Über Fatma Aydemirs Debütroman Ellbogen rumorte es schon lange im Vorfeld der Veröffentlichung. Nicht wenige, nicht unerhebliche Stimmen hatten bereits eine literarische Sensation verkündet und verabsolutierte Leseempfehlungen ausgesprochen. Doch das kollektive Einvernehmen der Kritik sollte den geneigten Leser erst einmal in Habachtstellung versetzen. Grund genug also, sich an das hochgelobte Buch mit der genau entgegengesetzten Erwartungshaltung heranzutasten.

Eines kann garantiert werden: Ellbogen ist der Roman einer Flucht. Nicht nach Deutschland, sondern vor sich selbst; und in umgekehrter Geographie: nämlich weg aus Berlin und hinüber nach Istanbul. Ein Buch mit einem furios-provokativen Plot und schlagkräftigen Szenen, die nicht selten an Erzählweisen und Problemstellungen aus der Frühphase des Filmemachers Fatih Akın erinnern. So schwärmt die siebzehnjährige Hazal Akgündüz aus dem Berliner Wedding regelrecht: „Als der Abspann lief, wusste ich: Irgendwas hat Gegen die Wand gerade mit mir gemacht, irgendwas ist jetzt für immer anders“, ist das Identifikationspotential der Ich-Erzählerin Hazal mit der rebellierenden Sibel aus Akıns erwähntem Film doch groß und ihre beider Perspektiven äußerst klein.

Hieraus spricht die Stimme einer Generation, die bereits in ihrer Jugendlichkeit verloren gegeben wurde. Es sind junge Menschen, bei denen man nicht recht weiß, ob Energy-Drinks, billiges Parfum, Gangster-Rap und Spielekonsolen nur die Ursachen oder vielmehr bereits die Folgen ihrer Ausweglosigkeit zur Sprache bringen: „Weil alle Stühle besetzt und alle Lücken ausgefüllt waren. Keine Jobs, keine Kohle, nur unerträgliches Gelaber bei irgendwelchen Behörden.“ Wenn also nach einhundert abgelehnten Bewerbungsschreiben die Sehnsucht nach Anerkennung immer noch Sehnsucht bleibt und sich die aufgestauten Ängste in einem eng gebündelten Frustrationskanal aus Aggression und Drogenkonsum entlassen, endet das nicht selten in charakterlicher Selbstversumpfung und dem Hass auf alle Angepassten der Wohlstandsgesellschaft, die vornehmlich aus Deutschen besteht. Übrig bleibt ein unermüdlicher Kampf. Wir gegen die anderen.

Genau das drückt Fatma Aydemir mit ihrer Protagonistin Hazal aus, die selbst in einer berufsvorbereitenden Maßnahme steckt und nebenher in der Bäckerei ihres Onkels jobbt. Zu viert bewohnt sie mit ihren Eltern und dem Bruder eine Zweieinhalbzimmer-Wohnung unweit des Leopoldplatzes. Neben häuslicher Gewalt, dem Festhalten an unzeitgemäßen Traditionen und den nicht nur psychischen Problemen ihrer Mutter stellen ihre Freundinnen Ebru, Elma und Gül den einzigen Lichtblick dar. Hier muss nicht gelogen werden, hier kann man die sein, die man wirklich ist. Zusammen sind sie stark; ähnlich wie Klara, Mina und Tanutscha aus dem stilbildenden Milieu des Dokumentarfilms Prinzessinnenbad. Vielleicht auch schon zu stark. Denn auf dem alkoholvernebelten Nachhauseweg von Hazals 18. Geburtstag lassen sie sich auf die anzügliche Provokation eines Studenten ein, bei der die Gewaltbereitschaft schließlich eskaliert.

Ohne ihre Angehörigen zu informieren fliegt Hazal am nächsten Tag mit dem geklauten Tagesumsatz aus der Bäckerei nach Istanbul zu Mehmet, den sie zuvor über das Internet kennengelernt hatte. Doch in der von Terroranschlägen geplagten Stadt am Bosporus, den politischen Umwälzungen und der wachsenden Unsicherheit in der Türkei sind die Probleme ganz andere. In einer zwangspolitisierten Umgebung muss man sich schnell positionieren: Wie steht man zu Erdogan, zur Kurdenfrage und zum Islam?

Obwohl in Berlin mittlerweile nach den jungen Frauen gefahndet wird, zeigt sich Hazal in Istanbul verhältnismäßig gelassen; fast schon etwas stolz mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht. Doch der plötzliche Gewinn an persönlicher Freiheit und ihr scheinbares Glück mit Mehmet schlagen schnell in Heimweh um. Nicht nur die Sprachbarriere („Da ist immer eine Lücke zwischen dem, was ich meine, und dem, was aus meinem Mund kommt.“), sondern auch der raue Umgang seitens des Staates lassen sie schnell zweifeln. Da hilft auch das einfühlsame Gespräch mit ihrer Tante Semra nicht mehr viel. Hazals erster Arbeitstag als Kellnerin in einer Shisha-Bar fällt dann schließlich mit dem Abend des Militärputsches zusammen. Und wenn die Nacht über Istanbul hereinbricht, rennt auch Hazal noch einmal mehr um ihr Leben.

Fatma Aydemir nennt die Dinge beim Namen, auch wenn die dialoglastige Mixtur aus Straßenpoesie und Jugendjargon über weite Strecken mehr imitiert als authentisch klingt. Erst nach der unfreiwilligen Metamorphose und der Flucht nach Istanbul kommt Hazal und mit ihr auch die Autorin zu sich selbst. Jetzt in der zweiten Hälfte des Buches wird nicht mehr zwanghaft gegen das literarische Establishment geschrieben, sondern die spannungsreiche Sprachform im Präsens erzeugt eine unhintergehbare Faktizität, mit der Hazal auf einer psychologischen Ebene weitaus überzeugender zu kämpfen hat als im geschützten Berliner Freiheitskosmos.

Auch wenn dieses Debüt stellenweise nicht ganz durchkomponiert wurde, spricht es zu uns aus einer Welt der Abgehängten: „Wegen der Ellbogen, die uns das Leben reingerammt hat, immer wieder, und immer noch.“ Von denen, die nicht das Glück hatten, aus wirtschaftlich prosperierenden oder bildungsbürgerlich beflissenen Elternhäusern zu kommen. Fatma Aydemir zeigt die Schattenseiten. Dass es Abertausende gibt, die sich des interkulturellen Dialogs verweigern und sich eben nicht als Einheit in der Vielfalt begreifen können: Sie und wir, die in rassistisch und sexistisch motivierten Rollenbildern gefangen sind. Wir und sie, die dem Ganzen vielleicht nur in einer gemeinsam vorangetriebenen Bildungs- und Befreiungskampagne begegnen können.

von Marcus Böhm

Fatma Aydemir: Ellbogen. Hanser Verlag: München 2017. 272 S., 20,00 Euro

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/ellbogen/978-3-446-25441-1/

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