cox

Der schon lange mit äußerst veritabler Schreibroutine auftretende Christoph Ransmayr widmet sich zeit seines Schaffens einem besonderen Literaturgenre. Als Autor von historischen Romanen erzählt er jedoch nie nur über einen geschichtlich interessanten Gegenstand, sondern Ransmayr definiert sein Sujet stets aus der Gegenwart heraus. Der historisch unterwanderte Eingriff seziert demnach nicht ausschließlich Gewesenes, sondern öffnet die Augen für das Hier und Heute.

Auf einer ersten Ebene versucht sich Ransmayr in seinem neuen, stimmig arrangierten Buch Cox oder Der Lauf der Zeit an altbewährten und spätestens seit den Confessiones von Augustinus allseits virulenten Topoi: Warum ist das physikalische Phänomen der Zeit scheinbar objektiven Gesetzgebungen unterworfen, während sich unter psychologischen Gesichtspunkten die Maßstäbe subjektiven Zeiterlebens mühelos beugen lassen? Generell, wie kann Gegenwart erfasst werden, wenn sie mit jedem Augenblick schon wieder in Vergangenheit übergegangen und zugleich schon von der Zukunft eingeholt worden ist. Ein Roman über das ungelöste Problem der Zeit, könnte man meinen, muss dann selbst wiederum zeitlos sein.

Doch die zunächst antiquiert wirkenden Protagonisten Alister Cox, berühmter britischer Uhrmacher, und Qiánlóng, despotisches Oberhaupt des Kaiserreichs China im ausgehenden 18. Jahrhundert, bieten auf einer zweiten Ebene allerlei modernen Diskussionsstoff. Denn die vom Autor rückwärtig gekonnt projizierten Anachronismen aus Geheimdiensten in überwachungsstaatlicher Absicht, unlauterem Wertpapierhandel und globalisierten Märkten geben gerade nicht den Blick auf ein romantisch verklärtes 18. Jahrhundert preis, sondern holen diese Epoche unweigerlich in die unsere zurück.

Nach einer finanziell vielversprechenden Einladung und siebenmonatiger Überfahrt kommt Cox im Reich der Mitte an. Trotz der zuweilen kitschig-sentimentalen Rückblenden und der Sehnsucht nach Ehefrau Faye sowie der früh verstorbenen Tochter Abigail macht sich der überanstrengte und familiär gebeutelte Cox schnell an die Arbeit.

Im Auftrag des Kaisers Qiánlóng liegt es nun an dem Engländer, besonders extravagante und nach ausufernden Plänen konstruierte Uhren zu bauen, die in ihren formgebenden Narrativen nicht mehr von Märcheninseln en miniature oder gar der Weltformel zu unterscheiden wären. Uhren sind für Qiánlóng mehr als Prestigeobjekte; sie sind Kontrollapparate, die in ihrer verzweigten Mechanik und Präzision den sinnbildlich zu durschreitenden Naturraum unterwerfen.

Wie die Natur, so auch der Staat und das Volk. Qiánlóngs Wesen hat alle erdenklichen Bereiche ausgehöhlt, um ihnen seine unumschränkte Macht vor Augen zu halten: Ein weit verzweigtes Geflecht politischer wie auch sozialer Subsysteme zementieren die totalitaristische Ordnung unter Erwirkung brutaler Folterungen, Verstümmelungen und Zwangsarbeit, deren wiederholte Darstellungen sich jedoch schnell erschöpfen und ermüdend wirken.

Ironisch nur, dass es unter Androhung der Todesstrafe nicht erlaubt ist, Qiánlóng in die Augen zu sehen. Die somit verordnete Unsichtbarkeit des Kaisers deckt sich mit der verborgen agierenden Mechanik eines Automaten. Als Kaiser ist er sozusagen Uhrwerk und Antrieb einer sich ganzheitlich selbst überlassenen und fortschreitenden Idee der Regulierung; quasi die analoge Urform datenauswertender Algorithmen, deren Allgegenwärtigkeit wir uns nicht mehr entziehen können.

„Eine Uhr, die über alle Menschenzeit in den Sternenraum hinausschlug, ohne jemals stillzustehen, und deren Grenzen allein in der Dauer und dem Geheimnis der Materie selbst lagen“.

Der von Qiánlóng geäußerte Wunsch zum Bau einer „zeitlosen Uhr“ als Perpetuum mobile fällt mit Cox‘ kunstfertiger Überzeugung zusammen, physikalische Grundprinzipien aushebeln zu wollen. Der Drang zur Erschaffung eines aus sich selbst heraus tätigen Uhrwerks ist jedoch mehr als nur ein Instrumentarium zur Erfassung der Zeit. In ihm bleibt das durchaus theologisch konnotierte Moment der göttlichen Genese eines unbewegten Bewegers zur Selbstverewigung eingeschrieben. Dass Zeit aber letztlich „nur den Inhalt unseres eigenen Kopfes“ anzeigt, nur Interpretation oder Anschauungsform des Menschen sein könnte, sie quasi in uns und nirgendwo anders zu finden ist, liegt den Beteiligten fern.

Doch in der sich lange verzögernden Anfertigung dieser Uhr fürchten Cox und seine Mitstreiter bald selbst zu Opfer des Systems zu werden. Die wachsende Ungeduld des Kaisers zieht auch den Groll des Volkes auf die Tüftler. Zudem laufen sie Gefahr, mit der Inbetriebnahme einer ewigen Uhr die unantastbare Allmächtigkeit des Kaisers in Misskredit zu bringen. Um nicht weiter auf ihr eigenes Todesurteil zuzusteuern, finden Cox & Co. schließlich doch noch einen anderen Weg, um sich der Vollendung ihres Werks entziehen zu können.

Zeitstrukturen sind als Eigenschaft zunächst unsichtbar. Christoph Ransmayr kitzelt sie jedoch in Form von totalitären Ordnungs- und Kontrollmechanismen aus der Verborgenheit hervor. Umgesetzt wird dies vor allem in einer manisch bedeutungsaufgeladenen Wirklichkeit, in der vermeintlich alles spricht. Das symbolische Kapital von Natur und Kunst (besonders Wetter, Tiere, Architektur, Kleidung) deutet im Roman Cox oder der Lauf der Zeit immer schon im Vorfeld auf Handlungen voraus, die sich im Realen einmal erfüllen sollen; ähnlich der chinesischen Sprache selbst, die weitaus unerschrockener die Beseelung des Unbeseelten vorantreibt.

Neben der zwar beeindruckenden, doch in manchen Teilen archaischen, zuweilen biblisch geratenen Sprachgestalt, leidet das Buch daran, dass es die eigene Interpretation inmitten materialreicher Wortschlachten immer schon mit sich führt. Viele Motive bleiben dann nicht mehr der Phantasie überlassen, sondern werden stets zu schnell explizit gemacht. Der doppelte Boden ist sozusagen schon eingezogen worden, noch bevor die inhaltliche Grundierung vollständig austrocknen und auf den Leser einwirken konnte.

von Marcus Böhm

Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit. S. Fischer: Frankfurt a. M. 2016. 303 S., 22,00 Euro.

http://www.fischerverlage.de/buch/cox/9783100829511

5 thoughts on “Christoph Ransmayr: Cox oder Der Lauf der Zeit”

  1. Das Spiel mit der Zeit im historischen Kontext würde mich schon reizen. Ganz überzeugen kann es mich aber noch nicht. Mit Ransmayr hatte ich schon gute und schlechte Lese-Begegnungen (meine subjektive Meinung). Doch würde ich ihn gerne mal treffen, vielleicht wird dem Buch ja eine Lesereise folgen. Oft habe ich dann eine neue Sicht auf die Bücher eines Autoren.
    Diese Rezension habe ich sehr gerne gelesen.

    1. Das freut mich zu hören. Danke. Insgesamt ist es doch ein sehr kunstvolles Buch, das man gerne liest, auch wenn einem das ständig unter die Nase gerieben wird. Manchmal wirkt es vielleicht selbstgefällig, wenn der Autor dann zu sehr im Sprachdschungel schwelgt.

  2. Ich fand den Einstieg in das Buch sehr anstrengend, weil ich die meist sehr langen und ineinander verschachtelten Sätze stets mehrmals lesen musste, bis ich deren Inhalt verstanden hatte. Letztendlich habe ich mich durchgebissen. Im Schulnotensystem wäre der Historienroman eine glatte 3. In einer bemühten Sprache wird versucht ein Buch von der Klasse eines Medicus als Literatur zu verkaufen. Gerne hätte ich noch viel mehr über den Uhrmacher Cox erfahren, und wenn sich z. B. T.C. Boyle dem gleichen Thema angenommen hätte, wäre dies bestimmt der Fall gewesen. Nicht dass ich ihn für einen großen Literaten halte, aber er schreibt definitiv unterhaltsamer als Ransmayr.

    1. Ransmayr widmet sich tendenziell einer verspielteren Ästhetik, die durchaus ihre eigenen Reize verspricht und nicht gerade wenige Befürworter für sich gewinnt. Letztlich geht es Ransmayr in seinem Roman auch nicht wirklich um den Uhrmacher Cox, sondern um dasjenige, was mit seinem fiktiven Aufenthalt in China für unsere Gegenwart und damit für das Phänomen der Zeit fruchtbar gemacht werden kann.

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