Unbenannt

Clemens Meyer lebt in Leipzig, arbeitete zeitweise als Bauarbeiter, Möbelpacker und weiß, wovon er spricht. Bereits mit zahlreichen Preisen überhäuft, hielt er im Sommer 2015 die Frankfurter Poetikvorlesungen. Damit reihte er sich nicht nur in die Garde verdienter Schriftsteller wie jüngst Daniel Kehlmann, Juli Zeh oder Alexander Kluge ein, sondern gab vor allem auch Einblick in das, was es heißt zu schreiben. Eine Chiffre dafür könnte die von ihm entworfene Äkschn GmbH sein, die jetzt in Buchform bei S. Fischer erschienen ist. Wer aber vom Format dieser Vorlesung so etwas wie eine Wissens- und Methodenvermittlung zur Poetik erwartet, befindet sich ganz klar auf dem Holzweg. Denn der Leipziger übt sich geradezu in einer Bekämpfung des Intellektualismus mit nicht minder intellektuellen Mitteln. Es ist die Bloßstellung eines Kulturbetriebs als Farce, der sich nur noch in einer Ästhetik des Untergangs zu repräsentieren weiß.

Was ist denn nun die Äkschn GmbH? Da sich Clemens Meyer meist mehr für Fragen als für Antworten interessiert, muss man sich damit begnügen, dass deren Ehrenpräsidenten Juri Gagarin und Perry Rhodan heißen und sich unter ihren Kapitänen Hans Henny Jahnn, Joseph Conrad und Uwe Johnson mischen. Und wenn die bunten Fahnen wehen, dann ruft auch Heino offiziell die Äkschn GmbH aus. Was das Ganze eigentlich ausmache, beantwortete der Autor in einem Interview lapidar: „Wer weiß das schon. Also das ganze Leben ist Äkschn und die Literatur ist Äkschn.“ Im Text heißt es dazu, die Äkschn GmbH spiele mit Erinnerungen, die die einzigen Wahrheiten seien und traue nur den Träumen. Sie ist also nicht vielmehr als eine kollektive Zeitreise zurück in die Zukunft; die Einholung des Gewesenen für das Jetzt.

In diesem Sinne findet man eine fragmentarisch versetzte Reise durch Clemens Meyers eigene Erfahrungen mit Medien aller Art vor, besonders Schilderungen der eigenen Lese- und Filmbiographie. Der Autor als Krimileser und Westerngucker, als Abenteurer durch die Universen von Jules Verne und von Karl May (aus Radebeul bei Dresden). Hier bildet sich eine überaus maskulin konturierte und stark visuell geprägte Kultur-Noir heraus, die nur an wenigen Stellen mit etwas „Weicherem“ wie Volkslieder oder Märchen durchsetzt ist. Es erwächst eine Poetik der Sehnsucht, eine Suche nach der verlorenen Liebe zur eigenen Jugend, die alle unmittelbar mit den Erzeugnissen einer untergegangenen DDR verwoben sind.

Immer wieder wird es probiert, die von Sachsen bis Pommern wuchernden (Kultur-)Landschaften zu kosmopolitisieren. Denn die Ironie liegt ja gerade darin, dass die Karl-May-Western in Jugoslawien gedreht worden sind. Die Phantasmagorie des Westens kann also nur auf der Projektionsfläche des Ostens erzeugt werden. Die noch nicht verkraftete Niederlage des Ostens verhandelt Clemens Meyer, indem er die Frage stellt, was überhaupt zu Beginn der Neunziger auf der Straße, besonders in Leipzig, los gewesen war. Die große Zeit, in der die Sowjets abzogen, sei ein einziger Flohmarkt gewesen. Die überall am Straßenrand herumliegenden Radios, Röhrenfernseher und Funkgeräte versinnbildlichten den Ausverkauf. Alle warteten nur noch darauf, mit neuer West-Ware versorgt zu werden und in den überflüssig gewordenen Dingen, darunter auch die geliebten Kinder- und Jugendbücher, wurde das allmähliche Verschwinden eines scheinbar ewigen Zustands eingeübt. Ähnlich der VHS-Kassette, die heute zum Symbol für das Zeitalter ohne Internet geworden ist; als das Leben noch ein anderes war.

Doch Clemens Meyer ist niemals Moralapostel. Er ist teilnehmender Beobachter, stellt zwar fest, bewertet aber nicht zwangsläufig. Die Erfassung der Realität mit fiktionalen Mitteln vollzieht sich in einem assoziationsreichen Treibenlassen, im humorvollen Rausch auf einer poetischen Spielwiese. Die typischen Themen – auch schon bekannt aus seinen ersten Büchern wie Als wir träumten und Die Nacht, die Lichter – sind naturgemäß Trash und Testosteron, Pornographie und Prekariat. Es geht um die verachteten Männergestalten am Rande der Gesellschaft. Entworfen wird eine dunkle Welt aus Urin, Ruinen und verdorbenem Fleisch, die aber notgedrungen auch die unsere ist, auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen: „Ein Mensch hat 2 Arme, um sich 2 Nadeln in die 2 Arme zu drücken.“

Beeindruckend wirkt die allerorten einsetzende Demontage des germanischen Mythos, indem ein mit Symbolen aufgeblasenes Deutschland nur noch als leere Kulisse dient. Immer wieder Wagner, Goethe und das Nibelungenlied. Während sich Sigurd und Parzival die Hand geben, steht gleich neben Siegfried und Hagen auch der Rüstungskonzern Heckler und Koch bereit. Wie in Schillers Wallenstein zu Papier gebracht, ging es stets darum, „die Herausbildung einer Nation mit den Mitteln des Krieges“ stark zu machen. Clemens Meyer macht genau das Gegenteil, wenn er diese hanebüchene Vision richtigerweise „auf dem Behindertenklo des Nationaltheaters Mannheim [ein]formt“. Auch wenn die Aufstellung eines Literaturkanons kategorisch verworfen wird, kristallisieren sich einige markante Vorlieben des Autors heraus, die dem klassischen Arsenal einer konservativ verorteten Bundesrepublik diametral entgegensteht. Da sind vor allem Ernest Hemingway, John Dos Passos, William Faulkner auf der einen, und (ehemalige) DDR-Autoren wie Franz Fühmann, Werner Heiduczek und Erich Loest auf der anderen Seite: Es bleibt also eine eindimensionale Literatur weißer Männer übrig.

„Fragmentieren und dennoch Leuchten lassen“, heißt es bei Clemens Meyer einmal, der in sprachlicher Hinsicht zwar das Hauptsatz-Staccato seines großen Vorbilds Hemingway überwindet, doch thematisch auf dem Versuch sitzen bleibt, die Äkschn GmbH über ein romantisierendes Lesevergnügen hinaus zu führen. Die Poetikvorlesungen bleiben an manchen Passagen in der Schockstarre des Jahres 1989 verhaftet, die sich nicht nur kritisch gegenüber manch neugewonnener Freiheit zeigt, sondern Teile derselben konsequent verweigert. Vom Deutschland des Jahres 2016 sind überspitzt formuliert nur noch Tatort, Club-Mate und der Überwachungswahn übrig. Vielleicht etwas zu wenig für einen Autor, der zur Wende gerade einmal zwölf Jahre alt gewesen ist.

von Marcus Böhm

Clemens Meyer: Der Untergang der Äkschn GmbH. Frankfurter Poetikvorlesungen. S. Fischer: Frankfurt a. M. 2016. 176 S., 18,00 Euro.

http://www.fischerverlage.de/buch/der_untergang_der_aekschn_gmbh/9783100024237

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