Natürlich ist es kein Zufall, dass jetzt im Jubiläumsjahr der Reformation auch Martin Luther selbst auf die bunte Spielwiese literarischer Interessen tritt. Kalkül oder keins, Marktkonformität hin oder her, die Freiheit der Kunst gebietet’s schlichtweg. Und ja, im ersten Moment, wenn man Feridun Zaimoglus sogenannten Luther-Roman Evangelio zur Hand nimmt, den reizvoll gestalteten Umschlag bewundert und ein wenig im Buch blättert, sich den vereinnahmenden Sprachtiraden zum Verzehr unterwirft, zweifelt man kaum mehr daran, einem literarischen Coup aufzusitzen.

Doch unter uns Brunnenputzern und Kesselflickern sei gesagt, nur um anzudeuten, in welche Richtung sich das Ganze bewegt: Dass dieser nicht gerade ungezwungene Text, der halb gebetsartig, halb anklägerisch über die Stränge schlägt, gar nicht weiß, wohin er eigentlich will. Noch einmal zur Erinnerung: Es ist das Jahr 1521. Über den aufwieglerischen Martin Luther wurde die Reichsacht verhängt und nun lebt er zurückgezogen als Junker Jörg auf der Wartburg bei Eisenach, übersetzt dort das Neue Testament in deutsche Volkssprache; oder was man dafür halten mag.

Martin Luther ist ein Label. Der Fürstenschreck, ein Intrigant und dicker Mann im Büßerhemd, der sich im ständigen Zaudern und Hadern wähnt, als endlich zur Tat schreiten zu können. Aber letztlich liegt in der (auch patriotisch gesinnten) Bereitschaft das Wort Gottes dem Volk zugänglich zu machen ein – für damalige Verhältnisse – vermessenes Aufbegehren. Hier kann Luther für die Gegenwart fruchtbar gemacht werden. Mit ihm setzt zwar keine Degradierung des Göttlichen, wohl aber die seiner Stellvertreter auf Erden ein. Mit dem unmittelbaren Vernehmenkönnen der Botschaft des Evangeliums gewinnt die Autonomie des Geistes an Aufwind; ohne Reformation keine Revolution. Die Verquickung aus Religion, Politik und Individuum wird aufgebrochen: „Bin kein Herr und niemandes Knecht.“ Erst wenn alle irdischen Autoritäten destruiert sind, können sich die Machtverhältnisse und Deutungshoheiten zugunsten der Freiheit des Einzelnen verschieben, der Hure Babylon der Kampf angesagt werden.

Soweit in etwa die Theorie, die in Feridun Zaimoglus kolportierendem Ungetüm Evangelio zwar nicht explizit gemacht wird, doch in allen Zeilen des Romans durchscheinen will. Die Stärke dieses Romans liegt gerade in der Entzauberung des Luther-Mythos. Das ist es auch, was wir brauchen: Luther mit seinen eigenen Mitteln schlagen, um die Idee dahinter, nicht aber den Kult um seine Person stark zu machen. Auch Luther war jemand, der frisst, schwitzt und stinkt, ohne dabei ständig den frommen, entsagenden Moralapostel spielen zu können. Beispielgebend sind sein unverkennbar antisemitisches und menschenverachtendes Gebaren: „Papst, Jud und Türck sind Teufels Kotbröckchen, gespeichelt und gebacken.“

Dafür ist viel mittelalterliches Couleur in den Roman eingeflossen, der weniger ein historisches Epos oder theologisch fundiertes Panorama, sondern vorwiegend ein Sittengemälde seiner Zeit entwirft: Eine Gesellschaft, die aufgrund ihrer religiösen Lebensform unfrei geworden ist und sich von der Macht des Teufels umtreiben lässt. Da sind Hexen, Huren und Dämonen zugleich, die mit allerlei Aberglauben bekämpft werden wollen in einer überaus getrübten Weltwahrnehmung, in der rationale und ökonomische Muster noch keine Rolle spielen und Flöhe, Läuse sowie der Geruch von Galle und Tierkadavern ihr übriges verlangen. Das heillose Durcheinander ist in Zaimoglus gewollt grobschlächtigen Milieustudien Programm.

Der Roman ergötzt sich zweifelsohne, und zwar an sich selbst, genauer an seinem unkonventionellen Gestus, der dem Autor unendlich viel Mühe gemacht haben mag. Doch je atemraubender der archaische Tenor und verdichteter sein elliptischer Nominalstil, sein gewaltiger Hang zu allem Derbkomischen auch aufwarten, umso anstrengender auch die Lektüre und ihr Ertrag, der häufig in nichts als leeren Worten aufzugehen droht. Das narrative Element verliert sich dabei oftmals im Dialogischen, das mehr situative als diskursive Spannungsbögen bereithält. So bleibt das hehre Versprechen eines Luther-Romans nach wie vor uneingelöst, wobei die Forderung nach dieser Ware inklusive ihrer „metaphysischen Spitzfindigkeit und theologischen Mucken“ vielleicht auch insgesamt aufgegeben werden sollte.

von Marcus Böhm

Feridun Zaimoglu: Evangelio. Ein Luther-Roman. Kiepenheuer & Witsch Verlag: Köln 2017. 347 S., 22,00 Euro.

http://www.kiwi-verlag.de/buch/evangelio/978-3-462-05010-3/

4 thoughts on “Feridun Zaimoglu: Evangelio”

    1. Evangelio ist in jedem Falle ein Text, den es sich besser anzuhören lohnt. Hier tritt die (Aus-)Sprache noch einmal mehr in den Vordergrund. Bei der stillen Lektüre hatte ich dann auch nicht selten das Gefühl einem Bühnenstück beizuwohnen; und in dieser Umgebung würde die Kraft der nicht gerade einfach handhabbaren Sprachgestalt Zaimoglus deutlich angenehmer wirken. Vielen Dank für den Verweis auf die persönlichen Eindrücke der Lesung.

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