Ilija Trojanow setzt der Auseinandersetzung mit Flucht und Vertreibung ein literarisches Denkmal. Der autobiographisch gefärbte Text Nach der Flucht artikuliert nicht nur die Erfahrungen eines kosmopolitisch agierenden Autors, sondern spricht in den beinahe zweihundert kleinen Absätzen all denen aus der Seele, deren Worte noch nicht in dieser Eindringlichkeit gehört werden konnten. Denn das vollumfänglich Vereinnahmende der Flucht schreibt sich dem Geist, wie auch dem Körper ein, ohne dass innere oder äußere Häutungen dem Einhalt gebieten könnten: „Nichts an der Flucht ist flüchtig. Sie stülpt sich über das Leben und gibt es nie wieder frei.“

Auf wenigen Seiten skizziert Trojanow eine Kulturgeschichte der Flucht, in der sich nicht nur Gegenwärtiges mit Vergangenem vermengt, sondern eine überzeitliche Atmosphäre der Angst und Suche nach Schutz eingefangen wird. Es geht vor allem um die Frage nach einer stabilen Verbindung, die Identität und Differenz aufheben lässt, um die Millionen „Bindestrich-Identität[en]“ eins werden zu lassen: „Die Quelle eines jeden großen Flusses ist ein Zusammenfluss.“

Nicht nur Flucht, sondern das Leben sollte insgesamt mehr als transkulturelle Bewegung und stete Richtungsänderung begriffen werden; als chaotischer Referenzwert der Ortslosigkeit und Ohnmacht im ewigen Dazwischen, das einem die Heimkehr grundsätzlich verweigert. Nur wer die Heimat aufgegeben hat, sieht nicht mehr der „Ausstellung seiner Vergangenheit“ entgegen, „die andere kuratiert haben.“ Der erneuernde Aufbruch nach vorn entsagt sich dann der Sehnsucht nach dem Gestern und löst die Paradoxie einer fehlgeleiteten Suche des gelobten Landes nachhaltig auf.

Erst damit kann sich das Denken außerhalb von Stereotypen Freiraum verschaffen. Wenn Trojanow staatlichen Machtstrukturen und insbesondere den grassierenden Maßnahmen zur Verobjektivierung der Geflüchteten abschwört, so verpflichten sich seine Reminiszenzen an eine Globalkultur umso mehr darauf, den Einzelnen als unteilbares Ganzes im Ganzen zu behandeln: „Seine Sprache besteht aus vielen Sprachen, von denen keine die eigene ist.“

Gute Literatur hält die Reflexion über ihre eigenen Mittel stets bei sich. So dreht sich auch in Trojanows durchaus experimentellem Arbeitsjournal fast alles um Sprache. Sie verkörpert wie kaum ein zweites Instrument die Formen der Barriere und Ermächtigung zugleich. So ist mit ihr Grenze und Überschreitung in einem gegeben. Im besten Falle ist sie dann vermittelndes Scharnier zwischen den Einzelnen, die sie ins gemeinsame Gespräch hebt.

Wer also an elementaren Kommunikationswegen nicht teilhaben kann, wird schnell an den Rand gedrängt, auch und vor allem weil der adaptierte Rest an fremdem Buchstabensalat stets ein Schatten seiner selbst und sein einziger Zeuge bleibt. Im Besonderen betrifft das den unliebsamen Gang durch das Heer der Bürokratie, dem die Neuankommenden zumeist als erstes ausgesetzt sind und sie kläglich scheitern lässt.

Die literarische Form des Aphorismus, die Trojanow hier wieder zu kultivieren versucht, bricht den Behördenjargon auf. In einer Logik der Verdichtung wird Sprache seziert und ihre tieferliegenden Bedeutungsschichten freigelegt. Darunter mischen sich Anekdoten, Storys und Dramolette. Somit schafft es dieses verdienstvolle Buch einen Klang zwischen sachlicher Konkretion, philosophischem Aperçu und Lyrik-to-go heraufzubeschwören, der nicht selten an das Werk Brechts erinnert und unbedingt gelesen werden sollte.

von Marcus Böhm

Ilija Trojanow: Nach der Flucht. S. Fischer Verlag: Frankfurt a. M. 2017, 128 S., 15,00 Euro.

http://www.fischerverlage.de/buch/nach_der_flucht/9783103972962

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