Dieser Roman will vieles sein: Im Kern eine literarische Erörterung über die Macht des Zufalls, an der Oberfläche ein Beziehungsratgeber für narzisstische Jetsetter, zwischen den Zeilen einige Kritik am Überwachungsstaat und dem Versuch einer Terroranalyse, manchmal ein kulturgeschichtliches Kompendium gepaart mit einem Proseminar zur Einführung in die Erzähltheorie.

Nicht unbescheiden für gerade mal 160 dicht gespickte Seiten. Dennoch legt man die Aufzeichnungen der britischen Journalistin Caren nicht so schnell aus der Hand, wie sie einen halben Tag vergeblich auf ihr Flugzeug am Londoner Flughafen Heathrow wartet, sich auf das Gespräch mit einem älteren Herrn einlässt, den sie ironischerweise „Wittgenstein“ nennt, bis schließlich das Geheimnis ihres langjährigen Partners Ben enthüllt wird und sie selbst nur äußerst knapp der Lebensgefahr entrinnt – nachdem sie Jahre zuvor schon einmal einem Terroranschlag um Haaresbreite entwischt war.

Caren lebt das Leben einer kosmopolitisch agierenden, selbstbestimmten Frau, die in ihrem unfesten, schnelllebig-labilen Gefüge einer gedoppelten Ménage-à-trois inklusive derer Eitelkeiten und Eifersüchte die Abgründe der eigenen, transzendentalen Obdachlosigkeit verkennt. So viel sie auch ihrer Selbstbezogenheit erlegen zu sein scheint, so wenig wird sie von der unabweisbaren Paradoxie losgelassen, den Zufall des Überlebens zwar niemals beweisen, die moralische Berechtigung seines Gegenteils jedoch umso weniger verifizieren zu können.

Die Autorin Husch Josten stellt in ihrem neuen Roman Hier sind Drachen abermals das brüchige Verhältnis aus Selbst und Welt zur Disposition. Entsprechen die vielen tagtäglichen, auf uns hereinprasselnden Ereignisse doch nur Rechenexempeln oder holt uns unweigerlich die Übermacht der Fügung ein? Wieviel „nur“ Wahrscheinliches verträgt der Einzelne, ohne die eigenen Leiden in eine interpretationsintensive Theodizee zu projizieren; und noch viel wichtiger, wie verständigen wir uns über den Unterschied zwischen Schicksal und Stochastik, sollte es ihn überhaupt geben.

Fest steht, dass die Grenzen fließend verlaufen müssen, denn die individuelle Fähigkeit zur Sinnaufladung und Bedeutungsverschiebung des noch so kleinsten Sachverhalts zwingt uns gerade dazu, ihn und damit uns selbst größer zu machen, als wir vermeintlich sind. Auch wenn rationale Einsichten oder wissenschaftliche Tatsachen damit kollidieren sollten, sind dem Geist bereits von Natur aus (un)glücklicherweise keine Grenzen gesetzt. Im Formulieren eines etwaigen Endpunkts ist man doch immer schon über ihn hinaus, gerade weil alles Unaussprechliche bereits im Ausgesprochenen mitbedacht wird.

Das entspräche dann auch dem psychoanalytisch gefärbten Bedürfnis, die uneinsichtige Kartografie unserer Seelen („hic sunt dracones“) stets in einen narrativen Gesamtzusammenhang zur Geltung bringen zu wollen; sich selbst als Geschichte des Geschichteten zu begreifen. Wobei ein Clou dieses Romans dann in der autopoietisch angelegten Struktur der performativen Selbsteinlösung dieses zuvor skizzierten Erzählverfahrens liegt.

Husch Jostens teils essayistische, teils ausdrucksstarke Momentaufnahme einer intellektuell weitschweifigen Frau fängt nicht nur das Alltägliche ein, sondern entwirft ein atmosphärisch engmaschiges Panoptikum, das nicht nur auf subjektivem Empfinden beruht, sondern sich besonders dem weltpolitischen Zeitkolorit der 2010er Jahre verpflichtet sieht. Dabei entwickelt die Autorin ein umsichtiges Sprachsensorium für die Poetik der Kürze, in der sich Abruptes, Nachträgliches und Impulsives miteinander vermengen – und man den gewiss überambitionierten Anspruch des Buches freundlich übersehen darf.

von Marcus Böhm

Husch Josten: Hier sind Drachen. Berlin Verlag: München / Berlin 2017. 160 S., 16,00 Euro.

https://www.piper.de/buecher/hier-sind-drachen-isbn-978-3-8270-1348-4

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.