Zugegeben, die in Aussicht gestellten Möglichkeiten von gezüchtetem Gewebe aus dem Reagenzglas werden einmal viele Probleme lösen können. Eine Welt, die dann aber makaber gesagt nicht mehr zwischen dem Erbrochenen eines XXL-Burgers und dem Fötus einer Fehlgeburt unterscheidet, wirft zweifelsohne Fragen auf. Warum also technischer Fortschritt stets in eine Diskussion um Wert und Unwert des Lebens münden sollte, führt Eugen Ruge mit seinem neuen Roman unmissverständlich vor: Follower, kürzlich bei Rowohlt erschienen, ist der teilweise heute schon in dystopische Erfüllung gegangene Gesellschaftsentwurf des „postpostkapitalistischen“ Zeitalters.

Im Jahr 2055, China hat die USA wirtschaftlich längst überholt, verfolgt der Leser einen Vormittag lang den Enddreißiger Nio Schulz auf seinen Wegen vom Hotelzimmer durch die reizüberfluteten Straßen einer chinesischen Megalopolis, die sich am ehesten noch mit der Szenerie aus Spike Jonzes genialem Film Her (2013) vergleichen ließe. Nio ist nebenbei bemerkt der fiktive Enkelsohn von Alexander Umnitzer, dem Protagonisten aus Ruges vorletztem Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts. Die Chronik einer Familie schreibt sich in Follower demnach fort und, soviel wird verraten, auch wieder zurück.

Nach China hat es Nio als Vertreter für Lifestyle-Produkte verschlagen. Der „True Barefoot Runner“ soll es den Menschen trivialerweise wieder ermöglichen in altbekannter Barfuß-Manier über die betonierten Pfade der Stadt zu joggen; um wieder eins mit sich und der Erde zu werden. Doch zu dem wichtigen ersten Treffen mit der chinesischen Firma wird es nicht kommen. Denn Nio wird als vermisst gemeldet und in der Folge eine international agierende Datenmaschinerie in Gang gesetzt, um ihn wieder aufzuspüren. Erzähltechnisch wird die eigentliche Handlung gebrochen, indem offizielle Dokumente wie Aussagen von programmierten Servicerobotern des Hotels und Auswertungen von größtenteils generierten Charakter- und Konsumprofilen aus Nios Umfeld inklusive deren Kommunikationsstrukturen eingestreut werden.

2055 soll die Welt von der „Glass“ dominiert sein. Die unverkennbare Fortführung der „Google-Brille“ ist die conditio sine qua non zur Teilnahme am Leben. Ohne sie und einen entsprechenden Netzaccount befindet man sich in einer seltsam ausgeleuchteten Grauzone aus Ein- und Ausgesperrtsein zugleich. Als ob die angedrohte Löschung des Accounts einer Körperamputation gleichkäme, durch die man gezwungen wird, sein Leben nicht mehr so modellieren zu können, wie es einem gerade passt: Wenn man sich nicht mehr wohl in seiner Haut fühlt, wechselt man einfach die Netzidentität. Hormonchips und andere Körperimplantate senden dann zusätzliche Impulse und Reizstoffe aus, die verschiedene Gefühle und Erinnerungen jederzeit abrufbar oder auch überflüssig machen.

Kaum verwunderlich, dass sich mit diesen heute gar nicht so sehr illusorischen Errungenschaften ambivalente Folgen einstellen. So wird auch Nio auf seinen eigenen (Fremd-)Körper zurückgeworfen, von dem er sich eigentlich lösen wollte: Denn der Ekel vor eigenem Schweiß, Haarwuchs und Geruch bleibt, ebenso die stärkere Ausprägung sozialer Phobien. Die Überlistung dieser „Mängel“ setzt so im Vertrauen auf den Computer eine zuweilen religiöse Ader in einem gänzlich durchrationalisierten und optimierten System frei: Denn im Glauben die Reste aus Natur und Kultur vollständig in Technik aufgehen zu lassen, bleibt nichts als uneingelöste Hoffnung übrig.

Trotz aller scheinbaren Fortschritte entwirft Eugen Ruge mit Nio Schulz einen Charakter, der sich kraft seiner individualistischen Züge immer noch mit den klassischen Fragen des Lebens konfrontiert sieht: Wie bringe ich subjektiv Erlebtes objektiv zur Geltung? Welche Handlungen verhelfen mir zum Glück? Und was denken die Anderen dabei von mir?

„[D]enn was nützt die beste Suchmaschine, wenn man nicht weiß, was man sucht“.

Eine in diesem Sinne auf totale Information getrichterte Gesellschaftsform (Gedankendiktatur 2.0) sieht dann gerade nicht ein, dass Wissen nur noch mehr Nichtwissen und Unsicherheit erzeugen kann. Womit schließlich das Problem der Vermittlungsfähigkeit von Daten überhaupt angeschnitten wird. Wenn der eigene Standort immer mit möglichst exaktem Zahlen- und Wortmaterial aufbereitet werden muss, verkommt man darin selbst zur Funktion. Man funktioniert. Vielleicht ist das Leben aber genau dasjenige, was gerade nicht darin erfasst werden kann: Ein verborgener Rest, der nur noch symbolische Entsprechung findet.

Der zur Perversion getriebene Informationsfluss ist im Untertitel des Romans ja bereits angekündigt: „Vierzehn Sätze über einen fiktiven Enkel“. Diese sind wortwörtlich zu nehmen. Denn die einzelnen Kapitel bestehen jeweils nur aus einem grammatikalischen Satz. Es ist die gefühlte Unabgeschlossenheit, die stets nach mehr verlangt und keine Stille anerkennt. In aneinandergereihten Halbsätzen aus Werbebotschaften und eingehenden Sprachnachrichten stürzt man in die gehechelte Atemlosigkeit hinein. Alles kommuniziert. Eugen Ruge erschafft damit einen personalen Erzählstil, der mit der Eindringlichkeit eines Ich-Erzählers aufwartet. Wir sind dann selbst zu Followern geworden, folgen nicht nur, sondern verfolgen und horchen in Nio hinein, auch weil die aufgebrachte Zeit zur Lektüre genau den Rahmen der handelnden Zeit im Roman einnimmt.

Das geht alles in der ersten Hälfte des Romans gut, solange sich auf den Gedankenhaushalt Nios konzentriert wird. Doch nimmt im zweiten Teil des Buches ein deutlich schwächer umgesetzter Ausblick auf die kommende Kleidermode und das künftige Konsumverhalten überhand. Wenn Nio sich der Warenwelt stellt, verliert der Text urplötzlich seinen Reiz. Hier finden sich endlose Aneinanderreihungen sinnloser Artikel und Aktivitäten, die ermüdend miteinander kombiniert werden und der Erzählfluss unweigerlich ins Stöcken gerät.

Auch wenn am Ende einleuchten soll, dass es besser wäre, sich der „Glass“ zu entledigen, um sich wieder dem „eigentlichen“ Leben und den körpereigenen Sinnen zu stellen, wird man eines nicht los: Das von Eugen Ruge beschwörte „zurück-zur-Natur“ ist nichts anderes als eine falsch verstandene Form von Romantik. Die Fakten haben uns längst eingeholt. Eine etwaige Natur des Menschen sieht sich der ständigen Veränderung ausgesetzt, die wir leider nicht ausbremsen, sondern nur noch zügeln können.

von Marcus Böhm

Eugen Ruge: Follower. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2016. 320 S., 22,95 Euro.

http://www.rowohlt.de/hardcover/eugen-ruge-follower.html

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