schäfer

Das Übliche: Ein Mann kehrt nach einigen Jahren an den Ort zurück, den er damals in seiner Jugend verlassen hatte, um zu reisen, zu studieren oder woanders zu arbeiten. Doch Grund zur vollkommenen Freude besteht nicht: Denn Friedrich ist gekommen, um das Erbe seines kürzlich verstorbenen, eigensinnigen Onkels Adolf anzutreten. Dieser hatte ihm bereits zu Lebzeiten sein zwar renovierungsbedüftiges, doch mit allzu sentimentalen Erinnerungen überladenes Wohnhaus versprochen. Hier zwischen Lüneburger Heide und dem Einzugsbereich von Volkswagen, in der fiktiven Ortschaft Giffendorf (übrigens eine Hommage an Arno Schmidts Roman KAFF), in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Eltern, Verwandten und alten Freunden scheint die Welt still, die Zeit noch in ihren Fugen zu stehen.

Friedrich ist Schriftsteller und kurz vor seinem 40. Geburtstag. Er steht sozusagen am Scheideweg und nutzt den Kuraufenthalt von Frau und Kind an der Ostsee aus, um sich seiner Vergangenheit und Gegenwart zu stellen. Ihm geht es um die grundlegende Positionierung, wie und wo man dieses eine Leben eigentlich bewältigen kann. Sollen er und seine Familie tatsächlich in das freigewordene Haus des Onkels ziehen? Doch die Rahmenbedingungen, den Ort der Herkunft zum Prüfstein für das Künftige zu erheben, könnten kaum schlechter sein. Wie auch, wenn man jederzeit auf die eigene Jugend in den 70er und 80er Jahren zurückgeworfen wird, „wo folglich auf jedem Jägerzaun ein einsamer Erinnerungshandschuh steckte“.

Die Inspektion des Gewesenen folgt dann einer naiven Inventur von Anekdoten aus längst vergangenen Familienfeiern, Fernsehabenden, Lektüre- und Musikerlebnissen und natürlich dem ersten VW Golf. Leider hat die alte Bundesrepublik noch lange nicht ausgedient. Die gefühlt schon tausendfach nacherzählte und immer wieder aufs Neue äußerst durschschnittliche Reise in die Zeit der Röhrenverstärker, Hackbraten, Kartenspiele und Holzverkleidungen findet in der neueren Literatur kein Ende: Wie das Unaufgeregte, Unprätentiöse dieses Romans, so auch der Hausanzug und die Strickjacke als Modeprogramm. Normcore at its worst.

Früher, überhaupt früher: Immer ist alles von einem psychologisch unumkehrbaren Netz von Abhängigkeiten überwuchert. Es bleibt die hoffnungslose Rückkehr an den Ort, an dem man ewig Kind bleiben wird und die übergriffigen Erwartungshaltungen der Eltern und alten Bekannten zu bedienen sucht. Sollte darin ein universeller Erfahrungsraum begriffen sein, so wird er in Frank Schäfers Roman Hühnergötter nur einseitig durchdrungen. Das collageartige Verwischen von Gegenwärtigem und Vergangenem wird von der romantisierenden Sehnsucht nach dem Gestern dominiert, ohne das Heute zu bedenken: Friedrichs Arbeit, seine Frau, ihr gemeinsamer Sohn und selbst die neuerliche Affäre mit der früheren Schulfreundin bleiben schemenhaftig in einer psychologisch unterentwickelten Schublade stecken.

Erwähnenswert bleibt das literarisch gesetzte Denkmal an den alkoholkranken und innerhalb der Familie wenig beliebten Onkel. Trotz aller Kamellen war er es, der wie kein Anderer dem jungen Friedrich als unbedingte und solidarische Vertrauensperson galt. Der nachträglich gebührende Respekt wird dann schließlich auf einer performativen Ebene eingeholt, indem sein zur Erbmasse gewordenes Haus renoviert und das Andenken entsprechend gewürdigt wird, ohne es zum Spottpreis an den Nächstbesten zu verkaufen.

Das Genre der Provinz- und Heimkehrerliteratur ist müde geworden, doch bleibt es wohl allen Schreibenden (so auch bei Thomas Klupp, Stephan Thome oder Andreas Maier) nach wie vor ein dringendes Bedürfnis, den (un-)schuldigen Ort der Kindheit und Jugend noch einmal neu zu durchleben, ohne ganz genau zu wissen, ob man sich dieser Erfahrung wirklich freiwillig hingibt. Traurig nur, dass es wohl tatsächlich Menschen, und davon nicht zu wenige gibt, die diesen Schritt überraschend gern gehen und sich mit den bornierten Erlebnissen ihrer Schulzeit identifizieren mögen.

von Marcus Böhm

Frank Schäfer: Hühnergötter. Limbus Verlag: Innsbruck 2017. 197 S., 18,00 Euro.

http://www.limbusverlag.at/index.php/huehnergoetter

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