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Nachdem vor wenigen Jahren Sibylle Lewitscharoffs zugegeben märchenhaft, aber doch feinfühlig inszenierte Begegnung mit dem Philosophen Hans Blumenberg begierig gelesen wurde, fühlte sich das alles ganz und gar richtig an. In ausgetüftelter Form und metaphorisch klangvollem Ambiente wurde der große Blumenberg mit einem Geniestreich plötzlich Teil einer modernen Fabel. In diesem Gefolge und doch auf ganz anderen Wegen wartet nun der kürzlich erschienene Adorno-Roman von Gisela von Wysocki auf.

Auf Buchumschlag und Vorsatzpapier steht der Titel Wiesengrund. Ist damit der „andere“ Adorno gemeint; vielleicht der Privatmann, so wie ihn noch keiner kannte? Wiesengrund; das ist mehr als der zu einem verschlissenen W. stilisierte Mittelname Theodor W. Adornos, der in den sechziger Jahren sozusagen geistiges Oberhaupt der Frankfurter Schule, Identifikationsfigur der Linksintellektuellen und Bürgerschreck auf Seiten der politischen Romantik in einem war. Vollkommen anders nun liest sich dieser Roman schon fast als Anti-Adorno, als ironisch untermalte Humoreske.

So steht auch nicht der elitäre Philosoph, sondern die junge Hanna Werbezirk im Mittelpunkt des Geschehens. Die intellektuelle Initialzündung Hannas gibt jedoch gleich zu Beginn die Marschrichtung vor: Noch als Schülerin in Salzburg hört sie nachts und heimlich mit unbändiger, jugendlicher Neugier den Radiofeatures mit Adorno zu. Dass er in seinem überprononcierten Tonfall nach Art eines altklugen Ordinarius zwar von Dingen spricht, die Hanna nicht versteht, tut ihrem Interesse keinen Abbruch; in einer Zeit, zu der noch auf allen Ebenen um Information gefeilscht werden musste.

Nach der Matura tritt Hanna den Weg aus der verträumten Salzburger Barockarchitektur in die fast schon polyglotte, bundesrepublikanische Aufbauanstalt namens Frankfurt am Main an. Eine Stadt, die damals in den sechziger Jahren neben West-Berlin als geheimnisumwitterter Sehnsuchtsort der Linksalternativen noch besondere Strahlkraft besaß. Wie jeder Studienanfänger in den Geisteswissenschaften durchläuft sie dann den Parforceritt durch die Kulturgeschichte. Ihren Gedankenhaushalt verwirrt das allerdings mehr als es ihn strukturieren kann. Die fiktiven Gespräche Mahlers mit Kafka über Marx entsprechen dann etwa denselben von Freud mit Schönberg über Proust.

Neben dem Philosophie-Studium bei Adorno sieht sich Hanna in ihrer doch naiven, schelmenhaften Art einer zunehmenden Politisierung ausgesetzt: Der schon lange anhaltende und revanchistisch übertünchte Nachkriegsmuff dieser Jahre passt wie die Faust aufs Auge eines sich stark verändernden studentischen Milieus, das sich seiner bürgerlichen Traditionen immer mehr entledigt, in Wohngemeinschaften lebt und das Unkonventionelle preist.

Doch in der heraufbeschworenen Stimmung wähnt sich nur noch der Nostalgiker oder Zeitgenosse. Das durchaus anachronistische Setting verlangt dann geradezu nach der Frage, warum sich Gisela von Wysocki so ungestüm auf ein Zeitkolorit gestürzt hat, das höchstens noch als Erzählung und Emanzipation der jungen Bundesrepublik Bedeutung verzeichnet. Ja, warum überhaupt ein Roman über einen Pseudo-Adorno geschrieben wurde, der vielleicht vierzig Jahre zu spät auf den Markt kommt.

Adorno bleibt als Philosoph und schlimmer noch als Figur in diesem Roman blasse Staffage: Adorno in der Sprechstunde, im Kaffeehaus, Adorno im Aufzug und in der Zoohandlung. Der „Wiesengrund auf dem Podium“ wird meist nur in seiner Äußerlichkeit vernommen, sodass auf einer inhaltlichen Ebene immer mehr das Wie als das Was von Belang ist. Daran ändern auch die nur in der Funktion von Worthülsen eingestreuten Zitate nicht viel.

Hannas selbst so geäußerte „Vorliebe fürs Ausspähen“ gleicht einem Umzingeln und Einkreisen des Situativen, Belanglosen, auch Kitschigen: z. B. wie sie mit einem Gesichtsausdruck Adornos fertig werden soll. Es ist dann vorwiegend ein phänomenologisches Einswerdenwollen von Gegenstand und Gedanke. Mehr noch, wie sie sich in der Beobachtung und in der Beschreibung dieser Beobachtung verliert. Der Roman Wiesengrund tritt dann immer wieder auf der Stelle, da ihm das antreibende Narrativ fehlt. So geht auch das formalästhetische Konzept eines leichtgängigen, unverkrampften Tonfalls als symbolisches Gegengewicht des „anderen“ Adornos nicht vollständig auf.

von Marcus Böhm

Gisela von Wysocki: Wiesengrund. Suhrkamp Verlag: Berlin 2016. 264 S., 22,00 Euro.

http://www.suhrkamp.de/buecher/wiesengrund-gisela_von_wysocki_42549.html

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