss mit Nadjas Versenkung vorliebnehmen. Der Ausschluss des einen aus dem jeweils anderen wird aber nicht nur auf inhaltlicher, sondern auch auf formaler Ebene ausgetragen. Keinland misst sich dann im nüchternen Erfassen der Grenzen und Verbindungen zwischen Mir und Dir, den Meinigen und den Deinigen.

Mit einer Poetologie des Dazwischen schafft es Jana Hensel dem veranstalteten Riss nachzukommen. Auch wenn das Vokabular reduziert und die Handlung überschaubar bleibt, erreichen die hier mitgeteilten Bruchstücke einer Beziehung die nötige Stoßkraft, um Festgefahrenes wieder zu verflüssigen; das Gespräch nicht abreißen zu lassen. Keinland hinterlässt am Ende schließlich ein experimentelles Tremolo mit ambivalenten Botschaften, denen es sich immer noch zu stellen gilt.

von Marcus Böhm

Jana Hensel: Keinland. Wallstein Verlag: Göttingen 2017. 196 S., 20,00 Euro.

http://www.wallstein-verlag.de/9783835330672-jana-hensel-keinland.html

3 thoughts on “Jana Hensel: Keinland”

  1. Andreas Sombroek beschreibt Alexander Kluges Arbeiten als „Poetik des Dazwischen“. Darauf spielst Du hier aber nicht an, wenn Du von einer „Poetologie des Dazwischen“ bei Jana Hensel sprichst, oder? Ich würde auf Anhieb keinen Zusammenhang zwischen Kluge und Hensel sehen.
    Vielen Dank für den Beitrag und beste Grüße
    Eva

    1. Entschuldige die späte Antwort, aber Dein Kommentar war leider den Untiefen des Spams zugefallen. Meine Zuschreibung einer „Poetik des Dazwischen“ folgt hier einem etwas schwächeren Sinne. Vielleicht als Ausdruck einer Sprachform, die versucht den Raum zwischen vermeintlich eindeutigen Zuschreibungen aufzulockern. In Keinland wird oftmals dasjenige seziert, was auf dem Weg von „Ja“ nach „Nein“, von „Mein“ zu „Dein“ übrig gelassen wird, gerade um dem „Dazwischen“ eine Ahnung zu verleihen.

      1. Vielen Dank für die zusätzliche Erläuterung – jetzt verstehe ich, was Du meinst. Ich war damals nicht sehr überzeugt von Jana Hensels „Zonenkindern“, und deshalb „Keinland“ gegenüber skeptisch. Aber was Du hier zum Dazwischen schreibst, klingt nicht uninteressant.

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