Als vor rund drei Jahren Fabian Hischmann mit seinem Debütroman Am Ende schmeißen wir mit Gold den literarischen Jahrmarkt der Eitelkeiten betrat, regneten nicht nur Lobeshymnen vom Himmel auf den jungen Autor herab. Der schwerste Vorwurf traf allerdings nicht ihn allein, sondern prangerte vielmehr das Ganze an: Und zwar den vermeintlich unisono anklingenden „Sound“ einer Neobohème.

Gemeint war damit die selbstgefällige Absolventenschaft der Literaturkaderschmieden aus Leipzig und Hildesheim, die jene Stunde der empfindsamen Décadence mehr imitiert, als wahrlich selbst durchlitten hat. Wenn eines also nicht mehr auszuhalten war, dann die aufgesetzte Weinerlichkeit der Fabrikanten- und Professorensöhne unserer Tage. Doch soll das nun schon alles Geschichte gewesen sein?

Weit gefehlt, denn die vielen Figuren aus Fabian Hischmanns neuem Buch Das Umgehen der Orte könnten verzärtelter kaum sein. Auf mehreren, jedoch chronologisch verlaufenden Zeitebenen zwischen den Jahren 2004 und 2020 wird das Konterfei einer juvenilen Heerschar aus künstlerisch Beflissenen portraitiert, die allesamt über ein loses Seil miteinander verknüpft sind.

An wechselnden Schauplätzen laufen die Leiden der jungen Biographien immer wieder zusammen. Da sind zu Beginn Lisa und Anne, beste Freundinnen, die durch dick und dünn gehen. Doch Anne verliebt sich in den etwas älteren, überheblichen Magnus, wodurch Lisa schnell mit Eifersucht droht und das heimliche Rauchen, Schwänzen und Partyfeiern ein schnelles Ende findet, bis sich Lisa und Anne fünfzehn Jahre später in Island wieder begegnen.

Magnus ist in der Zwischenzeit zu einem aufstrebenden Filmemacher und Schriftsteller avanciert. Mit seinen Freunden Samuel und Dylan begegnet man ihm auf einem Literarturfestival in Zürich. Die dort fast schon sensualistisch aufbereitete Szenerie kulminiert mit Samuels Tod im Zürichsee. Sein Vermächtnis bleibt der posthum erscheinende Roman Muränen, der sich als immer wieder begleitende Lektüre durch das Weitere hindurchschlängelt.

Mit Dylans Bruder Tim und seinen Bekannten Niklas, Max und vielen, vielen mehr driftet der Personenreigen in eine zunehmend oberflächlich werdende Unübersichtlichkeit ab. Charaktere werden in der Folge zu Schablonen, Handlungsarme verflüchtigen sich, Unverständnis macht sich breit.

Übrig bleiben steckengebliebene Befreiungsgeschichten, die das Nicht-Erwachsenwerden-Können einer Generation konterkarieren. Gerade weil sie es aus sich selbst heraus nicht vollbringen kann, die konservativen Erwartungshaltungen der Eltern zu negieren. Wie weit kann also die Abnabelung von den Alten getrieben werden, ohne sich zu sehr aus der finanziell geschützten Komfortzone heraus begeben zu müssen? Der ständig zu erwartende Neubeginn, der Eintritt in das selbstbestimmte Leben kann also niemals eingelöst werden und man versinkt in Lethargie: „Wenn wir alle nach Berlin gehen, wird es voll. Besser wird’s nicht.“

Thematisch bedient sich der Text also einmal mehr dem Genre des Adoleszenzromans. Die Unschuld frühester Jugend, in der man sich noch ohne schlechtes Gewissen in Naivität sonnen durfte, ist vorbei. Die „Egal ist okay“-Haltung der vormals Behüteten wird von ihrer einsetzenden Intellektualisierung eingeholt. Die kurzen, häufig nur wenige Seiten umfassenden Sequenzen des Romans ergeben in ihrem experimentellen Charakter spätestens am Ende das mehr oder minder kohärente Gesamtbild einer emanzipatorisch verunglückten Bewegung zu sich selbst. Der formalästhetische Wirrwarr ist dabei Programm: Nüchterne Beschreibungen und derbe Dialoge changieren ebenso häufig wie personale und Ich-Erzählform.

Auf zwei erwähnenswerte Tendenzen des Romans sollte jedoch hingewiesen werden: Trotz der unbändigen Begeisterung für die neuesten Smartphones bringen die verschiedenen Schauplätze u. a. an der Nordsee, in Australien und den Vereinigten Staaten ein zurückerobertes, fast schon heimeliges Naturgefühl zum Ausdruck, das der propagierten Allmacht der Technik entgegenläuft. Mehr noch zeigt sich der Text überaus offen, fast schon offensiv im Umgang mit homoerotischem Begehren, dem sonst leider viel zu wenig Platz in der Gegenwartsliteratur gewährt wird; so als ob dies alles unsichtbar bleiben müsste.

Dennoch, wenn auf all das kaum reflektiert wird und der Roman sich im lustlosen Aufzeigen begnügt, dann ist das nicht nur schade, sondern vor allem nicht wirklich lesenswert gewesen.

von Marcus Böhm

Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte. Berlin Verlag: München/Berlin 2016. 207 S, 18,00 Euro.

https://www.piper.de/buecher/das-umgehen-der-orte-isbn-978-3-8270-1292-0

6 thoughts on “Fabian Hischmann: Das Umgehen der Orte”

  1. Vielleicht hätte der Autor jemanden wie dich gebraucht zum reflektieren – ansich klingt es ziemlich gut, realistisch, authentisch… ich denke in letzter Zeit immer wieder mal das so manches Buch ein wenig mehr Zeit und Überarbeitung gebraucht hätte. Nun immerhin hat er es nochmal probiert. Bei seinem ersten buch war ich schon sehr erstaunt das so etwas wirklich als Hardcover veröffentlicht wird…. ich denk wenn ich es in der Bücherei sehe werde ich mal reinschauen.

    1. Danke für Deinen Kommentar. Ich frage mich auch gelegentlich, wem mit der Veröffentlichung mancher Texte überhaupt geholfen sei. Aber letztlich sollte vielleicht doch nicht Verlag oder Lektorat, sondern das Publikum über den Erfolg eines Buches entscheiden. Und solange es sich verkauft, freut mich das natürlich trotzdem für den Autor; lesen muss man ihn ja nicht.

  2. Eine tolle, differenzierte Besprechung! Leider habe ich Hischmanns Debüt auch nicht viel abgewinnen können, meine mich aber erinnern zu können, dass eine gewisse idyllische Naturvorstellung da auch schon eine Rolle gespielt hat. Ich muss leider gestehen, dass ich die restliche vor sich hin plätschernde Handlung komplett vergessen habe, abgesehen davon, dass der Protagonist wieder nach Hause in sein altes Dorf kommt. Wie man sieht, war auch das Debüt nichts, was mich nachhaltig beeindrucken konnte.
    Viele Grüße, Eva

    1. Danke für den Zuspruch. Trotz der mehrheitlich ambivalent ausgefallenen Wertung seines Debüts von 2014, wollte ich Herrn Hischmann eine zweite Chance geben. Immerhin gibt es ja auch so etwas wie eine Fangemeinde. Aber auch der wohlwollende Vertrauensvorschuss konnte nichts überwiegend Positives in mir auslösen. Aber soll sich jeder Leser sein Urteil selbst bilden.

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