wagner

Spätestens nach der Lektüre dieses wohlausgestatteten Buches weiß man: Hotelzimmer ähneln Kuriositätenkabinetten irgendwo zwischen dem funktionsaffinen Charme eines Baumarkts und dem Prunk venezianischer Paläste. Es gibt hier eigentlich nichts, was es nicht gibt; hervorgewühlt und festgehalten in Häusern zwischen Kirchzarten und Neuruppin, aber auch in Metropolen wie Teheran, Kairo und Peking. David Wagner hat in den letzten drei Jahren nahezu pedantisch darüber Buch geführt, wie es um ihn als Reisenden bestellt war. Der jetzt erschienene Band Ein Zimmer im Hotel versammelt etwa einhundert Miniaturen, die allesamt den Mikrokosmos einzelner Hotels durchleuchten; ohne aber den noch viel fruchtbareren Blick für das große Ganze außer Acht zu lassen.

Das Prosastück der kleinen Form, manchmal nur wenige Zeilen umfassend, hat David Wagner spätestens seit seiner Veröffentlichung Leben fortgeführt und perfektioniert. Hinter jeder einzelnen Skizze verbirgt sich ein Stückchen Welt, eine Geschichte, die vom Autor präzise eingefangen wurde: Grell in die Nacht hineinleuchtende Rauchmelder, weiße Pantoffeln und nicht abfließendes Badewasser. Stellenweise erinnern diese nicht nur zufällig als „subtile Jagden“ stilisierten Vereinnahmungen alltäglichen Stoffes an Ernst Jüngers Wahrnehmungsweise aus Das abenteuerliche Herz.

Insofern weist etwa die nüchterne Darstellung eines Frühstücks weit über den Grad seiner ihm zunächst attestierten Belanglosigkeit hinaus. Denn es ist immer auch der Versuch aus dem subjektiv Erlebten, „aus der eigenen Geschichte etwas heraus[zu]objektivieren“. Zurück bleibt also ein durchaus welthaltiges Destillat, das zuvor mit Beobachtungen der verschiedenartigsten Lobbys, Badezimmer und Teppichöden dieser Erde angereichert wurde. So lässt der häufig im Gebrauchsanweisungsduktus gehaltene Tenor das Allgemeine schon im vermeintlich Besonderen durchscheinen. Plötzlich wächst ein literarisch nur mäßig ausgestalteter Hotelführer über sich hinaus, gerade weil er das Zugrundeliegende, den Menschen, eben nicht vernachlässigt.

So wird zwischen den manchmal zu detailversessenen Beschreibungen von Pappaufstellern, Lichtdekorationen und Holzintarsien doch eines unumstößlich klar: Das Hotelzimmer ist ein Ort der Melancholie; auch und besonders, wenn man ihn, wie so häufig, allein bewohnt. Selbst die größte Suite rettet einen nicht davor, den sanften Riss zwischen Selbst und Welt zu vernehmen. Wenn ab einer bestimmten Etagenhöhe die Zimmerfenster nicht mehr geöffnet werden, das Internet nicht verfügbar ist und der Fernseher nur chinesisch spricht, spätestens dann befällt einen die Angst von Raum und Zeit enthoben und sich selbst entrückt zu sein: Lost in Translation. Vom Kampf gegen brummende Klimaanlagen und Stechmücken einmal abgesehen, bleibt dann meist nur noch der voyeuristische Blick aus dem Fenster hinaus auf das Häusermeer oder in die Natur übrig.

Letzterer widmet sich ein unerwartet längerer Exkurs: Ein als Wanderung geplanter Ausflug in die Natur überfordert den Erzähler sichtlich. Ironischerweise wird die Eroberung des „Echten“ enttäuscht. Man ist dem nicht gewachsen und verliert im wahrsten Sinne des Wortes die Peilung: Die fehlgeleitete Ursprungssuche entpuppt sich als Ver-Irrung. Inmitten dieser Umkehrung weist David Wagner auf, wie sehr wir uns bereits an den allseits standardisierten Komfort aus vorportioniertem Essen und Kaffeepads verloren haben. Eine Welt also, die auf Kosten der Authentizität vom Fake eingenommen wurde und diesen Zustand auch als erstrebenswert erachtet.

Trotz der gelungen inszenierten Komposition aus Form und Inhalt stellt man sich nach der Lektüre durchaus die Frage, welches Genre der Literatur hier überhaupt bedient wurde. Denn häufig hat man es mit nichts weiter als der Selbstverwertung des Literaturbetriebs zu tun: Die Verdopplung seiner selbst im Anfertigen von kleineren Texten auf Lesereise, die sich darin zwar intelligent reflektieren soll, doch meist nicht über den Status einer zu sehr gewollten Dokumentation hinausreicht. Auf diese oder ähnliche Weise sind beispielsweise schon Eugen Ruges Annäherung und damals Benjamin von Stuckrad-Barres Livealbum oder auch Ferien für immer von Christian Kracht und Eckhart Nickel entstanden, von denen sich David Wagner jedoch nicht deutlich genug abgrenzen kann, um nun von etwas Bahnbrechendem sprechen zu müssen.

von Marcus Böhm

David Wagner: Ein Zimmer im Hotel. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2016. 127 S., 18,95 Euro.

http://www.rowohlt.de/hardcover/david-wagner-ein-zimmer-im-hotel.html

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