witwen

Vier Damen und ihr männlicher Chauffeur erleiden „Schiffbruch“ in den Vogesen: Eine Fahrzeugpanne, fehlender Mobilfunk und keine weitere Menschenseele in Sicht. Die einen nennen es Zufall, manch andere schon Schicksal. Dagmar Leupolds neues Buch Die Witwen, erschienen bei Jung und Jung, gibt eine Marschrichtung vor, warum wir manchmal auf das Leben zurückgeworfen werden müssen, um uns überhaupt noch für überlebensfähig erklären zu können. Der kürzlich für die Longlist des Deutschen Buchpreises nominierte Roman begibt sich dabei auf eine unterschwellige Erkundungstour quer durch die große Sinnfrage: Wozu das Ganze eigentlich und wieso gerade ich?

„Steinbronn ruht, innig umschlossen, zwischen zwei Moselarmen, die sich um den Ort herum zur Schleife runden.“

Was anfänglich wie ein abermaliger Roman aus der deutschen Provinz beginnt, konterkariert sich zugleich selbst. Denn in dem fiktiven Ort unweit der Mosel wird man nicht nur „[s]tranguliert und abgemurkst“, sondern Natur, Fluss und Weinberge stehen hier sinnbildlich für den modernen Kerker. Steinbronn, das ist ein Fleckchen Erde, in dem stets alles verriegelt ist und auf kontinuierlichem Sichtschutz beharrt, obwohl es gar keine Reize zu verdecken gäbe: „Es herrschte Dauersonntag, gewissermaßen.“ Von hier aus könnte also die heiß ersehnte Gegenbewegung des inflationär verwerteten Heimatromans dieser Tage Fahrt aufnehmen.

Penny, Dodo, Beatrice und Laura – das sind nicht nur literaturhistorisch aufgeladene Figuren, sondern vier Frauen in ihren Fünfzigern, die sich schon seit ihren gemeinsamen Kindheitstagen aus Berlin kennen. Alle sind sie nach und nach in Steinbronn heimisch geworden. Erst der Liebe, dann der Freundschaft wegen. Was dieses Quartett immer noch eint, das ist ihr quasi-verwitweter Status. Wobei das Verwitwetsein hier mehr noch Ausdruck für das Abhandengekommene ist. Ein Gefühl, das nicht unbedingt für den Verlust eines Menschen, sondern für den verlorengegangenen Blick in die Zukunft steht.

Die Perspektivlosigkeit der Provinz zu erkennen ist das eine, den Ausbruch zu wagen das andere. Das reißausnehmende Abenteuer folgt der Spontaneität. Aus der Bauchlaune heraus, sich der Welt stellen zu wollen, beschließen sie gemeinsam moselaufwärts in Richtung Frankreich zum Ursprung des Flusses in die Vogesen zu fahren. Ihr Reisebegleiter ist der ortsansässige Bendix, ein gescheiterter Privatgelehrter, der etwas zu viel Bier, Zigaretten und fettige Speisen konsumiert.

Mit Bendix, der nicht nur zufällig den zweiten Vornamen des großen Walter Benjamins trägt, ist nun auch der doppelte Boden eingezogen. Mit den durchaus harlekinesken Tagebucheinträgen und Briefen des verkappten Intellektuellen wird das erzählerische Korrektiv des Damenensembles initiiert. Gender trouble hin oder her, Bendix kommentiert die eindeutig sexuell konnotierte Spannung innerhalb der Gruppe, verliert sich aber in Halbzitaten der Kulturgeschichte ohne damit wirklich zu punkten.

„Wir alle sind hier ganz richtig. Hängen geblieben an diesem verrückten Ort, einem Massengrab von Lebensgeschichten.“

Als der Motor des Fahrzeugs streikt, wird das zum Ermöglichungsgrund der eigenen Offenbarung erkoren. Reihum brechen die Damen ihr lange zurückgehaltenes Schweigen. Das über Jahrzehnte Aufgestaute wird zu Tage befördert. Gemein ist den bildungsbeflissenen Figuren, dass sie das Leben nur zu gut kennen. Sie haben einen fein verästelten Sinn für den Menschen in uns entwickelt, der nicht immer das hervorbringt, was er offenkundig denkt, sondern ebenso die psychologisch motivierten Untertöne des Miteinanders berücksichtigt.

Dagmar Leupold ist nicht nur Autorin, sondern auch Akteurin hinter den Kulissen des Buchmarkts, die sich in vielfacher Weise – praktisch wie theoretisch – um das Medium der Literatur verdient gemacht hat. Wenn Die Witwen dann ihrerseits die Genrebezeichnung des Abenteuerromans tragen, so ist damit unverkennbar auf die mittelhochdeutsche âventiure verwiesen. Durch (un)glückliche Fügung wurde die Reisegruppe zwar zu keiner heldenhaften Bewährungsprobe genötigt, aber zur Sinnfrage angestiftet.

„Schließlich steckt im Abenteuer ja die Ankunft.“

Unter freiem Himmel wird so eine Dialektik aus Freiheitserwartung und Bedrohungsszenario entfaltet, die alle dazu verleitet sich noch einmal zum Leben zu bekunden. Ein Interpretationsangebot des Romans läuft darauf hinaus, Sinnpotential in der Zeit entfalten zu lassen. Diese sozusagen als Chance, nicht als Verwertung nutzen. „Die Zeit hat keinen Verlauf, sondern eine Ausdehnung.“ Man harrt demnach in einer Vertiefung zwischen Aktiv und Passiv aus und gewinnt den Zuwachs der Zeit, nicht ihren Verlust. Die angeschlagenen Charaktere kehren somit restituiert von ihrem Kurzabenteuer heim. Und ein leiser, aber klug und prosaisch komponierter Roman geht zu Ende.

von Marcus Böhm

Dagmar Leupold. Die Witwen. Ein Abenteuerroman. Jung und Jung: Salzburg u. Wien 2016. 233 S., 22,00 Euro.

http://jungundjung.at/content.php?id=2&b_id=241

3 thoughts on “Dagmar Leupold: Die Witwen”

  1. Nicht nur die Leseprobe, sondern auch Deine Rezension machen Lust auf mehr von diesem Roman. Im Gefolge von Dante, Boccaccio,Homer, -nur die Dodo kann ich nach dem knappen Hefterlauszug- schwer einordnen, werden sicher schöne Geschichten entfaltet. Sogar ein Hund, das Kriterium für den diesjährigen Listenplatz, ist dabei, habe ich gehört.

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