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Ein moderner Wanderer zwischen den Welten: Dmitrij Kapitelman stammt aus der Ukraine, hat eine moldawische Mutter, väterlicherseits jüdische Wurzeln und ist im plattenbauverhangenen Leipzig-Grünau aufgewachsen. Mittlerweile in Berlin gelandet, lebt der Dreißigjährige als freier Journalist und Musiker. Das jetzt bei Hanser Berlin erschienene Buch Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters ist kein Roman, sondern die überaus ehrliche Hinterfragung der eigenen Identität inmitten einer real existierenden Melange aus koscherem Essen und der Nonchalance postsowjetischer Lebensart; gewürzt mit einer gesunden Portion quasi-deutscher Rationalität.

Vordergründig arbeitet sich der im lockeren Reportage-Stil gehaltene Text an der Beziehung zum eigenen Vater, Leonid Kapitelman, ab. Dieser war zu Sowjetzeiten eigentlich Mathematiker mit Berufsverbot, dann Bauingenieur und manchmal auch Dollarscheine-schwenkender Lebemann in Kiew. Nach den Wirren der frühen Neunziger und einem erfolgreich gewährten Asylantrag in Deutschland, eröffnete der Vater als sogenannter jüdischer „Kontingentflüchtling“ in Leipzig ein Fachgeschäft für russische Spezialitäten. Aber das Leben hier gestaltete sich doch viel schwieriger als gedacht – wurde häufig zu einem „[W]einen über Deutschland, das er nie verstanden hat und das ihn vielleicht nie verstehen wird.“

Aber mehr noch als das Verhältnis zum eigenen Vater wird die stets mitschwingende Frage nach dem Juden-in-mir zum eigentlichen Thema gemacht. Was hat es mit dem vom Vater auferlegten Jüdischsein per Selbstdefinition zu tun? Wie können offenkundig bestehende Ungereimtheiten aus materiell vorliegender Genealogie und ideell vermitteltem Glauben überhaupt in Einklang gebracht werden? Warum hält man am Judentum fest, ohne sich selbst als religiös zu bezeichnen? Zur Beantwortung dieses unsichtbaren Paradoxons liegt im Grunde genommen nichts näher als zusammen mit dem Vater eine auf über sieben Wochen angesetzte Reise in gelobte Land anzutreten.

Dmitrij Kapitelman gibt sich zuvor als überaus indifferent hinsichtlich seiner Herkunft aus. Vielmehr entwirft er ein gegenwartsaffines Feingefühl, das sich an nichts weniger als an sich selbst orientiert und die Rolle im Hier und Jetzt hochhält. Gerade Berlin wird in seiner unkonventionellen Aura treffend als der Ort des Freiseins-zur-Möglichkeit charakterisiert. Er vertraut auf die ihm in Deutschland eingeimpfte Abneigung gegenüber allen vaterländischen Gefühlen und sieht sich als Gleicher unter Gleichen. Und doch, die jüdische Hälfte ragt in ihrer ungewollten Unbestimmtheit aus ihm hervor. Die Reise nach Israel soll in diesem Sinne auch Klarheit über den eigenen Standort verschaffen.

Was es bedeutet ein „echter“ Jude sein zu können, beantwortet Dmitrij Kapitelman in einer spielerischen Weise unter Verwendung bekannter Klischees, ohne diese dabei entlarven zu wollen. Es ist eine im alltagstauglichen – und deshalb sehr authentischen – Gestus gehaltene Annäherung an eine jüdische Identität oder besser: was interpretatorisch dafür gehalten werden mag. Die nicht gerade unkomplizierte Suche nach der imaginären Heimat in Israel geht häufig mit der ironischen Selbstvergewisserung einher, das vielerorts angepriesene Jüdischsein als einimpfbare To-Go-Mentalität anzweifeln zu müssen.

„Es war sein Zuhause, aber keine Heimat.“ Die Kluft zwischen Heimat und Heimatlosigkeit spüren auch die nach Israel Eingewanderten. Denn die postsowjetischen Exilanten hegen dort immer noch eine Privatkultur aus Gurkenfanatismus und wer-kocht-am-besten-Borschtsch. In vermeintlicher Freiheit begegnet der Autor den allergrößten Vorurteilen – in beiden Teilen des Landes. Es folgt insofern keine bedingungslose Loyalitätsbekundung gegenüber Israel, sondern auch die unverblümte Aussprache etlicher Missstände. Auf den Erkundungen durch weite Teile des Landes wird man immer wieder mit der ständigen Zerrissenheit der Identitäten bei gleichzeitiger Nichtakzeptanz des Status quo konfrontiert. Vielleicht entspricht das auch dem messianischen Gedanken einer Hoffnung auf alles das, was einmal kommen mag. Heimat wird also für ewig das Andere bleiben.

Auf eine Art verleiht Dmitrij Kapitelman all denen auf der Welt gestrandeten Menschen jeglicher Couleur eine Stimme der Hoffnung. Er lebt und glaubt an die Kraft der Humanität – die Fähigkeit sich von Mensch zu Mensch respektvoll auf Augenhöhe zu begegnen, sich als Vielfalt in der Einheit begreifen zu können. Kurz: Den Anderen als Freund wahrzunehmen. Im Vordergrund steht also immer der Mensch, nicht die Politik.

Auf formaler Ebene vermengt der Text Alltagsreflexionen, Historisches und häufig in wörtlicher Rede eingekleidete Gespräche. Zuweilen etwas im Anekdotischen verhaftet, kommt der Text manchmal nicht ganz auf den Punkt. Das manchmal Belanglose im Leben folgt jedoch einer kalkulierten Darstellungsmethode. Jedenfalls erfährt die Beschreibung manch ungewöhnlicher Lebensart, wie man sie in der deutschen Literatur auch schon bei Wladimir Kaminer kennengelernt hat, ungeahnte Höhen, ohne dabei ständig mit der Humorkeule schwingen zu müssen. Denn intelligenter Witz offenbart sich auch ohne Slapstick.

Die Reise nach Israel ist wie so manche Pilgerfahrt also nichts Äußerliches, sondern ermöglicht erst den unverstellten Blick auf uns selbst, den der Autor sich und hoffentlich vielen Nachahmern mit diesem Buch unzweifelhaft freigelegt hat.

von Marcus Böhm

Dmitrij Kapitelman: Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters. Hanser Berlin: München 2016. 287 S., 20,00 Euro.

https://www.hanser-literaturverlage.de/buch/das-laecheln-meines-unsichtbaren-vaters/978-3-446-25318-6/

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