kehl

Schon seit den ersten Veröffentlichungen war Daniel Kehlmann so etwas wie eine Bastion des Literaturbetriebs gewesen. Im Grunde genommen ein Autor, der, vorsichtig ausgedrückt, immer wieder aufs Neue stabile Leistungen geliefert hat, ohne den Leser je wirklich enttäuscht zu haben. Nicht zu leicht und nicht zu schwer, nahezu jedes Buch ein Glücksgriff: inhaltlich und formal aufeinander abgestimmt, dabei jedes Mal für Überraschungen gut.

Mit der neuen Erzählung Du hättest gehen sollen bewegt sich Daniel Kehlmann allerdings in unsicheren Gefilden, wenn nicht sogar auf dünnem Eis. Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein namenloser Ich-Erzähler und seine Frau Susanna fahren mit ihrer vierjährigen Tochter in die Berge. Zeit zum Ausspannen, Zeit für die Arbeit an einem neuen Drehbuch, das schon längst überfällig scheint. Es dauert nicht allzu lange, bis die Familie von den Szenen einer Ehe eingeholt wird und die Unterkunft ihr Übriges tut.

Ein Haus, in dem es vermeintlich spukt. Ein Haus mit einer berüchtigten Vergangenheit, das nun anstelle eines Turmes, den der Teufel erbaut haben soll, am Ende einer abgelegenen Straße steht. Ein Haus, das nach wie vor den Geist aller seiner ehemaligen Gäste beherbergt. Was zunächst wie ein harmloser Familienausflug beginnt, setzt sich dann ungefähr so schaurig wie bei Stephen Kings, mehr noch wie in Stanley Kubricks kongenialer Version von Shining fort.

Überhaupt dominiert eine unverkennbar filmische Perspektive den Erzählduktus, der atmosphärisch immer wieder an Einstellungen bei David Lynch oder Lars von Trier erinnert. Trotz des lakonisch-minimierten Sprachstils schafft es Kehlmann genau jenen unbehaglichen Traum hervorzurufen, in dem man einfach nicht vorwärtskommt, auf der Stelle stehen bleibt, obwohl sich die Beine doch bewegen und man mit aller Kraft zu entkommen versucht. Dies gelingt nicht nur aufgrund des sich zunehmend abbauenden Handlungsgefüges, sondern auch dadurch, dass den auftretenden Personen in dem unübersichtlich gewordenen Ferienhaus die Zentrierung genommen wird. In der Vermengung aus oben und unten, innen und außen, vorne und hinten treiben sie alle verschlungenenwegs in die Orientierungslosigkeit hinein.

„Worte. Sie treffen nicht, wie es wirklich ist.“

Was passiert, wenn man der Sprache, die vordergründig als verlässlich und real gilt, nicht mehr trauen kann? Wenn sich das Ausgesprochene nicht mehr mit dem optisch Wahrnehmbaren zur Deckung bringen lässt und in der Folge alles enttäuscht und weiter verkehrt wird? Wenn man schließlich nur noch Spiegelbildern und Einbildungen aufsitzt, sucht man letztlich Halt in der Fokussierung auf etwas Festes. Um sich des drohenden Wahnsinns zu entziehen, werden die Bewusstseinsmechanismen der Verbalisierung von denen der Visualisierung abgelöst. Doch die rettende Sichtbarkeit verliert sich in einer kubistisch aufgeladenen Szenerie, die wiederum aus nichts als einer ineinander verschränkten Geometrie eines „Weltenbergs“ ohne Inhalt besteht.

So wird der Verlust an Perspektive zu einem überaus zentralen Moment dieses Büchleins, der nicht nur streng an den Rückbau der eigentlichen Erzählung gekoppelt, sondern dadurch erst erzeugt worden ist. Ähnlich wie Träume, die in Realität übergreifen, werden die Sinnzusammenhänge fortwährend getrübt. Nicht selten werden Sätze dann nicht mehr zu Ende geführt, die Kommunikation abgebrochen oder der Gegenüber einfach nicht verstanden.

Auch die Beziehung des unbekannten Erzählers zu seiner Frau liest sich meistenteils wie eine Prosafassung von Erich Kästners Sachlicher Romanze. Minimal ist in diesem Sinne auch die erzählte Zeit. Gerade einmal sechs Tage umfasst das dem Leser zugängliche Notizheft des Erzählers. Dieses wechselt unregelmäßig den Standort und changiert zwischen den Skizzen zu einem neuen Filmdrehbuch und den Tagebucheinträgen des Ferienaufenthalts.

„Ein Drehbuch ist ein Werk, aber kein Werk.“

Es bleibt dabei ein Schreiben auf den Versuch hin. Etwas, das sich ausprobiert, hinterfragt und auch bewertet. Dabei fließen die Regieanweisungen des Drehbuchs in die Beschreibung des familiären Alltags ein. Wir wissen, welche Hintergrundmusik gespielt, in welcher Kameraeinstellung die Szenen aufgenommen und welche Schnitte gesetzt werden sollen. So wird das eigene Erleben zum Probierstein der narratologischen Möglichkeiten filmischer Sequenzen erhoben.

Auch wenn sich Daniel Kehlmann in formaler Absicht wieder einmal auf Avancen mit dem Magischen Realismus südamerikanischer Provenienz eingelassen hat und manches Mysterium im zwischenmenschlichen Gewähren und Gewährenlassen durchaus kafkaeske Töne anschlägt, liegt mit Du hättest gehen sollen kein großer literarischer Wurf vor. Dafür sind Story und erzählerische Motive schwach und wenig innovativ aufbereitet, auch wenn ihr teilweise cineastischer Sog durchaus haften bleibt.

von Marcus Böhm

Daniel Kehlmann: Du hättest gehen sollen. Rowohlt: Reinbek bei Hamburg 2016. 92 S., 15,00 Euro.

https://www.rowohlt.de/hardcover/daniel-kehlmann-du-haettest-gehen-sollen.html

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.