Afrika ist nicht gleich Afrika. Kaum ein Kontinent dieser Erde ist reicher an Sprache und Kultur wie dieser, kaum einer ist zerrissener, unglücklicher, kaum ein Kontinent, der sich nicht schon länger nach dem „Ausgang aus der langen Nacht“ sehnt. So vielfältig die Völker, Geschichten, Religionen und ihre jeweiligen Probleme im postkolonialen Zeitalter auch gelagert sind, so eindimensional und unterkomplex werden im selben Atemzug die Schicksale und Charaktere dunkelhäutiger Menschen bewertet und unberechtigterweise über einen Kamm geschert.

Auf literarischer Ebene findet diese Auseinandersetzung besonders im deutschsprachigen Raum noch viel zu selten statt. Der Münchener Schriftsteller Georg M. Oswald, nebenbei auch Rechtsanwalt, Verlagsmanager und Afrikareisender, begegnet dem nach wie vor ausgetragenen Kampf der Kulturen zwischen Schwarz und Weiß nun in seinem neuen Roman Alle, die du liebst. Hier werden zwar nicht die großen Fragen gelöst und nicht alle Klischees vermieden, doch ist diesem spannungsreichen Buch anzurechnen, die Selbstherrlichkeit westlicher Werte noch einmal der Überprüfung auszusetzen.

Der weiße Überlegenheitsgestus macht auch vor dem Ich-Erzähler Hartmut Wilke nicht Halt. Er ist erfolgreicher Rechtsanwalt in den besten Jahren, frisch geschieden, und befindet sich mit seiner jungen Liebhaberin Ines auf einem zugegeben nicht ganz ungefährlichen Urlaubstrip in Kenia. Was sich erst nach Abenteuer und Afrikaromantik anhört, folgt jedoch einer familiären Aussöhnungslogik. Wilkes Sohn Erik, der in seinem Leben mehr angefangen als vollendet hat, betreibt seit einiger Zeit die Strandbar eines Aussteigerressorts am Indischen Ozean. Vater und Sohn geht es nach jahrelangen Streitigkeiten darum, sich noch einmal neu kennenzulernen: „Wir waren uns fremd, wir wussten nichts über das Leben des anderen, und wir wussten nicht, was wir wirklich übereinander dachten.“

In Rückblenden lernt man die Konstellation der beiden Männer näher kennen. Wie der Vater Karriere macht, auf Sicherheit und Verbindlichkeit pocht, während der Sohn seine Talente nicht ausspielt und sich in flatterhaft-leichtfertiger Ziellosigkeit verliert, bis er endlich als Tauchlehrer in Kenia Fuß fassen kann. Doch die schwierige Zusammenführung von Hartmut und Erik ist letztlich nur ein dramaturgischer Aufhänger, um den scheinbar universal gewordenen Geltungsbereich des mitteleuropäischen Wertekanons auffliegen zu lassen. Denn mit Ankunft in Mombasa wird so ziemlich alles vom Kopf auf die Füße gestellt, was sich nur denken lässt.

Plötzlich kollidieren Hartmuts und Ines‘ festgewordene Erwartungshaltungen westlicher Prägung mit den Gegebenheiten vor Ort. Sie merken, wie intuitiv angewandte Sozialtechniken keinen Erfolg mehr im zwischenmenschlichen Handeln versprechen, wie fragil es auf einmal um ihre Sicherheitslage bestellt ist, wenn man versucht die dort vorherrschenden Lebens- und vor allem Rechtsverhältnisse in Korrelation zu den eigenen zu bemessen – und daran gnadenlos in der Kommunikation scheitert: Weil man Antworten einfach nicht mehr versteht, vielleicht weil die Fragen schon falsch gestellt wurden.

Schließlich gerät die kleine Gruppe um Hartmut nach einer Woche in einen undurchschaubaren Strudel aus aufbegehrenden Warlords und skrupellosen Geschäftstreibern, bei dem man nie recht weiß, wer hier welches Spiel treibt und mit welchen Hintergedanken fragwürdige Autoritäten gehuldigt werden. Hervorgekehrt werden dann die fast vergessenen Distinktionen aus Ehrerbietigkeit und Respektserweisung, die außerhalb rechtsstaatlicher Grundlagen in unbedingter Form an das Gelingen sozialer Austauschmechanismen gebunden bleiben.

Kenia dient in diesem Zusammenhang als nicht ganz unproblematisch verwendete Chiffre für ein autoritäres, vom Bürgerkrieg gebeuteltes Land. Einfach gesagt, soll es in diesem Roman das schlichtweg Andere sein, von dem aus man gezwungen wird, sich vom hohen Ross kultureller Hegemonialansprüche zu befreien; das Gegenteil sogar akzeptieren zu wollen.

Doch dem hehren Moralanspruch dieses Romans zum Trotz werden diese durchaus therapeutischen Forderungen nur zwischen den Zeilen eingelöst. Vordergründig sitzt man bei der Lektüre von Alle, die du liebst einem künstlerisch wenig ambitionierten Thriller auf, der mit einer konservativen Erzählstrategie, vielen kurzen Dialogen und lockerem Plauderton aufwartet; dabei haarscharf an der Samstagabendunterhaltung vorbeischlittert. Dennoch, und dessen bedarf die Öffentlichkeit einmal mehr, konturiert Georg M. Oswald den oftmals verstellten Blick auf eine polyperspektivische Realität, mit der hoffnungsvollen Aussicht von ihr mehr lernen als verlieren zu können.

von Marcus Böhm

Georg M. Oswald: Alle, die du liebst. Piper Verlag: München/Berlin 2017. 208 S., 18,00 Euro.

https://www.piper.de/buecher/alle-die-du-liebst-isbn-978-3-492-05752-3/

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